Durch den Monat mit Seraina Rohrer (Teil 4) : Haben Sie Ihren Sohn mit in die Uni genommen?

Nr.  34 –

Seraina Rohrer ärgert sich über die engen Strukturen in unserer Gesellschaft und darüber, dass Kinderbetreuung heutzutage noch immer häufig Frauensache ist.

Seraina Rohrer: «Die Vorstellung, dass das Muttersein einfacher wird, wenn man älter ist, finde ich völlig falsch.»

WOZ: Seraina Rohrer, Sie sind sehr jung Mutter geworden …
Seraina Rohrer: Ja, dass ich einen Sohn habe, war in praktisch jeder Zeitung zu lesen, die über meine Anstellung geschrieben hat. Ich finde das schon okay, aber nervig finde ich, dass mich alle fragten, wie ich den Job und meine Rolle als Mutter eines vierzehnjährigen Kindes unter einen Hut bringen würde. Meine Stelle als Leiterin der Solothurner Filmtage ist eine Achtzigprozentstelle. Soll ich denn Vollzeit zu Hause bleiben für einen Sohn, der bald erwachsen sein wird? Das finde ich eine lustige Vorstellung.

Ausserdem: Die meisten Männer in vergleichbaren Funktionen haben auch Kinder – da hat nie jemand nachgefragt, wie sie das machen. Das ärgert mich wahnsinnig. Es zeigt, dass Kindererziehung in der Vorstellung unserer Gesellschaft immer noch völlig in den Händen der Frau liegt. Und das finde ich doch sehr erstaunlich.

Fasziniert es die Leute, dass Sie so jung Mutter geworden sind und es beruflich auch noch so weit gebracht haben?
Die Vorstellung, dass das Muttersein einfacher wird, wenn man älter ist, finde ich völlig falsch. Wenn man kleine Kinder hat und arbeitet, ist es fast schwieriger, als wenn man kleine Kinder hat und studiert. Ich war viel flexibler während des Studiums, als ich es jetzt in meinem Job bin. Zum Beispiel wenn ich zu Hause bleiben musste, weil mein Sohn krank war: An der Universität interessierte es keinen, ob ich an die Vorlesung kam oder nicht. Wenn ich aber in meinem jetzigen Job eine Sitzung mit Sponsoren habe – da kann ich unmöglich fehlen.

Haben Sie Ihren Sohn mit zur Uni genommen?
Nein, grundsätzlich nicht, vielleicht mal in eine Vorlesung. Aber ich war nur an drei Tagen in der Woche an der Universität, den Rest des Stoffs habe ich zu Hause erarbeitet. Mit dem heutigen Bachelorsystem geht das wahrscheinlich nicht mehr so einfach, aber damals war das noch gut möglich. Mit Kindern ist vieles auch reine Organisation! Trotzdem heisst das nicht, dass es einfach war. Ich stiess auch immer wieder an Grenzen.

Wie haben Sie sich organisiert?
Mein Partner hat unseren Sohn viel betreut – er arbeitete zu Beginn nur sechzig Prozent – und meine Mutter schaute an einem Tag. Ich selbst war an zwei Tagen zu Hause. Als ich mit Arbeiten begonnen habe, war mein Sohn schon im Kindergarten und daher nicht mehr so viel zu Hause.

Heute wohnen wir mit Freunden im Haus und haben ein sehr gutes Beziehungsnetz – das find ich wichtig. Aber es braucht natürlich auch die Väter, die schauen. Das System klemmt, wenn Männer hundert Prozent arbeiten müssen, weil sie mehr verdienen als die Frau, und die Frau dann zu Hause bleibt, obwohl sie ­eigentlich arbeiten möchte. Es darf nicht sein, dass es sich nicht mehr lohnt, zu arbeiten, wenn du Kinder hast, weil die Betreuung viel mehr kostet, als du verdienst. Das ist wirklich ein Problem.

Wie haben Sie sich finanziell organisiert? Sie waren ja noch in der Schule, als Ihr Sohn zur Welt kam.
Wir lebten mit extrem wenig Geld, und ich glaube nicht, dass ich mit mehr Geld glücklicher gewesen wäre. Wenn mir Kollegen von über tausendfränkigen Kinderwagen erzählen, dann muss ich sagen, habt ihr eine Ecke ab? Das ist doch einfach jenseits! Im Brockenhaus ­stehen Hunderte von Kinderwagen, die ­niemand mehr braucht. Wenn wir so teure Sachen hätten haben wollen, hätten wir ein Problem gehabt. Aber wir kauften die meisten Dinge im Brockenhaus oder bekamen sie geschenkt. Aber wenn du natürlich den Ferrari unter den Kinderwagen willst, dann brauchst du mehr Geld.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert, als Sie Mutter wurden?
Es gab ein paar die sagten, oje, Seraina, nun kannst du nicht ausbrechen und dein Ding machen. Aber ich konnte eigentlich fast immer das tun, was ich wollte. Und ich finde diese Schweizer Mentalität, in der die Strukturen eines Lebenslaufs so klar vorgegeben sind, extrem beengend. Zwischen 20 und 25 Jahren muss man wild sein, ausbrechen und reisen, von 25 bis 30 muss man einen Partner suchen und arbeiten, und zwischen 30 bis 35 Jahren muss man Kinder haben, sonst gilt man ja schon als Spätgebärende – das finde ich total nervig. Die Spannweite von dem, was wann in Ordnung ist, ist viel zu eng.

Ein Vorteil der Emanzipation ist, dass die Frauen wählen können, dass sie irgendwann zwischen achtzehn und vierzig Jahren Kinder haben können, wenn sie das denn wollen. Dass man als Frau noch erklären muss, wieso man mit 35 Jahren noch keine Kinder hat, finde ich so nervig.

Was hält Ihr Sohn von Ihrem neuen Job in Solothurn?
Er wollte unbedingt, dass ich die Stelle bekomme, da ich dann ein Familiengeneralabonnement für den Zug erhalte. Das war für ihn der Hauptgrund, denn er ist ein totaler Zug- und Velofreak. Und manchmal macht er Witzchen und nennt mich «Frau Direktorin» statt ­Seraina.

Seraina Rohrer (33) ist die neue Leiterin der Solothurner Filmtage. Wie ihr Sohn fährt sie gerne Zug und Velo. Sie lebt in Zürich und Solothurn und verbringt viel Zeit im Zug.