Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Mit welchem Alter kommt man in den solothurnischen Olymp?

Kurz vor Beginn ihrer letzten Literaturtage als Geschäftsleiterin erinnert sich Veronika Jaeggi an den Mai 1992, als sie von einem Dichter besungen wurde. Und daran, wie sie 1989 hochschwanger hinter dem Infostand sass.

Von Adrian Riklin (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

«Am späten Freitagabend kommen dann im ‹Kreuz› ganz viele alte Achtundsechziger zusammen»: Veronika Jaeggi, wenige Tage vor Beginn ihrer letzten Literaturtage.

WOZ: Veronika Jaeggi, Sie haben berichtet, wie 1979 an den ersten Literaturtagen ein Hund für Aufruhr sorgte. Was kommen Ihnen für weitere Momente aus den letzten 33 Jahren in den Sinn?
Veronika Jaeggi: Ich war in all den Jahren ja fast nie an einer «ganzen» Lesung, von Anfang bis Schluss. Ich weiss also nur aus der Presse oder von Besucherinnen, was passiert ist. Manchmal sage ich meinen Mitarbeiterinnen: So, das will ich jetzt unbedingt hören. Doch nach spätestens fünf Minuten muss ich wieder raus, weil mir dies und jenes einfällt. Davon können meine langjährigen Helferinnen ein Lied singen. Züsi Born aus Niederbipp etwa ist seit 1980 mit an Bord. Sie begann als Kantischülerin und blieb uns treu bis heute. 1994 stand sie hochschwanger am Infostand, wie ich …

Aber doch nicht gleichzeitig!
Wir haben uns abgewechselt. Meine Tochter Laura kam am 11. Mai 1989 auf die Welt – drei Tage nach den Literaturtagen.

Es gab also in diesen 33 Jahren nicht eine Lesung, an der sie von A bis Z dabei waren?
Doch, ich erinnere mich an einen Abend im Mai 1984 über Heimatliteratur mit Heinz Stalder, Beat Sterchi, Werner Wüthrich und Ernst Därendinger. Letzterer, ein Landwirt im Waadtländischen, hatte in seinem Buch «Der Engerling» beschrieben, was in einem Bauern vorgeht, wenn die Landschaft zubetoniert und sein Land zum Bauland wird. Als Bauerntochter ging mir das besonders nah. Walther Kauer hat dann dazwischengerufen, er habe das schon Jahre zuvor behandelt.

Sie selbst aber standen nie auf der Bühne?
1992, als wir erstmals Schriftsteller aus verschiedenen Kontinenten einluden, brachte die Berner Autorin Katharina Zimmermann einen indonesischen Autor nach Solothurn. Der damals bekannteste indonesische Dichter Pramoedya Ananta Toer konnte nicht kommen, weil er unter Hausarrest stand. Also kam Fridolin Ukur. Bevor er zu lesen begann, fragte er, wo die Direktorin sei. Dann musste ich auf die Bühne, und er begann mich als Gastgeberin zu ehren, so wie es sich wohl in seiner Heimat gehört. Er legte mir ein langes Stück Stoff über die Schultern und begann, mich auf Indonesisch zu besingen. Ich war ganz verdattert.

Diesen Freitag beginnen Ihre letzten Tage als Geschäftsleiterin. Worauf sind Sie besonders gespannt?
Es hat dieses Jahr so viele interessante Autoren, ich will nicht einfach etwas herauspicken. Natürlich: Philippe Jaccottet – auch wenn er selber nicht anwesend sein wird (vgl. «Er ist überhaupt kein Heiliger»). Ihm würde ich gönnen, dass das Stadttheater voll wird. Und dann freue ich mich auf Regina Dürig und Rolf Lappert, die ich eigentlich für das Jugendbuchprogramm engagiert hatte. Doch als ich Lapperts «Pampa Blues» gelesen hatte, dachte ich: Das interessiert nicht nur die Jugendlichen, das nehmen wir ins Hauptprogramm. Das Gleiche passierte mir bei der Lektüre von Dürigs Erstling «Katertag», der von einem Alkivater handelt. Gespannt bin ich zudem, wie Christian Kracht aus seinem umstrittenen Roman «Imperium» lesen wird.

Spannend wird auch der Nahostschwerpunkt: Alexandra Schraitach aus dem Libanon, Esat al-Kamhawi aus Ägypten, Nihad Siris aus Syrien und Nadschwa Bin Schatwan aus Libyen – zwei Frauen und zwei Männer aus verschiedenen arabischen Ländern und Generationen. Im Vorjahr wurde ja kritisiert, dass wir nichts zum Arabischen Frühling gemacht hätten. Aber ist es nicht absurd, von einer Autorin zu verlangen, zwei Monate nach Ausbruch der Revolution den grossen Revolutionsroman vorzulegen?

Und dann ist ja auch noch der Auftritt eines Trio Infernale angekündigt …
Richtig: Clemens Klopfenstein, Martin Hennig und Marcus P. Nester. Alle drei publizieren im kleinen Lunte-Verlag ihre neuen Romane. Hennig und Nester haben lange fürs Fernsehen gearbeitet. Seit kurzem sind sie pensioniert und haben gleich ein Buch geschrieben. Und Klopfenstein hat sich ja vor allem als Filmemacher einen Namen gemacht. Das wird sicher amüsant, die Romane spielen alle im Film- und Fernsehmilieu. Die Texte lagen uns erst vor, als das Programm quasi schon abgeschlossen war und wir nur noch eine Nocturne im «Kreuz»-Saal anbieten konnten. Da haben sie unisono gesagt: Genau das ist es! Am späten Freitagabend kommen dann im «Kreuz» wohl ganz viele alte Achtundsechziger zusammen …

Und zu feiern gibt es ja auch das eine oder andere …
Ja: Am Donnerstag werden Peter Bichsel und Giovanni Orelli mit dem grossen Schillerpreis geehrt. Und am Sonntag gibts ein Fest zu Ehren von Peter von Matt, der an dem Tag seinen 75. Geburtstag feiert. Das ist immer ein Glücksfall, wenn ein runder Autorengeburtstag in die Zeit der Literaturtage fällt. Es ist eh erstaunlich, wie viele Maigeborene es in der Schweizer Literatur gibt. Unter 75 bekommt man allerdings in Solothurn keine solche Ehrung.

Das ist also das Eintrittsalter in den solothurnischen Olymp?
Genau. Max Frisch hatte 1986 die Latte gesetzt.

Veronika Jaeggi (64) ist seit 1979 Geschäftsleiterin der Solothurner Literaturtage. Die 34. Ausgabe an diesem Wochenende 
vom 18. bis 20. Mai 2012 ist ihre Dernière. Auf Ende Juni übergibt sie ihr Amt Bettina Spoerri. 
Die 35. Literaturtage wird sie erstmals in vollen Zügen als Zuhörerin geniessen.

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