Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Kampf für teure Pillen

Von Daniel Stern

Verschiedene multinationale Pharmakonzerne, darunter auch die Schweizer Firmen Roche und Novartis, bekämpfen auf juristischem Weg die Abgabe von billigen Medikamenten in Indien. Ein weiteres Kapitel in diesem Kampf war die Anhörung in einem Rechtsstreit der deutschen Firma Bayer mit den indischen Patentbehörden vor einem Appellationsgericht in Chennai vom Dienstag. Das Urteil wird in den kommenden Wochen erwartet.

Bayer hatte gegen eine amtliche Entscheidung geklagt, ihr teures Krebsmedikament Nexavar in Zwangslizenz zur Herstellung für andere Pharmafirmen freizugeben. Die Behörden störten sich daran, dass das Bayer-Medikament nur für einen kleinen Prozentsatz der KrebspatientInnen bezahlbar ist. Seit dem Amtsentscheid vom März ist der Preis für die Anwendung des Medikaments von 5500 auf 175 US-Dollar pro Monat gesunken. Indien ist seit 2005 Mitglied der Welthandelsorganisation WTO und muss sich an die internationalen Patentregeln halten. Allerdings hat es sich mit dem Mittel der Zwangslizenzvergabe die Möglichkeit gegeben, lebenswichtige Medikamente günstig zugänglich zu machen.

Auch die Schweizer Firma Novartis befindet sich im Rechtsstreit mit den indischen Patentbehörden. Der Fall liegt inzwischen vor dem obersten Gericht Indiens und wird als Schlüsselprozess im Kampf der internationalen Pharmamultits angesehen (siehe WOZ Nr. 8/12). Dabei geht es um das Krebsmedikament Gleevec (in der Schweiz als Glivec gehandelt). Die indischen Behörden verweigerten Novartis nach dem WTO-Beitritt den Antrag auf dessen Patentschutz. Sie argumentierten, dass das Medikament «keine wirkliche medizinische Innovation» mehr darstelle. Novartis dagegen bestreitet die amtliche Interpretation des entsprechenden Patentgesetzes. Kommt sie damit durch, so wäre das aus Sicht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen für viele PatientInnen katastrophal. «Es wäre schlicht unser Todesurteil», sagt Vikas Ahuja, Präsident der Vereinigung von HIV-positiven Menschen in Delhi, gegenüber der britischen Zeitung «Guardian».

Indien wird von den grossen Pharmakonzernen als Markt der Zukunft angesehen. Gemäss einer Studie des globalen Beratungsunternehmens Pricewaterhouse Coopers soll der indische Pharmamarkt von 11 Milliarden auf 74 Milliarden US-Dollar bis ins Jahr 2020 wachsen. Gelingt es den Pharmamultis, das indische Patentrecht zurechtzubiegen, so ist dadurch auch die indische Generikaindustrie bedroht. Diese beliefert nicht nur den Heimmarkt mit günstigen Medikamenten, sondern exportiert diese Medikamente auch in viele Entwicklungsländer.

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