Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Eine linke Rive-Reine-Konferenz?

Wie Vasco Pedrina ein exklusives Treffen der gewerkschaftsnahen Linken mitbegründete und wie die gemütlichen Zeiten der Hochkonjunktur und des Arbeitsfriedens überwunden werden mussten.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Vasco Pedrina: «Ich dachte mir, warum sind die Linken nicht in der Lage, eine ähnliche Tagung zu organisieren wie die Wirtschaftskapitäne?»

WOZ: Vasco Pedrina, diesmal reden wir am Rande der Rotschuo-Tagung, einer nicht öffentlichen Konferenz der gewerkschaftsnahen Linken, die Sie Ende der neunziger Jahre mit Paul Rechsteiner begründet haben. Wie kam es dazu?
Vasco Pedrina: Ich weiss gar nicht, ob Paul einverstanden ist, wenn ich das erzähle: Vorbild war die Rive-Reine-Konferenz der Wirtschaftskapitäne. Diese Konferenz war damals noch geheim und klein, die Rechten besprachen dort die politische Agenda der nächsten Jahre – und kurze Zeit später erschien in der NZZ jeweils ein langer Artikel mit ihren Schwerpunkten. Weil wir in der Schweiz sind, lud man auch den Präsidenten des Gewerkschaftsbunds ein, und ich dachte mir: Warum sind die Linken nicht in der Lage, eine ähnliche Tagung zu organisieren, auf der sie die Probleme der nächsten Jahre diskutieren? Das Niveau der Diskussionen war bei Rive-Reine zwar nicht sehr hoch, aber ich fand das Konzept interessant. Als Paul Rechsteiner Präsident des Gewerkschaftsbunds wurde, haben wir das zusammen in Rotschuo gestartet.

War Rive-Reine denn interessant für Sie?
Avenir Suisse zum Beispiel wurde dort erfunden! Rive-Reine ist ein Treffen des Kapitals und seiner politischen Vertreter; ein wichtiger Ort für Kontakte, die uns später in einigen Konflikten sogar etwas nützten. – Ecco! Aus Rive-Reine ist nicht bloss Avenir Suisse, sondern auch die linke Rotschuo-Tagung entstanden, auf der wiederum das linke Denknetz erfunden wurde: Das ist die Dialektik der Geschichte.

Kehren wir zu Ihrer Biografie zurück. 1988 wurden Sie von den Saisonniers zur Gewerkschaft Bau und Holz (GBH) geholt. 1991 wählte man Sie dort zum Präsidenten. Wie kam es zu dieser steilen Karriere?
Es gab wohl zwei Gründe: In der Gewerkschaft herrschte damals ein «Generationenloch», ein Mangel an überzeugenden Führungskräften im richtigen Alter, und ich erzielte einige Erfolge bei der Durchsetzung der Anliegen der Migranten und bei der Mobilisierung. Als ich Anfang 1990 eine Demonstration gegen das Saisonnierstatut in Bern vorschlug, gab es zunächst grosse Zweifel im Zentralvorstand, ob wir eine nationale Demo überhaupt schaffen könnten. Die letzte hatte 1980 stattgefunden. Doch in den Wochen vor dem Anlass bekam die Sache eine ganz eigene Dynamik, und Mitte September hatten wir 20 000 Leute auf dem Bundesplatz. Das war ein riesiger Erfolg, der mir schliesslich auch den Weg zum Präsidium öffnete. Ich war nicht der offizielle Kandidat, sondern der Kandidat der Linken.

Sie standen für Veränderung?
Ja, es gab ein grosses Bedürfnis nach Veränderung. Zu jener Zeit wurde die Krise gerade spürbar, die einen riesigen Umstrukturierungsprozess in der Wirtschaft auslöste, eine starke Zunahme der Arbeitslosigkeit, einen sehr grossen Druck auf die sozialen Beziehungen. Die Spitze der Arbeitgeber folgte dem Thatcherismus und erklärte in den neunziger Jahren, Gesamtarbeitsverträge seien Relikte aus der Vergangenheit. Die Arbeitnehmer bräuchten keine Gewerkschaften mehr. Dabei nützten die Arbeitgeber schamlos die Schwächen der Gewerkschaften aus der Politik des Arbeitsfriedens aus. Es war also eine Kehrtwende auf unserer Seite nötig. Ohne politische Neuausrichtung und ohne innere Reorganisation hätten die Gewerkschaften diese Herausforderungen nicht bewältigt. Wir prägten deshalb die Formel, dass wir aus einer Gewerkschaft der Hochkonjunktur zu einer Gewerkschaft für raue Zeiten werden mussten.

Was bedeutete das?
Wieder mobilisierungsfähig zu werden. In der Hochkonjunktur war die gewerkschaftliche Mobilisierungsfähigkeit extrem geschwächt. Zugleich mussten wir wieder referendumsfähig werden. Wenn man in unserem Land ernst genommen werden möchte, muss man ab und zu zeigen, dass man streiken kann, und man muss fähig sein, sich mit Referenden und Initiativen wenigstens als Vetomacht zu etablieren. Dazu waren die Gewerkschaften nicht mehr in der Lage. Sie schafften es nicht mal mehr, 50 000 Unterschriften zu sammeln. Diese Probleme mussten wir dringend lösen. Ich denke, wir haben es nicht schlecht gemacht.

Wann wurde die GBH zur grössten Gewerkschaft?
Anfang der neunziger Jahre überholte sie den Smuv. Das hatte auch damit zu tun, dass sich die GBH als eine der ersten Gewerkschaften in Europa für die Migranten öffnete und Migranten als Funktionäre anstellte – lange vor dem konservativeren Smuv. Die Migranten trugen ihrerseits dazu bei, dass die GBH sich für die 68er-Generation öffnete. So ist es nicht zuletzt ein Verdienst der Migranten, wenn gerade zum Zeitpunkt der neoliberalen Triumphe und der starken Krise der neunziger Jahre eine neue Generation an die Spitze trat, die wusste, dass eine Wende unumgänglich war.

Wann trat diese Wende denn ein?
Bei der Referendumsfähigkeit im Dezember 1996, als wir das Referendum gegen die Arbeitsgesetzrevision gewannen, die eine Öffnung gegenüber Nachtarbeit und Sonntagsarbeit enthielt. Mit Streiks in Betrieben und 2002 mit dem ersten erfolgreichen Branchenstreik für das Rentenalter sechzig für Bauarbeiter zeigten wir, dass auch unsere Mobilisierungskraft wieder ernst genommen werden musste.

Vasco Pedrina (62) war von 1994 bis 1998 zusammen mit Christiane Brunner Kopräsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds.

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