Nr. 17/2013 vom 25.04.2013

Beginnt jetzt ein neuer Zyklus? Braucht es den 1. Mai?

Wie der ehemals mächtigste Gewerkschafter des Landes giftige Konflikte zwischen Gewerkschaften erlebte, wo es noch gewerkschaftliche Wüsten gibt und wieso ihn seine eigenen alten 1.-Mai-Reden interessieren.

Von Stefan KellerMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Vasco Pedrina: «Unser Projekt war, dass die Gewerkschaftsbewegung als soziale Kraft in der Gesellschaft wieder ernst genommen wird. Das ist uns gelungen.»

WOZ: Vasco Pedrina, wo halten Sie dieses Jahr die 1.-Mai-Rede?
Vasco Pedrina: Ich halte keine, und eigentlich bin ich erleichtert darüber. Während dreissig Jahren hielt ich jedes Jahr eine Rede, oft zwei, manchmal drei. Auf diese Weise lernte ich am 1. Mai die ganze Schweiz kennen.

Taten Sie es nicht so gern?
Doch, ich tat es gern. Nur hatte ich manchmal den Eindruck, mich zu wiederholen. Übrigens habe ich alle meine 1.-Mai-Reden in einem Ordner gesammelt. Ich möchte sie gelegentlich durchschauen, mich interessieren die Kontinuitäten und die Zäsuren, die Veränderungen, die darin zum Ausdruck kommen.

Wie wichtig ist der 1. Mai für moderne Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter noch?
Es gab Zeiten, in denen ich an dieser Tradition zweifelte. Inzwischen glaube ich, dass es gut ist, wenn der 1. Mai so bleibt, wie er ist. Unabhängig von den grossen Wellen und Schwankungen der Geschichte gibt er unserer Bewegung eine sichtbare Kontinuität. Besonders bei den gewerkschaftlichen Vertrauensleuten, unseren aktiven Kollegen und Kolleginnen, hat er eine grosse Bedeutung. An diesem Tag erhält ihr Engagement einen zusätzlichen Schub für das ganze Jahr. Und immerhin ist es der einzige weltumspannende Feiertag, der nicht auf einen kirchlichen Ursprung zurückgeht.

Zusammen mit Leuten aus Ihrer Generation haben Sie die Gewerkschaften modernisiert, Sie stehen für eine fortschrittliche Phase in der Geschichte der Bewegung. Jetzt werden die Achtundsechziger pensioniert – beginnt damit ein neuer Zyklus?
Zyklen gibt es in der Geschichte immer wieder, aber wann genau sie beginnen und wann sie zu Ende sind, wird erst im Nachhinein feststellbar. Unser Projekt war, dass die Gewerkschaftsbewegung als soziale Kraft in der Gesellschaft wieder ernst genommen wird. Das ist uns gelungen. Auch die jüngeren Leute, die jetzt ans Ruder kommen, stehen vor grossen Herausforderungen. Intern geht es darum, eine neue Generation von Vertrauensleuten für die Bewegung zu gewinnen. Extern müssen wichtige Branchen der Dienstleistungsgesellschaft, etwa das Gesundheitswesen, gewerkschaftlich besser erschlossen werden.

Es gibt doch schon Gewerkschaften im Gesundheitswesen?
Aber es gibt in diesem Bereich auch gewerkschaftliche Wüsten. Viele Pflegeheime zum Beispiel. Auch in anderen Branchen müssen die Gewerkschaften endlich eine Kraft werden. Wie immer geht es um Fragen des Lohns, der Renten und der Beschäftigung – aber im Kontext einer langen Epoche des Neoliberalismus, die zu einer sehr starken Zunahme der Ungleichheiten führte. Die grösste Aufgabe der neuen Generation ist es, hier eine Kehrtwende zu schaffen. Sonst besteht die Gefahr – wie der Historiker Eric Hobsbawm sagte –, dass die Ungleichheiten uns wieder in ein Zeitalter der Extreme führen: in eine Epoche der gesellschaftlichen Polarisierung, in der sowohl die Demokratie als auch der Friede infrage gestellt werden.

Bei der praktischen Arbeit entstehen zwischen Gewerkschaften giftige Konflikte. Etwa wenn die Unia im Gesundheitswesen oder bei den Zürcher Verkehrsbetrieben auf Mitgliederwerbung geht.
Auch solche Konflikte zwischen verschiedenen Apparaten kommen in der Geschichte häufig vor. Dabei geht es um die Frage, wie sich Gewerkschaften organisieren sollen. Das Problem ist ja, dass die Realität sich oft sehr schnell verändert, und die Organisationen passen sich zu wenig schnell – oder unterschiedlich schnell – an diese Veränderungen an. Es ist also eine Gratwanderung: einerseits die Veränderung vorantreiben und gleichzeitig mit politischer Intelligenz die Spaltung vermeiden. In meiner Generation hatten wir dasselbe Problem, als wir uns 1996 entschlossen, die kleine Unia zu gründen, die erste Gewerkschaft mit diesem Namen, die ein Projekt von SMUV und GBI war, um in bestimmten Dienstleistungssektoren Fuss zu fassen. Das führte zu Auseinandersetzungen mit der Gewerkschaft VHTL, die für diese Sektoren zwar zuständig, aber zu klein war, um sie zu organisieren. Es gab grosse Spannungen, die schliesslich produktiv wurden, denn es kam zur Fusion. Aus GBI, SMUV und VHTL entstand 2004 die grosse Unia: Heute haben wir in dem umstrittenen Bereich zwei- bis dreimal mehr Mitglieder als damals.

Ein anderes Konfliktthema ist die Personenfreizügigkeit, für die Sie ein Leben lang kämpften. Sie wird auch von Linken infrage gestellt.
Die einzige Alternative zur Personenfreizügigkeit – mit flankierenden Massnahmen gegen Lohndumping, in der Wohnungs- und Steuerpolitik und so weiter – ist das Kontingentierungssystem. Dieses System, das früher von den Gewerkschaften unterstützt wurde, führt unvermeidlich zu grossen Diskriminierungen, zu unmenschlichen Zuständen und zu fremdenfeindlichen Tendenzen auch innerhalb der Bewegung, also zu einer Spaltung. Natürlich kenne ich als Tessiner die realen Probleme in den Grenzregionen. Natürlich muss die Gewerkschaft alles daran setzen, dass auch richtige Lösungsansätze gefunden werden und nicht nur Scheinlösungen. Aber Diskriminierung kann doch nicht die Alternative sein.

Vasco Pedrina (62) war als erster Kopräsident der Unia mächtigster Gewerkschafter der Schweiz. Seit letztem Sommer ist er zumindest formell pensioniert und befragt jetzt alte Genossen über die gemeinsame Geschichte.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch