Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Sie gehörten zur «fünften Kolonne»?

Die Schwarzenbach-Initiative traumatisierte ihn, für die Abschaffung des Saisonnierstatuts agitierte er ausländische Ministerpräsidenten: Jetzt ist der Gewerkschaftsboss Vasco Pedrina – zumindest sonntags – in Rente.

Von Stefan Keller (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Vasco Pedrina vor der Skulptur «Prometheus» von Werner F. Kunz auf dem Zürcher Werdplatz: «Mit dem Argument der Menschlichkeit kamen wir bei den Bürgerlichen nicht durch.»

WOZ: Vasco Pedrina, seit einigen Monaten sind Sie Rentner. Was tut ein pensionierter Gewerkschaftsführer den ganzen Tag?
Vasco Pedrina: Ich bin wohl kein typischer Pensionierter. Tatsächlich habe ich immer gerne gearbeitet und hatte deshalb auch kein grosses Bedürfnis aufzuhören. Klar bin ich heute freier als früher, gehe mehr auf Skitouren, habe mehr Zeit für Kultur, und an Sonntagen arbeite ich meistens nicht mehr. Aber ich bin gewerkschaftlich immer noch sehr engagiert.

Sie sind jetzt vor allem in internationalen Gremien aktiv. Internationalismus war aber schon früher Ihre Spezialität …
Das hat mit meiner 68er-Vergangenheit zu tun. Damals musste jeder gute Linke einen Teil seiner Kräfte für die internationale Solidarität einsetzen. Bei mir ist es so geblieben. Anfang der siebziger Jahre – kurz nach der Abstimmung über die Schwarzenbach-Initiative 1970 – begann ich, mich in der Migrationspolitik zu engagieren. Die Migration wurde auch mein Link zur Gewerkschaftsbewegung.

James Schwarzenbach wollte damals Hunderttausende AusländerInnen aus der Schweiz wegschicken. Fast wäre ihm das gelungen. Er hat gerne geprahlt, seine Initiative sei von den Schweizer Arbeitern mitgetragen worden. Wie haben Sie als Linker darauf reagiert?
Es war eine traumatische Erfahrung zu sehen, dass ein Rechtspopulist unsere Bewegung so extrem spaltete. Wenn wir diese Spaltung überwinden wollten, mussten wir das herrschende System der Ausländerkontingente infrage stellen. Als Erstes begannen wir, gegen das diskriminierende Saisonnierstatut zu kämpfen. Anfang der achtziger Jahre engagierte ich mich für die «Mitenand-Initiative». Daraus wurde eine riesige Niederlage.

Was wollte die «Mitenand-Initiative»?
Ihr Hauptziel war eben die Abschaffung des Saisonnierstatuts. Wegen der Niederlage war dieses Thema dann für mehrere Jahre vom Tisch. Doch 1987 kamen Migranten der Gewerkschaft Bau und Holz (GBH) zu mir und sagten: Wir wollen dich als unseren Vertreter, wir brauchen einen Schweizer, um unsere Anliegen durchzusetzen!

Ein Schweizer als Vertreter der Migranten?
Ja. In der GBH hatten sie einen Sitz in der Geschäftsleitung erkämpft. Ich arbeitete damals beim Gewerkschaftsbund, jetzt kam ich zur GBH, und sofort stellte sich die Frage: Wie nehmen wir das Thema «Saisonnierstatut» aus der Schublade? Mehr als sechzig Prozent der GBH-Mitglieder waren Saisonniers.

War es einfach, diese Leute zu organisieren?
Es war sogar sehr einfach im Vergleich zu heute. Wenn sie zum Beispiel aus Jugoslawien kamen zu Beginn der Saison – ganze Züge voll mit Saisonniers –, dann stieg man abends in Belgrad in den Zug ein, und am Morgen waren alle Gewerkschaftsmitglieder. Auch an der Grenze, wo sie tagelang auf die sanitarische Eintrittskontrolle warten mussten, hatte man gut Zeit, sie zu organisieren. Oder in ihren Baracken am Abend. Eine weitere Möglichkeit ergab sich bei der Verteilung der Kontingente. In manchen Kantonen konnten wir dabei mitreden: Wenn eine Firma ein Kontingent erhalten wollte, musste sie die Leute korrekt behandeln und ihnen das Recht geben, sich gewerkschaftlich zu organisieren. So erklärt sich unser hoher Organisationsgrad. Die Saisonniers hatten auch ein sehr grosses Bedürfnis nach Unterstützung.

Wie gelang es, das Saisonnierstatut abzuschaffen?
Wir wussten: Mit dem Argument der Menschlichkeit allein kamen wir nicht durch. So entwickelten wir eine volkswirtschaftliche Argumentation, die bei den Bürgerlichen schon besser wirkte. Entscheidend war aber eine dritte Idee: Anfang 1989 bot Jacques Delors, der Präsident der Kommission der Europäischen Gemeinschaft, der Schweiz und anderen Ländern einen europäischen Wirtschaftsraum mit Personenfreizügigkeit an. Für die Wirtschaft war das attraktiv. Für uns war es der nötige Hebel: Wir haben damals mit Mário Soares und Giulio Andreotti gesprochen, dem portugiesischen Präsidenten und dem italienischen Ministerpräsidenten, und – besonders wichtig – mit Felipe González, dem spanischen Ministerpräsidenten. González kam als Vorsitzender des Europäischen Rats nach Bern. Er war bereit, uns zu treffen. Der Direktor des Arbeitgeberverbands bezeichnete mich deswegen als «Fünfte Kolonne» der Schweiz.

«Fünfte Kolonne», wieso?
Weil wir ausländische Regierungen «gegen die Schweiz montierten»: Wir haben ihnen erklärt, dass für ihre Länder jetzt die Gelegenheit da sei, die Abschaffung des Schweizer Saisonnierstatuts zu verlangen. Sie haben das positiv aufgenommen. Am meisten hat González bewirkt, am wenigsten Andreotti. Als dann 1992 der Beitritt der Schweiz zum EWR abgelehnt wurde, war die Abschaffung des Saisonnierstatuts so weit gediehen, dass sie nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Acht Jahre später gab es die bilateralen Verträge mit Personenfreizügigkeit und flankierenden Massnahmen gegen Lohndumping. Im Kampf gegen das Saisonnierstatut hatten wir Gewerkschaften erstmals gelernt, die Interessen der Schweizer Aussenwirtschaft als Hebel für unsere Anliegen zu nutzen. Das war auch die Basis für die flankierenden Massnahmen.

Vasco Pedrina (62) war Präsident der Gewerkschaft Bau und Industrie und später Kopräsident der Unia.

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