Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Auf Gewinn kann nur gehofft werden

Die Schweizer Verlagsszene ist munter und setzt auf ihre eigenständige Qualität, obwohl sie vom Buchhandelssterben betroffen ist. E-Books werden weiterhin in nur sehr geringer Zahl vertrieben, wie eine WOZ-Umfrage zeigt.

Von Stefan Howald

Der Untergang ist um ein weiteres Jahr verschoben. Auch 2014 werden Schweizer Verlage Bücher drucken lassen, sinnlich betörend, vom Geruch aus Druckerschwärze und Leim und Holzpapier umweht, haptisch schmiegsam in den Händen, geheimnisvoll knisternd beim Umblättern der Seiten, mit praktischem Lesebändchen – Bücher, bei denen sich Welten auftun.

Doch die Luft im Verlagsgeschäft wird dünner. Gewinne werfen die Unternehmen offensichtlich nicht ab, alle sind schon zufrieden, wenn sie eine schwarze Null schreiben.

208 Verlage sind dem Schweizer Branchenverband angeschlossen, und insgesamt sind es wohl 450. Sie erwirtschaften mit 3300 Angestellten einen Umsatz von rund 400 Millionen Franken. Die Schweizer Verlage sind klein, verglichen mit jenen in den Nachbarländern, mit denen sie im gleichen Sprachgebiet konkurrieren: Diogenes, der als Riese erscheinen mag, nimmt unter den deutschsprachigen Verlagen gerade mal Platz 44 ein; dann folgen unter den 100 grössten noch der im populären Sachbuchbereich tätige AT Verlag sowie Orell Füssli.

Schön mischrechnen

Belletristik wird zumeist in noch kleineren Verlagen hergestellt. Die sind aber einigermassen frohgemut. Auf eine kleine Umfrage der WOZ bei 28 Verlagen haben 14 geantwortet, vom Appenzeller Verlag über Dörlemann und Nagel & Kimche bis zum Rotpunktverlag und Scheidegger & Spiess. Zwei, drei von ihnen haben in den letzten Jahren ihr Programm reduziert, zugunsten der «Qualität» und des «schärferen Profils», bei den meisten ist es gleich geblieben, und einige wenige wagen sogar eine Expansion. Im Durchschnitt produzieren diese KMUs des Schweizer Verlagswesens pro Jahr 25 Titel. Alle arbeiten sie mit einer Mischrechnung, die ganz einfach geht: Ein Drittel der Bücher macht moderaten Gewinn, ein Drittel erwirtschaftet gerade die Kosten, ein Drittel fährt Verluste ein – so kommt man ins nächste Verlagsprogramm. In den Sprachregelungen haben gelegentlich betriebswirtschaftliche Termini Einzug gehalten; was nicht viel an der Situation ändert. Mit Gewinn kann nicht kalkuliert, es kann nur darauf gehofft werden. Selbst der Break Even bleibt zumeist auf Quersubventionierungen angewiesen. Professionelles Fundraising gehört mittlerweile ganz selbstverständlich zur Verlagsarbeit. Subsidiarität ist das zweischneidige Stichwort: Nur wenn Stiftung A etwas gibt, macht auch B mit; aber wenn C Geld spricht, findet D womöglich eine Unterstützung nicht mehr nötig.

Ungeliebte E-Books

Alle Schweizer Verlage bieten mittlerweile wohl oder übel E-Books an, einige versuchsweise und zögerlich, andere konsequent, wenn auch nicht begeistert. Besonders im Kunstbuchbereich wird dafür noch keine grosse Dringlichkeit gesehen. Kerstin Forster von den Verlagen Benteli und Niggli erläutert: «Im Kunstbereich ist Sehen, Fühlen, Anfassen immer noch das stärkste Argument für den Druck – und kann durch E-Books nicht kompensiert werden. E-Books müssten als E-Book konzipiert werden und nicht als digitale Version des gedruckten Buchs erscheinen, das heisst, Inhalte müssen schon publikationsspezifisch anders angelegt werden», was zugleich organisatorische Anpassungen verlange. Auch Lars Müller von Lars Müller Publishers hat kürzlich im Branchenblatt «Schweizer Buchhandel» darauf hingewiesen, dass die analoge und die digitale Welt in ihren unterschiedlichen Qualitäten begriffen werden müssen. Büchern beigelegte CD-ROMs zum Beispiel hätten eine «Kränkung» für die analogen Bücher bedeutet und seien als Form definitiv vorbei. «Es ist kein Makel, analog zu sein.» Aber auch er will Synergien nutzen: So hat er beispielsweise in einem Buch über Le Corbusier als Fotograf mit eingedruckten QR-Codes eine Verbindung zu Filmsequenzen hergestellt.

Die Umsätze, die mit digitalen Versionen in der Belletristik erzielt werden, sind nach wie vor klein. «Minimal», «gering», «im kleinen Prozentbereich» oder wiederum «gering», heisst es bei den Verlagen. Selbst beim Appenzeller Verlag, der alle Titel zeitgleich als E-Book anbietet, liegt deren Umsatz im besten Fall bei zehn Prozent und über den gesamten Verlag gerechnet bei zwei Prozent des Gesamtvertriebs. Dennoch, meint Liliane Studer vom Dörlemann-Verlag seufzend, sei das «eine Entwicklung, bei der der Verlag dabei sein will und muss». Veränderungen ergeben sich dabei wohl beim Vertriebssystem; so arbeitet der Verlag «hier + jetzt» mit einer spezifischen Plattform in Deutschland zusammen.

Zum Stolz aufs analoge Buch gehört die Betonung der Lektoratsarbeit. «Sehr viel» wird darin investiert, wird versichert, oder «enorm viel», zwischen dreissig und fünfzig Prozent der Verlagsarbeit – wobei da die Lektoratsarbeit weit gefasst werden dürfte.

Der kriselnde Buchhandel

Weitgehende Einigkeit besteht darin, was die grössten Bedrohungen für die Schweizer Verlagsszene darstelle: die zunehmende Schwächung des Buchhandels, die Konzentration bei wenigen Ketten und das Sterben kleinerer Buchhandlungen; dazu der Wechselkurs zum Euro. Das Stichwort von der «Aldisierung des Handels» fällt in den Umfrageantworten zweimal. Dazu gehören auch die schleichenden Konsequenzen der Aufhebung der Preisbindung, die eine Koalition von Ex Libris und philiströsen Jungfreisinnigen einer Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten als neoliberalen Fortschritt verkaufen konnte. Der Onlineeinkauf etwa durch Amazon wird nicht speziell erwähnt, wohl, weil er für Schweizer Belletristik und Sachbücher noch nicht die gleiche Rolle spielt wie für internationale Bestseller.

Dabei habe es die Schweizer Gegenwartsliteratur generell schwer, wahrgenommen zu werden, erklärt Studer. «Was das Etikett ‹Schweizer› trägt, ist Provinz und vernachlässigbar – aus der Sicht des nördlichen Nachbarn.» Auch Cornelia Mechler von Scheidegger & Spiess klagt über «die erdrückende Konkurrenz der Verlage vor allem aus Deutschland». Mangelnde öffentliche Unterstützung und «Niedergang des Feuilletons», fügt Susanna Brupbacher Wild vom Chronos-Verlag als weitere Ursachen an. Ein wenig Selbstkritik wird auch geäussert, an «mangelnder Fantasie» und «mangelhaftem Realitätssinn» (Simon Rüttimann von NZZ Libro) oder «wenn unter dem Realitätsdenken der Verlagsmanager die Leidenschaft der Verleger erlischt» (Marcel Steiner vom Appenzeller Verlag). Eine besondere Gefahr macht Yvonne-Denise Köchli von der Edition Xanthippe aus: «das Selfpublishing, dass jeder heute ein Kulturschaffender sein will, jeder auf seinem eigenen Egotrip Bewunderer sucht».

Gegen den ökonomischen Druck hilft zuweilen ein Bestseller. Die «Geschichte der Schweiz» von Thomas Maissen ist bei «hier + jetzt» bereits in der vierten Auflage ausgeliefert worden, und so etwas schafft temporär Freiräume. Obwohl, wer kann so etwas schon kalkulieren? Abgesehen von der Verpflichtung von Dan Brown oder J. K. Rowling scheint es keine todsicheren Rezepte zu geben. Und wer eines kennt, will es aus Konkurrenzgründen nicht verraten. So bleibt nur das Vertrauen in die eigene Qualität.

Es gibt natürlich auch andere Erfolgsgründe. Die Beobachter-Edition mit ihren Ratgeberbüchern beispielsweise ist in den letzten Jahren markant gewachsen. Urs Gysling hat dem «Schweizer Buchhandel» verraten, was deren Longseller schlechthin ist: «Scheidung». Der liegt bereits in der 16. Auflage vor.

Aber auf so etwas lässt sich natürlich nicht eine ganze Branche aufbauen.

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