Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

«Wenn du etwas tun willst, dann musst du es angreifen»

Die Musik bestimmte schon immer ihr Leben: früher als Tänzerin, heute als Musikerin. Die US-Amerikanerin Becky Lee Walters tingelt mit ihrer One-Man-Band durch die Welt. Und steht zurzeit im «Woyzeck» auf der Bühne.

Von Silvia Süess (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

«Ich dachte, ich bleibe einen Sommer in Bern, doch es wurden fast fünf Jahre daraus»: Becky Lee Walters lebte in der Wohnwagensiedlung Zaffaraya – heute tourt sie durch die halbe Welt.

Es ist etwa dreizehn Jahre her, dass ich Becky Lee Walters das erste Mal gesehen habe. Sie war plötzlich in Bern und unterrichtete Lindy Hop – einen Tanz, den damals in der Stadt noch niemand kannte. Sie war eine hervorragende Tänzerin, schüchtern, schweigsam, und verlieh den Schritten und Bewegungen ihres Tanzpartners die nötige Vollendung.

Jetzt treffe ich sie in einem Restaurant in der Nähe des Zürcher Schiffbaus. «Wenn du etwas über mich schreiben möchtest, solltest du ‹Woyzeck› schauen kommen», hat sie am Telefon auf Englisch gesagt, «denn das ist im Moment ein wichtiges Projekt in meinem Leben.»

Das tu ich dann auch. Kurz nach Beginn von Georg Büchners Stück im Zürcher Schiffbau betritt Becky als Musikantin mit einem Saxofon um den Hals, im Gänsemarsch mit anderen MusikantInnen, die Bühne. Das Saxofon wird sie im Lauf des Stücks nicht spielen, dafür Xylofon, Schlagzeug und Gitarre. Zwischendurch singt sie mit dunkler, klarer Stimme. In schwarzen, engen Hosen, hohen Stiefeln und einer breitschultrigen, schwarzen Jacke bewegt sie sich auf der Bühne und integriert sich als Musikerin in Stefan Puchers Inszenierung (siehe WOZ Nr. 38/13).

Ohne festen Wohnsitz

«Es ist wunderbar, dass ich mich so frei auf der Bühne bewegen kann», sagt Becky nach der Aufführung im leeren Theatersaal. Sie hat sich umgezogen, ihr dunkles Haar trägt sie noch immer kunstvoll hochgesteckt. Sie zeigt auf ihre Gitarre: «Die ist kabellos. Deshalb kann ich mich so gut bewegen. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie ich sonst auftrete.»

Becky ist seit Jahren allein unterwegs mit ihrer «One-Man-Band» Becky Lee and Drunkfoot – nach ihren Jahren als Tänzerin hat sie sich als Musikerin neu erfunden. Bei ihren Auftritten sitzt sie hinter einem Schlagzeug, die Gitarre um den Hals und das Mikrofon vor dem Mund – ihre Bewegungsfreiheit ist dadurch ziemlich eingeschränkt. Mit dem Schlagzeugstick schlägt sie aufs Schlagzeug und fährt über die Gitarrensaiten. Sie singt von unglücklicher Liebe, von der Einsamkeit und von altmodischen Männern, säuselt und schreit, klingt mal nach Rock ’n’ Roll, mal nach Punk, mal nach Country, mal nach Blues.

Bei einem Glas Weisswein sagt Becky: «Es ist der Lebensstil der One-Man-Bands, der mir gefällt. Ich bin total frei und unabhängig. Ich entscheide, wann ich wo was mache, und muss mich nach niemandem richten und niemandem folgen.» Klar, sie sei auch einsam, aber das sei der Preis, den sie für ihre Unabhängigkeit bezahle. Die letzten Jahre lebte sie in Australien, in den USA, momentan macht sie in der Schweiz halt, bald tourt sie durch Belgien, Holland, Italien und Frankreich, nächstes Jahr geht es nach Brasilien und Argentinien. Einen festen Wohnsitz hat sie seit Jahren nicht mehr.

Grossmutter der Lindy-Hop-Szene

Das Tanzen und ein Mann sind die Gründe, die sie im Sommer 2000, gerade mal neunzehnjährig, nach Bern brachten. Aufgewachsen ist sie in Phoenix, Arizona. Als Teenager tanzte sie Lindy Hop, zog zu ihrem Vater nach Las Vegas und unterrichtete dort den Swing-Tanz aus den dreissiger Jahren. «Ich dachte, ich bleibe einen Sommer in Bern, doch es wurden fast fünf Jahre daraus», sagt Becky und nimmt einen Schluck Weisswein.

Als Becky in Bern ankam, war Lindy Hop in der Stadt unbekannt. Sie lebte in der alternativen Wohnwagensiedlung Zaffaraya und gab mit ihrem Partner Tanzunterricht.

Heute existiert in Bern eine grosse Lindy-Hop-Szene mit vielen Kursangeboten, Workshops und regelmässigen Tanzabenden mit Livebands. «Ich bin sozusagen die Grossmutter der Berner Lindy-Hop-Szene – und niemand kennt mich», lacht sie. Sie sagt es ohne Verbitterung. Nein, sie ist glücklich, dass sie das Kapitel als Tanzlehrerin abgeschlossen hat, auch wenn sie weltweit für Tanzworkshops eingeflogen wurde und auf höchstem internationalem Niveau tanzte.

«Als Frau wirst du beim Tanzen immer geführt, und ich war die perfekte ‹followerin›», sagt Becky über die Becky von damals. «Da mein Leben nur aus Tanzen bestand, konnte ich gar nichts anderes mehr als folgen. Ich musste einen Ausweg finden, mein eigenes Ding tun.»

Das tat sie radikal. Sie trennte sich von ihrem Partner, ging 2003 für ein halbes Jahr nach Sevilla, dann nach Wien, nach Los Angeles, gab ab und zu noch Tanzkurse, arbeitete als Nachrichtensprecherin und als Kostümbildnerin beim Film, begann schliesslich, Gitarre zu spielen, und erfand sich neu. «Ich will nicht die Freundin des Musikers sein», sagt sie, «ich will die sein, die selber etwas macht.»

2007 kam sie wieder in die Schweiz, trat mit den Singer-Songwriterinnen Evelinn Trouble und Sophie Hunger auf und versuchte, ihre «One-Man-Show» zu etablieren. Dies gelang ihr relativ schnell. Unter anderem auch – da macht sie sich nichts vor –, weil sie eine Frau ist. Doch reduziert man Beckys Erfolg auf ihr Frausein, wird sie wütend. Es gebe nichts Schlimmeres, als wenn ihr jemand nach dem Konzert sage, er sei beeindruckt, wie sie als Frau da oben auf der Bühne stehe und alle die Instrumente selbst spiele. «Wieso sollte ich das als Frau nicht können?», ärgert sie sich und wird laut: «Ich arbeite genau so hart wie die Männer und bin genau so gut wie die guten männlichen One-Man-Bands. Aber klar, ich habe den Vorteil, dass ich als Frau eine Seltenheit in der Szene bin. Aber es sind nicht nur meine Titten, die mich gut machen!» Aus diesem Grund nennt sie sich selbst auch «One-Man-Band», was ein Genre bezeichnet, und nicht «One-Woman-Band».

Vor einem Jahr ist ihre erste Platte, «Hello Black Halo», beim Label Voodoo Rhythm Records des Berner Musikers Beat-Man erschienen, der seit ihren Jahren im Zaffaraya ein Freund ist. Und dieser Tage hat das Label unter dem Titel «One Take Session» Beckys erste Aufnahmen von 2008 veröffentlicht.

Verliebt in Büchner

Becky nimmt ihren Lippenstift aus der Tasche und schminkt ihre Lippen nach. Sie lacht kokett: «Meine Freundinnen sagen, ich sei halb Mann, halb Frau: Ich arbeite hart wie ein Mann und führe ein einsames, unabhängiges Leben wie ein Mann. Doch meine Lippen sind immer geschminkt.»

Sie ist ehrgeizig und talentiert, charmant und witzig – und eine unermüdliche Arbeiterin. Sie komme aus sehr einfachen Verhältnissen, um weg- und weiterzukommen, habe sie stets Ideen haben und kreativ sein müssen. «Wenn du etwas tun willst, dann musst du es angreifen und herausfinden, ob es dich auch möchte», erklärt sie. Sie glaube nicht daran, dass sie nach diesem Leben noch ein anderes habe, deshalb müsse sie all das, was sie wolle, jetzt tun.

Als sie für die Mitarbeit im «Woyzeck» angefragt wurde, war sie gerade in Phoenix. Sie kannte Büchners Texte nicht, doch als sie die Liebesbriefe las, die er an seine Verlobte Minna Jaeglé geschrieben hatte, verliebte sie sich auf der Stelle in ihn. Die nächsten Abende wird sie noch ein paarmal in «Woyzeck» auf der Bühne stehen und am Ende jeweils den Standardsong «Where Did You Sleep Last Night» singen, während das Ensemble im Takt dazu auf den Boden stampft. Und bald schon wird sie weiterziehen. Allein. Wo sie dann schlafen wird, weiss sie noch nicht.

Zu sehen ist Becky Lee and Drunkfoot am 
1. November im «Bikini Test» in La Chaux-de-Fonds (zusammen mit Reverend Beat-Man und der Band Guitar Fucker) und am 9. November im Kulturzentrum Holästei, Glarus. Ihre Platten «Hello Black Halo» sowie «One Take Session» sind beim Berner Label Voodoo Rhythm erschienen.

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