Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Ein Papst für die eigene Sehnsucht

Von Dorothee Wilhelm

Eine befreundete reformierte Pfarrerin bearbeitet mich seit Jahren, zur reformierten Kirche überzutreten, damit wir Arbeitskolleginnen werden können. Als sie hörte, dass der neue Papst Franziskus auf seiner ersten apostolischen Reise Lampedusa aufsuchte und dort Europa seine Schande vorhielt, schrieb sie mir, sie denke erstmals über die umgekehrte Richtung eines Übertritts nach – zu Deutsch: Für diesen Papst könnte man glatt katholisch werden.

Ich bin es schon. Und es hat mich bewegt, als ich hörte, wohin Franziskus die traditionelle vorösterliche Fusswaschung verlegte: Er hat delinquenten Jugendlichen, Musliminnen und Christen die Füsse gewaschen und geküsst – ein starkes Zeichen der Selbsterniedrigung vor jungen Leuten am Rand der Gesellschaft. Und wer hätte seinen ersten Auftritt nach seiner Wahl vergessen können, als er sich nach einem schlichten «Guten Abend!» vor den versammelten Menschen verbeugte, sie um den Segen bat und erst danach – wie erwartet wurde – selbst segnete. Die «Regierungserklärung», sein erstes Lehrschreiben vom November 2013, stellt die Forderung nach einer gerechteren Welt und einer Kirche im Dienst der Armen in den Mittelpunkt.

Dieser Papst setzt bedeutungsvolle Zeichen. Dabei ist er kulturell ein Konservativer, der am Abtreibungsverbot festhält, am Männerpriestertum, an der Ungleichstellung von Homosexuellen. Er ist ausdrücklich kein Befreiungstheologe, garantiert kein Feminist. Ausserdem ist der Papst, selbst wenn er weniger konservativ wäre, nicht allmächtig, sondern von Institutionen umgeben, die dafür sorgen, dass sich im Vatikan möglichst nichts bewegt. Spielräume gibt es für ihn kaum.

Ist es nebensächlich, wenn ein Papst endlich das mörderische System der kapitalistischen Wirtschaft demaskiert und sich entschieden gegen die Menschenopfer dieses Systems ausspricht? Wenn wir – fortschrittliche Christinnen genauso wie säkulare Ameisenforscher, die von aussen zusehen – uns über das freuen, was er besser macht als seine Vorgänger, lassen wir Frauenrechte und Homosexuellenrechte dann wieder zu «Nebenwidersprüchen» werden? Oder lehnen wir uns in ironischer Halbdistanz zurück im Wissen, dass wir auf der intellektuell sicheren Seite stehen, wenn wir grundsätzlich alles für Schwindel halten oder mit einem PR-Gag der Vatikanmafia rechnen? Ist es nur naiv, auf eine Veränderung zu hoffen? Höchstwahrscheinlich wird dieser Papst irgendwann enttäuschen. Die, die es gleich gesagt haben wollen, werden wohl wieder recht behalten.

Dahinter steckt eine infantile Perspektive: Papa muss vollkommen sein, damit ich zu ihm aufschauen kann. Vielleicht sind die Reaktionen auf diesen Jorge Mario Bergoglio, der nun Papst Franziskus heisst, am treffendsten mit dem ungreifbaren portugiesischen Wort «saudade» einzufangen, auch wenn der Papst spanischer Muttersprache ist. Saudade heisst vieles – Heimweh, Sehnsucht, Ferne oder Melancholie. Die symbolischen Handlungen von Franziskus bringen etwas auf den wunden Punkt. Und vielleicht spiegeln sie einen Schrecken mit dem Kapitalismus wider, den viele, die sich vom Papst angesprochen fühlen, in sich wiederfinden. So wie manche Geschichten aus den Religionen das tun oder es mystische Erfahrungen, die Poesie oder der Sound der Revolte vermögen. Symbolische Handlungen bringen noch keine realen, materiellen Veränderungen – aber sie machen diese gelegentlich vorstellbar. Sie bieten manchmal prophetisch das Bildmaterial für den ausstehenden Veränderungsprozess. Das lässt sich in zahllosen bedeutenden Augenblicken von Gandhi bis Pussy Riots zeigen. Die nötigen Schritte zu einer human veränderten Zukunft werden entweder von vielen Millionen Menschen gegangen oder gar nicht, gewiss nicht von einem einzelnen Papst.

Aber vielleicht ist dies das eigentliche Hoffnungszeichen: dass viele mit Hoffnung auf das reagieren, was sie Bergoglio tun sehen. Dass in dem, was er tut, angedeutet wird, wie eine andere zukünftige Welt aussehen könnte, in Lampedusa und anderswo. Möglich, dass viele Menschen an ihrer eigenen Sehnsucht merken, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann.

Dorothee Wilhelm ist katholische Theologin.

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