Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Adieu!

Eine katholische Theologin tritt aus der Kirche aus – aus Sehnsucht. Und weil die Kirche das Geld nicht verdient hat.

Von Dorothee Wilhelm

Unmenschliche Handlungen des Vatikans haben eine lange Tradition, keinen Neuigkeitswert. Es gab schon sehr lange bessere Gründe, aus der katholischen Kirche auszutreten, als es nicht zu tun.

Bisher habe ich argumentiert, dass es eine autoritär gepolte Haltung wäre, von irgendwem im Vatikan meine Handlungen bestimmen zu lassen – die Musik spielt anderswo, bei engagierten Leuten und in subversiven Handlungsfeldern in der Kirche, zum Beispiel im Kirchenasyl. Das gilt weiterhin. Wen interessiert, was die Burschen in Rom tun? Sie sind so weit weg von der Lebenswirklichkeit und den Kämpfen normaler Menschen. Hätten sie doch einmal eine Tochter, die mit sechzehn schwanger wird, oder einen Sohn, der in Drogen versinkt – ich denke, sie würden in der Schule der Menschlichkeit dazulernen.

Mit der Aussage des Papstes, Abtreibung sei Auftragsmord, ist nun für viele kritische KatholikInnen das Mass voll. Die linken Politikerinnen Cécile Bühlmann, Ruth-Gaby Vermot und Monika Stocker, die beiden feministischen Theologinnen Doris Strahm und Regula Strobel sowie Anne-Marie Holenstein, Mitgründerin der Erklärung von Bern (heute Public Eye), sind deswegen aus der Kirche ausgetreten. Strahm und Strobel sind für mich wichtige Lehrerinnen gewesen. Seither ist es für mich begründungsbedürftig, nicht auszutreten.

Kaltblütig vertuscht

Mit einem Kirchenaustritt wird kein Druck aufgebaut, die Institution ist nicht demokratieanfällig. Es gibt das Konzept vom «heiligen Rest», mit dem sie sich auch im Recht fühlen können, wenn sie nur noch zu dritt sind. Aber jetzt möchte ich der Institution meinen Teil ihrer Mittel entziehen, ein bisschen Kirchensteuer. Ich trete aus.

Bezüglich Abtreibung ist der theologische Skandal, dass Frauen in einem Schwangerschaftskonflikt das Gewissen abgesprochen wird. Geht etwa jemals eine Frau zur Abtreibung, wie sie zur Coiffeuse geht? Nein. Es gibt kein Ritual, keine Ausdrucksform, wie eine Frau, die sich im Konflikt für einen Abbruch entschieden hat, trauern kann und damit öffentlich sein darf, Mitgefühl erfahren darf. Wer Frauen, die abtreiben, kriminalisiert, interessiert sich einen Dreck dafür, dass dies zu mehr tödlichen Verläufen von Abbrüchen in irgendwelchen Hinterzimmern führt.

Aktuell sollen zudem Homosexuelle von Orden und Priesteramt ausgeschlossen werden. Da wird eine marginalisierte Gruppe als Sündenbock in die Wüste gejagt im Versuch, die jahrzehntelange Vertuschung sexueller Ausbeutung von Kindern durch Kirchenmänner dieser Gruppe anzulasten und den Skandal so bei ihr zu entsorgen. Dabei wurde kaltblütig vertuscht: Unbeteiligte Kirchenobere haben Täter bloss versetzt, sodass sie weiterhin Kinder angreifen konnten.

Es überrascht nicht, dass auch sexuelle Gewalt gegen erwachsene Frauen, Nonnen, stattfindet und totgeschwiegen wird – mit derselben Kaltblütigkeit schützen Kirchenobere die Institution, verraten Menschen. Aber wie werden sie es drehen, trotz eindeutig heterosexueller Gewalt die homosexuellen Männer weiterhin zu beschuldigen?

Die grossen Träume der Menschheit

Kurz sah es so aus, als könnte es auch anders werden: Der Papst, der Europa in Lampedusa seine Schande vorgehalten hat, hat Sehnsucht geweckt. Aber das Zeichen der Hoffnung in Lampedusa war nie die Person des Papstes Bergoglio, sondern die vielen Menschen, die darauf mit heftiger Sehnsucht reagiert haben. Wie naiv. Weniger als von den Naiven ist wohl von denen zu erwarten, die schon im Vorhinein überzeugt sind, jeglichen Schwindel durchschaut zu haben, bevor irgendetwas geschehen ist. Zynismus ist billig, keine Alternative zu Sehnsucht.

Ich bleibe katholische Theologin, und das gern. Werde weiterhin auf Wunsch kirchenferne Leute beerdigen und Kinder taufen – widerrechtlich, aber gültig, wie jeder Mensch, getauft oder nicht, das tun kann. Warum ich das nicht aufgebe: Die Geschichten, Riten und Traditionen enthalten grosse Träume der Menschheit, wenn auch untrennbar vermischt mit Repression und Gewalt. Es finden sich in Bibel und Tradition Geschichten radikaler Machtumkehr, subversive Lebensgeschichten, leidenschaftlich gerechte Taten voller Sehnsucht nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Diese Geschichten gehören nicht den Burschen in Rom.

Frei nach Ernst Bloch: Wohin kämen wir denn, wenn wir denn gingen? Heute geht es wahrscheinlich darum, die Sehnsucht, die in diesen Geschichten liegt, gegen die real existierende Institution Kirche zu verteidigen.

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