Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Ein Lob in jedes erreichbare Ohr

Umtriebig. Hartnäckig. Erfolgreich. So hat sich Ruth Binde als Presseagentin für die Literatur eingesetzt, fünfzig Jahre lang.

Von Stefan Howald

Den Beruf hat sie für die Schweiz wohl erfunden. Zuerst für den Diogenes-Verlag, dann als selbstständige Presseagentin hat sich Ruth Binde unermüdlich für die Literatur und die von ihr vertretenen AutorInnen eingesetzt. Für die tat sie fast alles, rannte den Feuilletonredaktionen die Türen ein, sprach das Lob der Schreibenden in jedes erreichbare Ohr.

Ihre öffentlich bekannteste Leistung allerdings ist der Bernhard-Littéraire. Zwanzig Jahre lang, von 1985 bis 2004, führte Ruth Binde diese Lese- und Gesprächsabende im Zürcher Bernhard-Theater durch. Sie besorgte die Programmierung, die Einladungen und die Werbung, der Autor Peter Zeindler führte die Gespräche mit den jeweils drei Gästen. Nach etlichen Jahren Aufbauarbeit kamen durchschnittlich 250 Zuschauende an die monatlichen Anlässe. Dabei konnte Binde ihre Begeisterung für Bücher und AutorInnen ohne Umwege verwirklichen und Schriftstellerinnen und Sachbuchautoren zum Anfassen präsentieren.

Mit solchen und zahlreichen weiteren Aktivitäten hat die mittlerweile 82-jährige Ruth Binde fünfzig Jahre lang die Buchszene in der Schweiz mit befördert. «Ein Leben für die Literatur» ist da als Titel der vor kurzem erschienenen Biografie von Alexander Sury nur passend.

Freiwirtschaft und Schauspielschule

Ruth Binde wurde 1932 in Bern geboren. Ihr Vater war der Publizist und Verleger Fritz Schwarz (1887–1958). Als Vertreter der Freiwirtschaftslehre hat Schwarz in den letzten Jahren eine moderate Renaissance erlebt, Binde selbst hat an den jüngsten Neuausgaben seiner Werke mitgewirkt.

Sie war früh eigenständig. Mit siebzehn Jahren besuchte sie eine Schauspielschule in London. Dann bildete sie sich in Deutschland und der Schweiz zur Buchhändlerin aus. Stärker als administrative Arbeiten interessierte sie die Beratung der KundInnen. Als Buchhändlerin unterfordert, begann sie nebenher mit Lektoratsarbeit und veröffentlichte gelegentlich Artikel. 1957 wurde sie beim damals winzigen Diogenes-Verlag angestellt, als «Mädchen für alles» – was zu jener Zeit hiess: Lektorat, Pressearbeit und Aufbau einer Theaterabteilung.

Parallel wirkte Ruth Binde ein paar Jahre lang als Lebensberaterin «Frau Eva» bei einer Zeitschrift. Die mitgeteilten Beispiele im Buch zeigen unverblümte Ratschläge aus liberaler, robuster Menschenkenntnis: Binde berät alleinstehende Mütter mit Kindern und ermuntert eine geschlagene Frau zur Scheidung; einer Sekretärin, die ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Abteilungsleiter eingegangen ist, rät sie dringlich, die Beziehung zu beenden und zu künden, weil sie für Typen wie diesen Mann nur ein Spielzeug sei. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann Harald Binde 1964 war Ruth Binde dann selbst alleinerziehende Mutter.

Die Trennung von Diogenes 1972, nach fünfzehn intensiven Jahren, vollzog sich nicht ohne Verletzungen. Binde hat Verleger Daniel Keel lange nicht verziehen, dass er ihr Aufgaben entzog, die sie erst eigentlich im Verlag entwickelt hatte. Doch der Abgang geriet zum Neuanfang: Jetzt wurde sie selbstständige Presseagentin, im Auftragsverhältnis für verschiedene Verlage.

Ruth Bindes Erfolgsrezept war die Vernetzung. Sie kannte alle und jeden, auch deren jeweilige Kompetenzen und Vorlieben. Zur Vernetzungsarbeit gehörten von 1974 bis 1996 die berühmten Apéros jeden August in ihren Büroräumlichkeiten. Sie rechnet vor, dass sich bei 200 Gästen gelegentlich sieben Menschen auf einem Quadratmeter drängten.

Die Pressearbeit ist eine spezielle Funktion innerhalb des arbeitsteiligen Büchermarkts. Die Literaturagentur bringt AutorInnen und Verlage zusammen. Die Literaturkritik bringt via die Medien AutorInnen und Publikum zusammen. Die Presseagentin bringt die AutorInnen via die Verlage mit den Medien zusammen.

Pressearbeit verlangt ein eigenes Temperament und eine eigene Konstitution. Man muss den Medien deutlich machen können, dass sie dem Publikum ein bestimmtes Buch vermitteln sollen. Literaturkritik profitiert von guter Pressearbeit, aber die Interessen sind nicht deckungsgleich. Der Enthusiasmus der Agentin wird vom kritischen Rezensenten nicht immer geteilt.

Enthusiasmus grenzt mitunter an Obsession. Es gibt apokryphe Anekdoten, dass sich gestandene Literaturredaktoren in der Toilette einschlossen, wenn Ruth Binde im Anmarsch war, um zu begründen, warum gerade dieses Buch dieser Autorin auf einer Seite besprochen zu werden verdiente.

Bieder geschrieben

Als Presseagent würde ich Surys Buch dem Buchhandel wärmstens ans Herz legen: Es beschreibt eine Persönlichkeit voller Verdienste, ist reichhaltig in Details, zuweilen amüsant. Als Rezensent halte ich es für bieder geschrieben – es begnügt sich, was die so glorios gefeierte Literatur betrifft, mit Aufzählungen, knappen Urteilen und Anekdoten.

Die neuen Herausforderungen für Vertrieb und Verlage durch das Internet, das Sterben der Buchhandlungen, die Fusionen und die Zweiklassengesellschaft im Verlagswesen: Das wird in diesem «Leben für die Literatur» nicht zum Thema. Vielleicht war Ruth Binde während einer silbernen Zeit des Buchmarkts tätig, zu der sie beigetragen hat.

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