Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Marcos’ letzter Zaubertrick

Von Toni Keppeler

Fünf Jahre lang wurde er in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen, nun ist er noch einmal aufgetaucht – ein letztes Mal. Zwanzig Jahre lang war Subcomandante Marcos militärischer Chef und die meiste Zeit davon auch öffentliches (wenn auch hinter einer Kapuze verstecktes) Gesicht der zapatistischen Guerilla im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas. Am Sonntag in den frühen Morgenstunden hatte er seinen letzten Auftritt. Hoch zu Ross ritt er in La Realidad ein, um einem Toten die letzte Ehre zu erweisen. In dem Weiler im lakandonischen Urwald war am 2. Mai bei einem Überfall einer paramilitärischen Gruppe José Luis Solis ermordet worden, der unter dem Decknamen Galeano die Zapatistas unterstützt hatte.

Der Guerillaführer nutzte den kurzen Auftritt zum endgültigen Abschied. Es gebe heute bei den Zapatistas «eine neue Generation, die uns auf Augenhöhe begegnet, die uns zuhört und mit uns spricht, ohne Anweisungen oder eine Führung zu erwarten, die sich weder unterordnet, noch uns einfach folgt», sagte er bei einer improvisierten Pressekonferenz. Kurzum: «Die Persönlichkeit Marcos ist nicht mehr nötig.» Schon in den Jahren zuvor hatte sich das Zapatistische Befreiungsheer mehr und mehr von der internationalen Bühne zurückgezogen und sich vor allem dem Aufbau von Selbstverwaltungsstrukturen in seinem Kerngebiet gewidmet.

Kurz darauf veröffentlichten die Zapatistas einen jener Marcos-Briefe, die in den Jahren nach dem ersten Auftritt der Guerilla am 1. Januar 1994 die Linke weltweit elektrisiert hatten. Auch dieses lange Schreiben mit der Marcos-typischen Mischung von Gesellschafts- und Kapitalismuskritik mit der indigenen Mythologie der Maya dürfte das letzte seiner Art sein. Die Figur Marcos, schreibt der Autor, sei nichts als ein «Zaubertrick» gewesen. «Die indigene Weisheit hat die Moderne in einer ihrer Bastionen herausgefordert, nämlich in den Medien»: der Pfeife rauchende Kapuzenmann als Futter für die internationale Presse. Letztlich aber sei diese Figur nichts anderes als ein «Narrenkostüm», und das habe nun seine Schuldigkeit getan.

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