Nr. 19/2015 vom 07.05.2015

Marcos ist jetzt Galeano

Von Toni Keppeler

Der Auftritt hatte etwas Groteskes: Um die Mittagszeit des 2. Mai marschierte eine Kolonne des Zapatistischen Befreiungsheers in die Gemeinde Oventic im Hochland des mexikanischen Bundesstaats Chiapas ein. Alle in militärischer Uniform und einer übers Gesicht gezogenen Skimütze, darüber ein Soldatenkäppi. Und alle hatten einen der Sehschlitze in der Maske mit einer Augenklappe abgedeckt, so wie es Piraten in Filmen tun. Statt Gewehren trugen sie zwei Stecken, mit denen sie den Takt ihrer Schritte schlugen.

Und dann trat Subcomandante Marcos auf, der vor einem knappen Jahr angekündigt hatte, er werde für immer verschwinden. Aber Marcos ist nicht mehr Marcos, er heisst jetzt Galeano. Damit will er nicht dem kürzlich verstorbenen Autor des linken Standardwerks «Die offenen Adern Lateinamerikas», dem uruguayischen Schriftsteller Eduardo Galeano, seine Achtung bezeugen. Marcos ist Galeano, um den Lehrer José Luis Solis aus Oventic zu ehren, der unter dem Decknamen Galeano die Zapatisten unterstützt hatte und am 2. Mai vor einem Jahr von rechten Paramilitärs ermordet worden war.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt erinnerte der neue Galeano zudem an Luis Villoro, einen im März vergangenen Jahres verstorbenen spanisch-mexikanischen Philosophen und Sympathisanten der Zapatisten. Dieser hatte sich Gedanken gemacht über Metaphysik, die Grenzen des Wissens und den Respekt vor unterschiedlichen Kulturen. So las Galeano/Marcos eine selbst verfasste fiktive Geschichte vor, in der ein alter Philosoph in die Generalkommandantur der Zapatisten im lakandonischen Urwald kommt, um Guerillero zu werden.

Ein Auftritt ganz im Stil und in der Tonlage des alten Marcos, mit einem entscheidenden Unterschied: Die Zapatisten werden kaum mehr beachtet. Sie leben im lakandonischen Urwald und kümmern sich um die Selbstverwaltung der wenigen von ihnen kontrollierten Dörfer. Das Thema der Diskriminierung der indigenen Urbevölkerung, das sie mit ihrem Aufstandsversuch vor gut zwanzig Jahren auf die nationale Agenda gesetzt hatten, spielt im heutigen Mexiko keine Rolle mehr.

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