Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Leben mit letzter Kraft

Von Eva Pfister

Eine Frau zu sein, ist in bestimmten Regionen von Mexiko lebensgefährlich. Jedes hübsche Mädchen ist in Gefahr, von der Drogenmafia registriert, gekidnappt und versklavt zu werden. Schätzungsweise 100 000 Kinder und junge Frauen werden in Mexiko jährlich verschleppt. Darum behaupten die Mütter nach der Geburt, sie hätten einen Jungen bekommen, und ziehen das Kind entsprechend an. Danach schwärzen sie den Mädchen die Zähne, denn: «Nichts ist abstossender als ein dreckiger Mund.»

Die US-amerikanisch-mexikanische Autorin Jennifer Clement hat für ihren Roman «Gebete für die Vermissten» zehn Jahre lang die Situation im ländlichen Mexiko recherchiert. Sie lässt ein Mädchen erzählen: Ladydi García Martínez ist – zum Glück – dunkelhäutig und kraushaarig, also nicht so attraktiv wie das Nachbarsmädchen Paula, das so schön ist wie Jennifer Lopez und darum ihrem bösen Schicksal nicht entgehen wird. Trotz aller Vorsichtsmassnahmen. Die Mütter graben sogar Löcher in den Garten, wo sich die Mädchen verstecken, sobald sie einen Geländewagen kommen hören. Eine Weile geht das gut, und die Mädchen haben das Glück, von Drogendealern verschont zu bleiben – und auch von den giftigen Skorpionen in den Erdlöchern.

Die meisten Männer haben das Land verlassen und arbeiten in den USA. Manche schicken Geld. Jene, die bleiben, werden früher oder später Teil eines Drogenkartells und machen auch ihre Schwestern und Freundinnen zu Kurierinnen. So wird Ladydi eines Tages mit einem Säckchen Heroin erwischt und landet im Gefängnis Santa Marta in Mexiko-Stadt. Hier geht es brutal und chaotisch zu – aber Ladydi erlebt von den anderen jungen Frauen auch Zuneigung und Solidarität.

Jennifer Clement hat mit vielen Mädchen und Frauen gesprochen, auch im Gefängnis. «Gebete für die Vermissten» ist ein grausames Buch, denn es beschreibt den gewalttätigen Alltag in Mexiko mit einer beiläufigen Selbstverständlichkeit. Und es ist – seltsamer Kontrast – ein liebevolles Buch, weil man spürt, wie viel Zuneigung die Autorin den Frauen entgegenbringt, die hier mit letzter Kraft ihr Leben meistern.

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