Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Willy und Konsorten

Bergschafe, Wachhunde usw. als Wahlkampfmaskottchen.

Von Susi Stühlinger

Wachhund Willy hatte auf Twitter bald schon hundert Follower. Das waren längst nicht so viele, wie er Likes auf Facebook hatte – aber Twitter ist ja ohnehin nur für Journalisten, Politologen und andere Idioten.

Wachhund Willy (kurz für: Wilhelm Tell) jedenfalls musste sich bestimmt nicht vorwerfen lassen, er mache seinen Job nicht gut, so wie der Bund oder die Kantone, nein, er erfüllte seine Arbeit als SVP-Wahlkampfmaskottchen für die Parlamentswahlen 2015 ganz hervorragend und kommentierte in den sozialen Medien «das politische Geschehen wohlwollend, aber wenn nötig auch knurrend oder gar laut bellend». Manchmal strullte Willy auch irgendwohin, ans Bein von Soziologieprofessor Kurt Imhof zum Beispiel, weil der es besorgniserregend fand, als eine Umfrage zutage förderte, dass die heutige Jugend rechtskonservative Ideen zusehends trendy finde.

Laut hätte das ja niemand zu sagen gewagt, aber die Pensionierung des alten Ziegenbocks Zottel und die Lancierung Willys als neuer Sympathieträger der Volkspartei war geradezu sinnbildlich für den Wandel, den diese durchlief: Die SVP setzte auf neue, dynamische Gestalten wie Gregor Rutz oder Thomas Matter statt auf alte Böcke wie Christoph Blocher oder Caspar Baader. Und auf moderne Mobilisierungsmethoden mit Piaggio-Wahlkampfmobilen, Saxofonjazz, einem Hauch von Italianità, was – so hatte es eine Parteiexponentin formuliert – sinnbildlich für Lockerheit stehe und mit Attributen wie «städtisch» und «weiblich» in Verbindung gebracht werde. Genauso wie der Sennenhund.

Willy wusste nicht, was die anderen Parteien so vorhatten, konnte sich aber gut vorstellen, welche seiner Kollegen aus der «Shanghai Chuangzhi Craft & Gifts Co. Ltd.»-Plüschtierfabrik für die jeweilige Gruppierung als Maskottchen infrage kämen.

Für die ständig im Gezänk gespaltenen Mannen und Frauen der CVP waren – je nach Geschlecht – der sture Ochs oder die störrische Eselin wohl gesetzt. Der GLP stünde der räuberische Waldkauz nicht schlecht zu Gesicht oder irgendein Neozoon wie die Pantoffelschnecke, die gelbfüssige Bodentermite oder der Keulenpolyp, jedenfalls etwas, das die hiesige Fauna durch seine stetigen Expansionsgelüste bedrohte, nicht aber den Berner Sennenhund.

Dann natürlich die Grüne Partei, die auf den kleinen, vom Aussterben bedrohten Laubfrosch setzen würde. Und die Sozialdemokraten auf den Vogel Strauss. Die BDP war nicht so richtig einzuordnen, da kam wirklich allerlei infrage, vielleicht ein Rind oder ein Grottenolm oder irgendein Tier, das sonstwie an diese schreckliche Bundesrätin erinnerte, die seit neustem beim Giacobbo-Müller-Publikum im Mainstream-Fernsehen nach Sympathien heischt, wie es ein Politiker vom Kaliber eines Lukas Reimann nie gewagt hätte.

Immerhin war unstrittig, welches Wappenplüschtier bei den Freisinnigen den Wahlkampf anführen musste: kein anderes als das schwarzbraune Bergschaf – das er, Sennenhund Willy, höchstpersönlich in Schach halten würde.

Susi Stühlinger war mal bei der Eröffnung einer Plüschtierfabrik in China dabei.

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