Nr. 45/2014 vom 06.11.2014

Der zuversichtliche Genosse Daurù

Der Zürcher Kantonsrat Andreas Daurù wehrt sich gegen die Privatisierung im Gesundheitsbereich. Nicht von ungefähr: Über zehn Jahre lang arbeitete er als Pfleger auf der Akutstation in der Psychiatrie.

Von Nina Kunz (Text) und Andreas Bodmer (Bild)

Andreas Daurù: «Im Quartier zu politisieren, war in meiner Jugend mein grösstes Hobby.»

Andreas Daurù hat einen strategischen Vorteil. Als ehemaliger Pfleger weiss er, wovon er spricht, wenn er im Kantonsrat Gesundheitspolitik betreibt. Den Alltag im Rat scheint er mit derselben Geduld zu bewältigen, die man in der Pflege erwarten würde. Dafür, dass er gerade stundenlang in einer Sitzung war, wirkt Daurù jedenfalls fast zu gut gelaunt, als er das Rathauscafé betritt. «Ich bin der Andi, freut mich.» Sein Händeschütteln ist energisch.

Daurù arbeitete über zehn Jahre lang in der Psychiatrie. 2012 rutschte er in den Zürcher Kantonsrat nach. Aber eigentlich wollte er weder Pfleger noch Politiker werden. Als Teenager träumte Daurù davon, Chirurg zu sein. Nach der Sekundarschule entschied er sich jedoch, nicht ans Gymnasium zu wechseln, sondern den Pflegeberuf zu erlernen. Er merkte rasch, dass ihn weniger die Wickel und Gipse interessierten als die Lebensgeschichten der PatientInnen. «Nicht das Medizinische, sondern das Menschliche fesselte mich.»

Mit dem Beginn seiner Lehre stieg Daurù auch in die Politik ein. Erst sechzehnjährig, wurde er in den Vorstand der SP-Sektion im Stadtzürcher Kreis 5 gewählt. Als Jugendlicher habe er nur gearbeitet und Politik gemacht, sagt Daurù. «Im Quartier zu politisieren, war mein grösstes Hobby.» Die Disziplin scheint ihm nicht abhandengekommen sein. Heute ist Daurù 35 Jahre alt: Er besetzt seit bald zehn Jahren ein Amt, wirkt in den Vorständen der Gewerkschaft VPOD und der Behindertenkonferenz Zürich, er setzt sich im Verein JWG Eulach für betreute Jugendwohngemeinschaften ein und arbeitet mit einem Siebzigprozentpensum bei der Stiftung Pro Mente Sana, die die Interessen psychisch beeinträchtigter Menschen vertritt.

Von PatientInnen lernen

Andreas Daurùs Idealvorstellung war es immer, dass sich Beruf und Politik ergänzen. «Daher ist mein politisches Engagement von Gesundheitsthemen dominiert und meine Arbeit in der Gesundheit politisch.» Seine Berufserfahrungen helfen auch im Politalltag. Als Pfleger kann er Ängste nachvollziehen, die auf andere irrational wirken. «Wenn eine Patientin Panik davor hat, in ein Tram einzusteigen, dann ist das für sie eine echte Angst. Wenn ein Handwerker im Emmental fürchtet, seinen Job zu verlieren, dann auch. Für mich gibt es die Masseneinwanderung nicht, aber ich bin der Meinung, dass sich die SP besser um diese Ängste kümmern müsste.»

Was Daurù politisch besonders am Herzen liegt, ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Pflege. Aus eigener Erfahrung kennt er die alltäglichen Belastungen des Personals. Das Schwierigste sei, trotz begrenzter Ressourcen den PatientInnen gerecht zu werden. «In der Psychiatrie gab es oft zu wenig Pflegefachpersonen, so mussten wir zu unschönen Mitteln greifen. Wir konnten die Patientinnen und Patienten nur selten intensiv begleiten und mussten sie in der Not abschirmen oder mit Medikamenten ruhigstellen.» Das sei unbefriedigend gewesen. «Aber Zwang ist günstiger als Betreuung.»

Privatisierung stoppen

Zurzeit wehrt sich Andreas Daurù gegen die Privatisierung des Kantonsspitals Winterthur. Ein Spital könne nicht gewinnbringend betrieben werden, wenn die Grundversorgung in der gleichen Qualität aufrechterhalten werden soll. Die Konsequenzen: «Entweder konzentriert sich der Betrieb auf gewinnbringende Bereiche wie Privatversicherte, oder man spart beim Personal. Das heisst Lohndruck oder grösserer Druck bei der Arbeit, da mehr Aufgaben mit weniger Personal erledigt werden müssen.»

Die Idee der Rationalisierung in der Pflege kann Daurù nicht verstehen. Mit dem Technologiesprung seien zwar kleine Arbeitsschritte effizienter geworden: Zum Fiebermessen brauche es weniger Zeit, da die neuen Geräte nur für wenige Sekunden ins Ohr gehalten werden müssen. «Aber die Menschen genesen nicht plötzlich schneller. Vor allem ihre Psyche nicht.»

Daurù ist zuversichtlich, dass die Privatisierung noch gestoppt werden kann. Wenn es zu einer Abstimmung komme, wären die Chancen gut, meint er. «Alle möchten die bestmögliche medizinische Versorgung.»

Beliebt bei den Grünliberalen

Fast ein wenig unheimlich, wie perfekt dieser Politiker wirkt. Sogar die Grünliberalen schwärmen von Andreas Daurù. «Er ist offen für andere Meinungen und hört gut zu. Es sollte mehr Politiker wie ihn geben», sagt etwa Kommissionskollegin Denise Wahlen. Daurù ist im Rat beliebt, setzt sich für die Rechte von PatientInnen sowie PflegerInnen ein, bewältigt zahlreiche Engagements scheinbar mühelos und lächelt auch während unseres Gesprächs fast immer. Er kümmert sich ständig um Gesundheitsfragen, aber macht er denn auch etwas Ungesundes? «Oh ja. Ich bin unsportlich, trinke auch mal gerne und esse einseitig.»

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