Nr. 10/2015 vom 05.03.2015

Ein Kampf um reiche Kinder im Steuerparadies

Zuerst kamen die Reichen, jetzt folgen ihnen die Privatschulen. Im Schwyzer Steuerparadies Höfe mit den Gemeinden Wollerau, Pfäffikon und Feusisberg boomen die Privatschulen. Die Chancengerechtigkeit bleibt auf der Strecke.

Von Robert Müller (Text) und Andreas Bodmer (Foto)

Bildungsparallelwelt auf fünf Etagen: Zufahrt zur Obersee Bilingual School in Pfäffikon SZ.

In der Obersee Bilingual School (OBS) ist gerade Mittagszeit. Ein paar Dutzend PrimarschülerInnen stehen in der Privatschule in einem Aussenquartier von Pfäffikon SZ bei der Essensausgabe an. Der Sprachmix ist bunt, ein Kind redet deutsch, das andere antwortet auf Englisch. «Unsere Schule fokussiert sich auf einheimische und zugezogene Familien, die sich für ihre Kinder eine Schweizer Ausbildung mit internationaler Ausrichtung wünschen. Sie möchten, dass wir die Kinder auf die Anforderungen einer globalen Welt vorbereiten», sagt Cornelia Möhrlen.

Die gebürtige Deutsche ist CEO und Verwaltungsratspräsidentin der OBS. Zuvor war sie im Management grosser internationaler Konzerne tätig. Jetzt ist sie in Pfäffikon, dem grössten Ortsteil der politischen Gemeinde Freienbach, zur Dienstleisterin für ebendiese Klientel geworden. Die wohnt in den bevorzugten Lagen am Zürichsee oder an den Hängen oberhalb von Pfäffikon.

Zweisprachige Betreuung für Babys

Im Zentrum des Ortes merkt man das aber nicht, hier gibt es auch Industrie und Gewerbe sowie Wohnblöcke für weniger vermögende EinwohnerInnen. In einem dieser Wohnblöcke wohnt der Sekundarlehrer Otto Kümin. Er ist SP-Mitglied, VPOD-Vorstandsmitglied und ehemaliger Kantonsrat. Ihm passt nicht, was sich vor seinen Augen in der kommunalen Bildungslandschaft abspielt. «Wir haben hier eine unanständige Konzentration von Vermögen, und als Folge davon erleben wir nun eine Segregation in der Bildung. Die Reichen klinken sich mit ihrem Nachwuchs aus der Gesellschaft aus und bilden eigene Parallelwelten.»

Cornelia Möhrlen wehrt sich gegen die Kritik. «Die OBS sieht sich nicht als Sonderzone mit Stacheldraht rundherum, sondern wir bieten ein differenzierteres Angebot als die öffentlichen Schulen.» Was das bedeutet, sieht man in der Abteilung «Baby Care» der OBS. Hier muss man sich auf Zehenspitzen fortbewegen, denn die Kleinsten halten gerade ihren Mittagsschlaf; schon Babys ab drei Monaten und Kleinkinder werden in der OBS zweisprachig betreut, bei einem Fünf-Tage-Aufenthalt kostet das 28 700 Franken pro Jahr.

Und so geht es nahtlos weiter, vom Vorkindergarten für 24 900 Franken bis hinauf zur Oberstufe mit Sek- oder Maturaklassen für 27 000 Franken. 410 Kinder nutzen derzeit diese Angebote. «Die Eltern suchen bei uns eine zweisprachige Ausbildung, eine ganztägige Betreuung und eine individuelle Förderung der Kinder in kleinen Klassen», sagt Cornelia Möhrlen. Der Anteil SchweizerInnen liegt bei dreissig Prozent. Die internationale Kundschaft zählt dreissig Nationen, darunter sind deutsche, britische, skandinavische und auch amerikanische Eltern. Die meisten leben dauerhaft in der Schweiz, einige sind Expats, die nur wenige Jahre hier bleiben.

Im Bezirk Höfe mit den Gemeinden Wollerau, Freienbach und Feusisberg ist die Nachfrage nach Privatschulplätzen riesig. Jetzt drängt eine weitere Privatschule in die Nachbarschaft der OBS, um sich ein Stück vom Kuchen zu sichern.

Die Swiss International School (SIS) will in Pfäffikon ebenfalls eine zweisprachige Privatschule aufbauen und legt dabei ein rasantes Tempo vor. Schon am 10. August will sie mit einem Kindergarten und vier Primarstufen starten und danach das Angebot laufend bis zur Oberstufe ausbauen. Wie die OBS ist auch die SIS Pfäffikon eine Tagesschule, im Endausbau soll sie 300 Kinder aufnehmen. Zunächst will die SIS in Provisorien unterrichten und später einen Campus bauen. Im Moment kämpft die Privatschule, die der Kalaidos-Bildungsgruppe Schweiz und der deutschen Klett-Gruppe gehört, allerdings noch mit Einsprachen von NachbarInnen. Ambros Hollenstein, Delegierter des SIS-Verwaltungsrats, will keine Fragen beantworten.

Zwischen den beiden Privatschulen entbrennt ein Kampf um die zahlungskräftige Kundschaft. Denn auch die Obersee Bilingual School will wachsen. Sie will aus Pfäffikon wegziehen und in der Nachbargemeinde Wollerau einen grossen neuen Campus mit erweitertem Angebot errichten. Im Endausbau will die OBS 550 PrivatschülerInnen aufnehmen.

Dieser Privatschulboom ist in der Schweiz einmalig, weil er auf kleinstem Raum stattfindet und eine einzige Ursache hat: den schier unermesslichen Reichtum in Wollerau, Freienbach und Feusisberg. Die drei Gemeinden führen die Rangliste der steuergünstigsten Gemeinden der Schweiz an. Wer durch die drei Gemeinden fährt, sieht die Folgen. Immer dichter ziehen sich Villen und luxuriöse Terrassenbauten die Hänge hinauf oder stehen, wie im Freienbacher Ortsteil Hurden, abgeschottet auf Inselchen im Zürichsee. Im Bezirk wohnen Milliardäre wie Klaus-Michael Kühne, Martin Ebner oder der frühere Rohstoffhändler Willy Strothotte, aber auch die Familien August von Finck, Maus, Cloppenburg und Hirschmann. Zu den Multimillionären gehören unter anderem Oswald Grübel, Marcel Ospel, Walter Fust oder Roger Federer (Quelle: «Bilanz»: «Die 300 Reichsten»). «Hier hat sich ein Steueroptimierungscluster etabliert», sagt SP-Mitglied Otto Kümin.

Ein Boom auf kleinstem Raum

Mit den Reichen kommen auch die Finanzdienstleister in den Bezirk, den die regionale Wirtschaftsförderung als «Finance Valley Lake Zurich» anpreist. Einer davon ist die Aeris Capital AG in Pfäffikon. Sie mischt nun auch noch im lokalen Bildungsmarkt mit: Letztes Jahr hat sie die Obersee Bilingual School gekauft. Hinter der Aeris Capital AG verbirgt sich gemäss WOZ-Recherchen das «Family Investment Office» des deutschen Multimilliardärs Klaus Tschira, eines Mitgründers des Softwareriesen SAP. Die Privatschule OBS bestätigt das, wünscht aber, Tschiras Namen nicht in der Zeitung zu lesen, der Investor möge es diskret und wolle im Hintergrund bleiben.

Der Boom der Privatschulen hat Folgen. Wegen der Obersee Bilingual School, aber auch wegen weiterer Privatschulen in Seegemeinden des benachbarten Kantons Zürich verlieren die öffentlichen Schulen im Bezirk Höfe laufend SchülerInnen. In den Gemeinden Wollerau, Freienbach und Feusisberg gehen bereits 23 Prozent der OberstufenschülerInnen in Privatschulen.

«Das ist ein sehr hoher Anteil», sagt Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Universität Freiburg und Direktorin des Forschungsinstituts Swiss Education in Bern, «denn im Durchschnitt gehen nur fünf Prozent der Schweizer Kinder in Privatschulen.» Dabei gebe es grosse regionale Unterschiede. Auffallend sei allerdings, dass der Trend zu Privatschulen in den letzten Jahren deutlich zunehme. Stamm spricht von einem neuen, gefährlichen Parallelsystem: Wenn zunehmend nicht mehr das Potenzial und die Leistungsfähigkeit über die Bildung eines Kindes entscheiden würden, sondern das Portemonnaie, führe dies zu einer wachsenden Segregation. «Die Chancengerechtigkeit sinkt, und die öffentlichen Schulen geraten ins Hintertreffen.» Otto Kümin kennt als Sekundarlehrer diesen Trend aus eigener Anschauung. «Wir erleben, dass Privatschulen auch Kinder aufnehmen, die in einer öffentlichen Maturitätsschule nicht bestehen würden. Der Charme der Privatschulen ist, dass sie einen Maturaabschluss quasi garantieren.»

Dieser Trend wird sich in den Gemeinden am oberen Zürichsee verstärken. Wenn die Obersee International School und die Swiss International School ihren jeweiligen Campus in Betrieb nehmen, werden sie auf engstem Raum 800 Plätze für PrivatschülerInnen anbieten. Der Schwyzer Bildungsdirektor Walter Stählin (SVP) sagt dazu, er könne und wolle diese Privatschulen nicht verhindern. Es gelte die Handels- und Gewerbefreiheit, und wenn die Auflagen erfüllt seien, müssten die Bewilligungen erteilt werden.

Stählin äussert allerdings auch Skepsis. «Die Privatschulen punkten vor allem mit kleineren Klassen, umfassenden Tagesstrukturen und der Zweisprachigkeit. Sie sind aber nicht verpflichtet, verhaltensauffällige Kinder oder Schüler mit sonderpädagogischen Anforderungen aufzunehmen, wie wir das müssen. Insofern sind die Spiesse nicht gleich lang.»

Dabei, fügt Walter Stählin hinzu, gebe es zwischen den privaten und den öffentlichen Schulen kaum qualitative Unterschiede. «Im Bezirk Höfe haben die öffentlichen Schulen bei den Evaluationen und Leistungstests durch den Kanton sehr gute Resultate erzielt.» Dies solle auch in Zukunft so bleiben. «Ich werde mich dafür einsetzen, dass die öffentlichen Schulen nicht ins Hintertreffen geraten. Die Grundausbildung der Kinder ist unser elementarer Auftrag, wir wollen sie zu Persönlichkeiten entwickeln, die in der Gesellschaft, in der Wirtschaft sowie im Sozialen und Gesellschaftlichen bestehen können.»

Eins zu null für die Privaten

Die bürgerlichen Gemeindebehörden in Wollerau, Freienbach und Feusisberg reagieren auf den Privatschulboom ambivalent. Einerseits fürchten sie das «Ausbluten» der öffentlichen Schulen, andererseits freuen sie sich, dass die Privatschulen einen zusätzlichen Standortvorteil bringen. Die für die Bildung verantwortlichen SVP-, CVP- und FDP-Gemeinderäte sagen gegenüber der WOZ, sie wollten nun Brückenangebote wie Mittagstische ausbauen. Doch Otto Kümin bleibt skeptisch: «Vor Jahren schon wollte die Gemeinde in Freienbach eine Tagesschule errichten, doch die FDP hat das Vorhaben verhindert.»

Kürzlich haben Höfner Kantonsräte von SVP, FDP und CVP eine Motion lanciert. Sie verlangen, dass zur Stärkung der öffentlichen Schule neu zweisprachige Leistungsklassen in der Sekundarschule geschaffen werden. Dafür müsse das Volksschulgesetz geändert werden. Nicht unterzeichnet hat die Motion die SP. «Es geht nicht darum, mit den Privatschulen in einen Nachahmerwettbewerb zu treten», sagt Otto Kümin. «Es geht darum, dass wir die integrative Wirkung der öffentlichen Schulen verteidigen und so die Aufsplittung der Bildung zugunsten der Steuerflüchtlinge in unseren Gemeinden stoppen. Wir wollen keine Parallelwelten.»

Doch gegenwärtig steht es eins zu null zugunsten der privaten Schulen. Die Zeiten, in denen es noch selbstverständlich war, dass Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten zumindest in der Schule zusammentrafen, sind in den Dörfern im Bezirk Höfe vorbei.

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