Nr. 16/2015 vom 16.04.2015

Vom Ökoromantiker zum Berufsgefangenen

Die Biografie des Bündner «Ökoterroristen» ist auch ein Krimi. Das liest sich bestens, auch wenn der Erkenntnisgewinn gering ist.

Von Markus Spörndli

In vier Jahren wird Marco Camenisch aus dem Gefängnis entlassen werden. Einen Grossteil seines Lebens wird der dann 66-jährige anarchistische Öko- und Haftaktivist hinter Gittern oder auf der Flucht verbracht haben – und das weniger wegen seiner Taten, sondern wegen seiner Gesinnung, sprich befürchteter zukünftiger Taten. Als «politischer Gefangener» geniesst er denn auch seit Jahrzehnten einen Kultstatus in alternativen Kreisen weit über die Schweiz hinaus.

Nun hat der Journalist Kurt Brandenberger eine Biografie veröffentlicht. Das bewegte Leben Camenischs gibt dafür mehr als genug Stoff: Der Sohn eines Bündner Grenzbeamten schmeisst das Gymnasium, jobbt als Kuhhirt und Hilfsarbeiter. Er lebt in Kommunen, liest anarchistische Traktate; er wird Vater und lässt seine junge Familie sitzen. Dann zieht er in den bewaffneten Kampf für eine herrschaftsfreie Welt; aus Protest gegen Atomkraftwerke und gegen Staudämme in seiner Heimat sprengt er Anlagen des regionalen Elektrizitätskonzerns. Er bekommt in einem drakonischen Urteil eine zehnjährige Zuchthausstrafe, flieht zusammen mit Schwerverbrechern, wobei ein Aufseher getötet wird. Camenisch taucht ab, lebt praktisch die gesamten achtziger Jahre hindurch im Untergrund und taucht nach zehn Jahren plötzlich in seinem Heimatdorf wieder auf. Zur gleichen Zeit und fast am gleichen Ort wird ein Grenzbeamter erschossen. Camenisch wird in einem Indizienprozess als Täter verurteilt, und wieder übersteigt das Strafmass alles bisher Dagewesene.

Rasante Reportage

Kurt Brandenberger hat Camenisch während dreier Jahre regelmässig für lange Gespräche im Gefängnis besucht, er hat mit Komplizinnen und Weggefährten, mit der Ehefrau und der Tochter, mit LehrerInnen und Gefängnisverantwortlichen gesprochen. Er erhielt Einsicht in Camenischs Tagebuch und Briefe, und der Anwalt Bernard Rambert überliess ihm sämtliche Gerichts- und Polizeiakten. Rambert war auch entscheidend dafür, dass Camenisch überhaupt in das Vorhaben einwilligte. Denn Camenisch spricht eigentlich schon lange nicht mehr mit JournalistInnen.

Entstanden ist ein sorgfältig recherchiertes Buch. Und über weite Strecken eine äusserst rasant erzählte Reportage, bei der man sich ganz nah am Geschehen fühlt. Das Buch sei besonders für Leute interessant, «die gerne Schweizer Krimis lesen, die am Leben, den Taten und den Irrtümern eines politischen Aussenseiters interessiert sind», sagte Brandenberger gegenüber der Internetzeitung «Infosperber». Eine spannende Geschichte über einen politischen Aussenseiter ist das Buch auf jeden Fall.

Gleichzeitig will das Buch auch eine Zeitdokumentation der siebziger und achtziger Jahre sein: einerseits eine Chronik der Anti-AKW-Proteste, der autonomen Jugendzentren, der Krawalle und Kulturhappenings der Jugendbewegung und der Häuserbesetzungen; andererseits eine Dokumentation der Verfilzung von Staat, Wirtschaft und Justiz.

In den erklärenden und einordnenden Teilen bleibt das Buch allerdings meist oberflächlich. Zuweilen zitiert der Autor einfach seitenweise Akten, damalige Medienerzeugnisse oder aus dem Gesprächsprotokoll mit Camenisch. Nicht zuletzt aus biografischem Interesse, für ein Verständnis von Camenischs Motiven, Handlungen und Entwicklung, hätte man gerne mehr über die damalige gesellschaftliche Stimmung erfahren. Denn Camenischs Karriere wäre wohl ziemlich anders verlaufen, wenn etwa die Bündner Justiz Anfang der achtziger Jahre nicht völlig überreagiert hätte. Sie hat den Mythos Camenisch womöglich erst konstruiert.

Was denkt der Staatsanwalt heute?

Warum hat der Richter dem offensichtlich ökoromantisch veranlagten Bündner jegliche ideelle Absicht abgesprochen, gar das vom Staatsanwalt geforderte Strafmass überboten und den jungen Camenisch für eine Sachbeschädigung von damals etwas über einer Million Franken für zehn Jahre ins Zuchthaus geschickt? Solche Fragen scheinen Brandenberger nur mässig zu interessieren. Wir wissen nicht, ob er zum Beispiel zumindest versucht hat, JustizvertreterInnen von damals zu befragen. Genauso interessant, wie es ist, Camenischs heutige Sicht auf gewisse seiner Taten zu lesen, wäre es gewesen, von der Gegenseite in Erfahrung zu bringen, wie sie ihre damaligen Entscheidungen und Handlungen heute einschätzt.

Stattdessen bleibt Brandenberger nah bei Camenisch und dessen Umfeld. Das Problem mit Camenisch ist, dass er nun zwar mehr denn je gegenüber einer Öffentlichkeit preisgibt, aber letztlich nichts grundsätzlich Neues. Wer hoffte, dass er mit fortschreitendem Alter seine ideologische Blockade etwas aufweichen und den einen oder anderen Fehler eingestehen würde, wird enttäuscht. So bleiben auch die drängendsten Kapitel seines Lebens im Dunkeln – über die zehn Jahre im Untergrund erfährt man kaum etwas, und über die Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Erschiessung des Grenzbeamten will er weiterhin kein Wort verlieren.

Statt einer Biografie aus einem Guss liegt mit «Marco Camenisch. Lebenslänglich im Widerstand» gezwungenermassen ein Flickwerk vor. Dass sich das trotzdem wie ein Krimi liest, ist das Verdienst des erfahrenen Reportageschreibers Brandenberger.

Die Vernissage findet am Donnerstag, 16. April 2015, 20 Uhr, im Theater Neumarkt Zürich statt. Der Autor diskutiert mit Bernard Rambert, dem Anwalt Camenischs; Neumarkt-Ensemblemitglieder lesen aus dem Buch.

Das Buch ist auch im WOZ-Shop erhältlich.

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