Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Sind Sie eigentlich grössenwahnsinnig?

Hans Rudolf Herren hat sein Leben lang für seine unkonventionellen Ideen gekämpft und sich gegen Widerstände behauptet. Jetzt wird er langsam ungeduldig.

Von Franziska Meister, Markus Spörndli (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Hans Rudolf Herren: «Schon mein Vater sagte: ‹Der einzige Mist, auf dem etwas wächst, ist der Optimist.›»

WOZ: Herr Herren, waren Sie inzwischen an der Expo in Mailand?
Hans Rudolf Herren: Nein, noch nicht. Diese Woche werde ich für einen Tag nach Mailand fliegen, aber am nächsten Tag erwartet man mich bereits in Stockholm, wo ich vor dem Parlament eine Rede halten soll. Danach reise ich noch dreimal an die Expo, am 25. Juni trete ich dort auf Einladung des Bundesamts für Landwirtschaft an einer Podiumsdiskussion auf – zusammen mit Mike Mack von Syngenta.

Sie werden also mit dem Chef von Syngenta die Klingen kreuzen?
Ach, an dieser Expo wird ein bisschen viel drauflosdiskutiert. Ich glaube nicht, dass solche Veranstaltungen zu irgendetwas führen. Zumindest nicht, wenn es in Richtung einer grundlegenden Transformation der Landwirtschaft gehen soll, die wir so dringend benötigen.

Und trotzdem jetten Sie mit dem Flugzeug rund um die Welt von Konferenz zu Konferenz.
Sie wissen gar nicht, wie oft ich Nein sage und stattdessen via Skype Besprechungen abhalte. Aber manchmal geht es einfach nicht anders. Im September, wenn auch meine Frau bei der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno in Rom pensioniert wird, ziehe ich dann endgültig nach Kalifornien und versuche, mehr von dort aus zu arbeiten. Zudem bin ich gerade am Ausrechnen, wie viel CO2 mein Biorebberg in Kalifornien absorbiert.

Wiegen die Resultate all der Umwelt- und Klimakonferenzen die Fliegerei Tausender Teilnehmer tatsächlich auf?
Vielleicht bringt nur die Hälfte etwas. Aber wenn ich nicht da bin, dann bekommt die Gegenseite mehr Einfluss.

Was sagen Sie denn zur sich anbahnenden Fusion von Syngenta und Monsanto: Fällt damit ein Gegner weg – oder wird er stärker?
Nun, dann hätten wir tatsächlich nur noch einen Gegner, und der wird kaum stärker werden. Monsanto befindet sich im Sinkflug. Der Konzern hat mit seinem Herbizid Roundup riesige Probleme am Hals – Europa steht kurz davor, den Inhaltsstoff Glyphosat zu verbieten. Mit dem Kauf von Syngenta versucht Monsanto einfach, seine Haut zu retten.

Sie freuen sich also auf die Fusion?
Ja klar – dann müssen wir nur noch einen Konzern vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag bringen!

Hat Ihnen eigentlich schon mal jemand vorgeworfen, Sie seien grössenwahnsinnig?
Ja, das hat mir tatsächlich mal einer vorgeworfen: Der US-amerikanische Botschafter in Rom, Anfang der achtziger Jahre. Weil ich vorgeschlagen hatte, im Kampf gegen die Maniokschmierlaus Schlupfwespen per Flugzeug quer über Afrika abzuwerfen, von Dakar bis nach Maputo.

Wie bitte? Sie haben tatsächlich Afrika aus der Luft mit Insekten bombardiert?
Ja klar! Die Probleme mit den Maniokschädlingen waren so gross – da musste man einfach in anderen Bahnen denken. Wir entwickelten die Ideen und all die neuen Techniken dazu in Afrika: von den Treibhäusern, in denen wir die Schlupfwespen industriell züchteten, bis hin zur Abwurfmaschine, mit der wir die Insekten schliesslich aus dem umgebauten Flugzeug katapultierten.

Damit verhinderten Sie eine Hungerkatastrophe und erhielten 1995 den Welternährungspreis. Was bedeuten Ihnen dieser Preis und der Alternative Nobelpreis, den man Ihnen und Ihrer Stiftung Biovision verliehen hat?
Vielleicht Anerkennung für etwas, das nicht schon jeder gemacht hat? Mit dem Weltagrarbericht gewannen wir seit 2008 auch einen gewissen Einfluss, konnten mit unseren Projekten von Biovision zeigen, dass unsere Methoden gut sind. Den Welternährungspreis finde ich aber auch problematisch, wenn man sieht, wer da mittlerweile ausgezeichnet wird: immer mehr Vertreter der Grünen Revolution – vorletztes Mal waren es sogar Monsanto und Syngenta!

Woher nehmen Sie eigentlich die Energie für Ihre Arbeit?
Sicher auch von Syngenta und Monsanto, die muss man wenigstens ärgern. Aber im Ernst: Ich werde zunehmend ungeduldiger. Immer muss ich kämpfen. Das war bereits zu Beginn so, am Institute of Tropical Agriculture in Nigeria: Der Generaldirektor hat mich angestellt, aber der Rest des Instituts war gegen meine Ideen. Mein Team und ich mussten uns die ganze Zeit rechtfertigen. Später musste ich in Westafrika gegen die Macht der Grossunternehmen ankämpfen, die auch nicht vor Schmiergeldzahlungen zurückschreckten, um die Regierungen davon abzuhalten, den ökologischen Landbau zu unterstützen. Jeden Tag diese Adrenalindosen. Aber die Zukunft macht mir halt Sorgen, ich habe ja auch noch Kinder.

Sie bleiben trotzdem optimistisch?
Was soll ich denn machen – nur noch im Rebberg rumhängen? Schon mein Vater sagte: «Der einzige Mist, auf dem etwas wächst, ist der Optimist.» Wenn man den Optimismus verliert, hat man nichts mehr. Darum werde ich weiterkämpfen, bis zum Letzten.

Der Agrarexperte Hans Rudolf Herren (67) will auch weltpolitisch etwas bewegen – aber mit der Bill & Melinda Gates Foundation, die Aktien von Monsanto, der Öl- und Kohleindustrie besitzt, setzt er sich nicht an einem Tisch.

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