Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Was haben Sie gegen die Entwicklungsländer?

Neue nachhaltige Entwicklungsziele könnten einen radikalen Richtungswechsel einläuten und die menschlichen Lebensgrundlagen retten, findet der Schweizer Agrarexperte Hans Rudolf Herren. Doch dazu müssten die Staaten noch lernen, am gleichen Strick zu ziehen.

Von Franziska Meister, Markus Spörndli (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Hans Rudolf Herren: «Wir haben nur eine Welt. Wir haben ja keine andere Wahl, als endlich einen Richtungswechsel einzuschlagen.»

WOZ: Herr Herren, Sie sind diese Woche in New York, wo die Uno-Mitgliedstaaten gerade um die nachhaltigen Entwicklungsziele feilschen. Diese sollen ab 2016 die bisherigen Millenniumsentwicklungsziele ablösen. Was halten Sie von solch globalen Zielkatalogen?
Hans Rudolf Herren: Ohne die Millenniumsentwicklungsziele hätten wir heute eine weniger gute Entwicklungsbilanz. Es gab dadurch klare, messbare Ziele, auf die in den letzten fünfzehn Jahren alle hinarbeiten konnten – etwa den Anteil der Menschen, die in extremer Armut leben, zu halbieren. Natürlich hatten die Millenniumsziele auch Fehler. Es waren nur acht, die ziemlich isoliert voneinander waren. Mit den Sustainable Development Goals, den SDG, hat man dann siebzehn Ziele mit 169 Unterzielen, die die Komplexität nachhaltiger Entwicklung widerspiegeln und die auch die Industrieländer stärker in die Pflicht nehmen.

Vor allem das von Ihnen erwähnte Armutsziel wurde global nur dank China erreicht. Sollten die Entwicklungsländer also von China lernen?
Nein, in China gehen viele Fortschritte auf Kosten der Umwelt und der Gesellschaft. China hat die Reduktion extremer Armut auf künstliche Weise erreicht, vor allem durch Industrialisierung und Urbanisierung.

Und Sie wollen diesem gross angelegten Entwicklungsmodell ernsthaft die ökologische, kleinräumige Landwirtschaft entgegensetzen?
Kleinräumige Landwirtschaft ist durchaus produktiv. Damit können viele Menschen aus der Armut herauskommen. In vielen afrikanischen Ländern, aber auch in Indien, verbleiben langfristig vierzig Prozent der Menschen in der Landwirtschaft. Die werden nicht plötzlich Autos bauen. Industrialisierung ist sicher eine Entwicklungsstrategie, aber man braucht auf jeden Fall ein Gegengewicht. Wenn man Biolandbau weltweit anwenden würde, käme der gesamte CO2-Ausstoss wieder in den Boden. Die Landwirtschaft ist wichtiger Teil einer Gesellschaft und einer Wirtschaft – und könnte in der Klimapolitik eine entscheidende Rolle spielen.

Die Uno rühmt sich, dass es für die SDG einen ausgeklügelten Konsultationsprozess gab. Sie waren mit der Stiftung Biovision daran beteiligt. Sind Sie zufrieden?
Wir haben recht viel erreicht. Die siebzehn Ziele, über die nun auf Regierungsebene verhandelt wird, kommen aus dem Konsultationsprozess – auch das für Biovision zentrale Ziel 2, das eine nachhaltige Landwirtschaft fordert. Und nun können wir über einige Regierungen viel einbringen, etwa über die Schweiz. Manche Regierungen kamen auch auf uns zu.

Trotzdem formiert sich Widerstand seitens der G77, der 130 Länder starken Gruppe der Entwicklungsländer.
Ja, die G77 wollen etwa den Begriff «Multistakeholder» nicht mehr drin haben. Damit sollen komplexe Probleme in kooperativer Weise gelöst werden, indem möglichst alle Betroffenen an einem Tisch sitzen. Doch für viele Entwicklungsländer riecht das wohl nach Kolonialismus. Sie wollen mehr Kontrolle und selbst bestimmen, wer am Tisch sitzt. Auch gegen das Konzept der Nahrungssysteme wehrt sich die G77, wie etwa auch die USA. Aus meiner Sicht ist das ein sehr wichtiges Konzept, weil es die Produktion mit dem Konsum verbindet. Bisher redet man meist nur darüber, wie Nahrungsmittel nachhaltig produziert werden können, aber kaum darüber, wie auf Konsumseite weniger Verschwendung erreicht werden kann.

Sie richten sich also gegen die Interessen der Entwicklungsländer?
Nun, wir haben nur eine Welt. Wir müssen nun wirklich alle am gleichen Strick ziehen. Im Moment sieht es leider noch nicht danach aus. Der Norden muss aufhören, seinen Vorsprung auf die Entwicklungsländer zu verteidigen. Andererseits sollten die Entwicklungsländer nicht mehr darauf beharren, das gleiche Wachstumsmodell zu übernehmen, das bisher die Industrieländer verfolgt haben. Es darf einfach nicht mehr darum gehen, dass jeder schaut, was er vom andern bekommen kann. Die SDG sind unsere letzte gute Chance, für die Zukunft etwas richtig zu machen. Das Beste an ihnen ist, dass sie universal sind: Die Schweiz muss sich genauso daran halten wie Botswana.

Kritik üben auch gewisse Hilfsorganisationen wie die Bill & Melinda Gates Foundation. Sie werfen ein, die SDG seien nicht nur viel zu komplex, sondern auch zu politisch.
Das ist typisch für die Gates Foundation, die glaubt, mit einer simplen Wunderwaffe die Welt retten zu können. Das ist nicht möglich. Es geht um die planetaren Grenzen. Das ist ein Riesenproblem, das man nur mit einem komplexen System an Massnahmen lösen kann. Deswegen müssen die SDG auch eine stark politische Dimension haben. Wenn ein Wandel im Ressourcenverbrauch erreicht werden soll, geht es auch um Verteilungsfragen. Die Reduktion von Ungleichheiten, zwischen Ländern und innerhalb von Gesellschaften – das ist ja hochpolitisch.

Und deshalb nicht realistisch.
Doch, wir haben ja keine andere Wahl, als endlich einen Richtungswechsel einzuschlagen. In fünfzehn Jahren sollten die SDG wirklich erreicht sein, sonst haben wir bald keine Lebensgrundlagen mehr.

Der Landwirtschafts- und Entwicklungsexperte Hans Rudolf Herren (67), Präsident der Stiftung Biovision, wohnt in Kalifornien und Rom, er arbeitet in New York und Zürich. Herren sitzt öfter im Flugzeug als ein Berufspilot. Nächste Woche befragen wir Herren auch zu seiner persönlichen CO2-Bilanz.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch