Nr. 20/2015 vom 14.05.2015

Grüne Revolution, das klingt doch gut?

Mit wissenschaftsbasierten Methoden des Biolandbaus will Hans Rudolf Herren die Welternährung sichern. Wenn es doch bloss eine Agrarökologielobby gäbe.

Von Franziska Meister, Markus Spörndli (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Hans Rudolf Herren: «Die Konzepte sind haarsträubend: Das gleiche Hybridsaatgut wird überall verteilt, man fördert den Einsatz von Düngemitteln – so werden neue Abhängigkeiten kreiert.»

WOZ: Herr Herren, Sie gingen 1979 als Insektenforscher nach Afrika und kamen mit globalen Visionen zur Biolandwirtschaft zurück – was ist passiert?
Hans Rudolf Herren: In Nigeria, am International Institute of Tropical Agriculture, haben wir ein Programm zur biologischen Schädlingsbekämpfung entwickelt, das ein Riesenerfolg war und drohende Hungersnöte verhindert hat. Diese biologische Schädlingsbekämpfung wirkt bis heute, das natürliche Gleichgewicht konnte sich halten. Aber kaum war ich weg, begann dieser Ansatz zu versanden und wurde bei andern Schädlingen nicht wieder angewandt. Eine Erfahrung, die ich immer wieder gemacht habe und durch die mir klar geworden ist, dass man auf der Ebene der Politik ansetzen muss, um etwas zu erreichen.

Warum genau sind Ihre Programme versandet?
Wie überall sagte man sich, es sei zu aufwendig, Käfer zu suchen, sie zu vermehren und dann auf Schädlinge loszulassen – heute könne man das mit gentechnischen Methoden doch direkt im Samen machen. Aber dieser Reduktionismus funktioniert in der Natur nicht. Es ist die Komplexität, die Pflanzen auf lange Frist widerstandsfähig macht und zu höheren Erträgen führt. In Afrika könnte man mit ganz einfachen agrarökologischen Methoden die Nahrungsmittelproduktion verdoppeln. Und das innerhalb von einem bis drei Jahre.

Wie das denn?
Nehmen wir die sogenannte Push-Pull-Methode als Beispiel: Damit kann man gleichzeitig Mais, Bohnen und Futtermittel anbauen – und dabei eine bislang magere Maisernte bis auf das Zehnfache steigern. Einfach, indem man zwischen dem Mais Desmodium anbaut, ein Bohnengewächs, das Stickstoff aus der Luft zieht und in den Boden einlagert, also den Boden düngt. Und weil der Boden vollständig bedeckt ist, wächst auch kein Unkraut mehr, das dem Mais Nährstoffe aus den Wurzeln zieht. Rund ums Feld pflanzen wir ein lokales Gras an, das als Futtermittel verwendet wird. Und dieses Gras ist für Stängelbohrer sehr attraktiv, die legen lieber dort ihre Eier ab als im Mais. Blöd nur für die Schädlinge, dass die Überlebensrate der Eier in diesen Gräsern extrem klein ist.

Das haben Sie alles selbst herausgefunden?
Herausgefunden haben wir vieles nur, weil wir mit den lokalen Bauern geredet und mit ihrem Wissen experimentiert haben. Desmodium etwa ist eine sehr proteinreiche Pflanze: Die Bauern verfüttern sie ihrem Vieh. Und kürzlich haben wir entdeckt, dass viele lokale Maissorten in Afrika Duftstoffe absondern, sobald sie von Schädlingen angegriffen werden, um Nützlinge anzuziehen. Dieses System ist wissenschaftlich viel komplexer als Gentech – und es funktioniert besser als jede Monokultur.

Warum hat sich diese Methode nicht breiter durchgesetzt?
Schauen Sie bloss, wie wenig Geld in die agrarökologische Forschung fliesst. In der Schweiz zum Beispiel erhalten die landwirtschaftlichen Forschungsanstalten von Agroscope 170 Millionen Franken im Jahr – das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau hingegen muss sich mit 4,5 Millionen begnügen. Solange die Forschung nicht auf Nachhaltigkeit umgestellt wird, passiert in der Praxis einfach zu wenig. Ich war selber fast dreissig Jahre in Afrika, habe Institutionen mitaufgebaut – und bin dabei immer wieder an Grenzen gestossen.

Was für Grenzen waren das?
Politische Grenzen. Sie verhinderten, dass es weiterging. Viele Länder in Afrika importieren lieber billige Nahrungsmittel, um die wachsende Bevölkerung in den Städten ruhig zu halten, statt in die Landwirtschaft zu investieren. Das in Ländern, wo siebzig Prozent der Menschen in der Landwirtschaft tätig sind. Und statt die Push-Pull-Methode zu fördern, bauen Staaten wie Kenia, Äthiopien oder Tansania Düngerfabriken mit Geldern der Agra, der Allianz für eine Grüne Revolution in Afrika.

Grüne Revolution, das klingt doch gut?
Nein, diese Programme gehen fünfzig Jahre in der Entwicklung zurück. Die Konzepte sind haarsträubend: Das gleiche Hybridsaatgut wird überall verteilt, man fördert den Einsatz von Düngemitteln, indem man den Bauern Gutscheine schenkt – so werden neue Abhängigkeiten kreiert. Und wer unterstützt diese Programme? Natürlich die Bill and Melinda Gates Foundation, die Rockefeller Foundation, Monsanto, Dupont, Pioneer und weitere Agrokonzerne. Da werden Hunderte von Millionen in diese Programme und damit in eine industrielle, grossräumige Landwirtschaft investiert.

Gibt es eigentlich keine Agrarökologielobby, die all dem etwas entgegensetzt?
Im Bereich der Agrarökologie tummeln sich unterschiedlichste Gruppen und Ansätze: Biolandbau, biodynamischer Anbau, Permakultur und so weiter. Und die spannen viel zu wenig zusammen. Es gibt noch zu viele Grabenkämpfe, man jagt sich gegenseitig das Geld ab – alles zum Vorteil der Agrokonzerne.

Was also tun?
Im Juni versuchen wir von der Stiftung Biovision, all diese Gruppen in Costa Rica an einen Tisch zu bringen und eine Dachorganisation auf die Beine zu stellen. Vor allem, um ein öffentliches Gegengewicht gegen die Agrokonzerne und ihren Lobbyverein Crop Life International zu schaffen.

Der Agrarwissenschaftler Hans Rudolf Herren (67) wollte nach seiner Studienzeit in Berkeley eigentlich nach Australien und landete in Nigeria.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch