Nr. 23/2015 vom 04.06.2015

Die Angst vor den Monstern

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Hedi Schneider steckt fest. Zu Beginn des gleichnamigen Films von Sonja Heiss zwar nur in einem Lift. Doch dann so richtig – und das mitten im Leben, wo es doch eigentlich vorwärtsgehen sollte.

Es beginnt eines Abends, als Hedi und ihr Mann Uli Sex haben möchten. Plötzlich weist Hedi Uli zurück und beginnt heftig zu atmen. Sie könne ihre Hände nicht mehr bewegen und bekomme keine Luft mehr, ruft sie panisch und ist überzeugt, sie habe einen Herzinfarkt und werde sterben. Ihr Mann ruft den Notarzt, und schnell wird klar: Es ist nicht das Herz, sondern Hedis Psyche. Sie leidet an Angstattacken.

«Du kennst das doch, wenn man Angst hat vor Monstern unter dem Bett. Mama hat ständig Angst», erklärt Uli dem kleinen Finn während einer Autofahrt den neuen Zustand seiner Mutter: «Und wir zwei müssen einfach warten, bis das aufhört.» – «Kann man die Monster auch wegsaugen?», möchte der Junge wissen, der mit der neuen Situation kaum zurechtkommt. Damit ist er nicht allein. Die Krankheit der Mutter überfordert alle Beteiligten und bedroht zunehmend das Kleinfamilienglück.

Nichts mehr ist wie vorher: Spielte die Mutter früher mit ihrem Jungen überdreht Rollenspiele, liegt sie nun tagelang auf dem Bett. Ihre Augenringe werden dunkler, sie selber immer bleicher. Intim verharrt die Kamera auf Hedis Gesicht (grossartig: Laura Tonke), um ja keine ihrer Stimmungsschwankungen – ausgelöst mitunter auch durch ein bisschen zu viel Psychopharmaka – zu verpassen.

Die Regisseurin Sonja Heiss nimmt in ihrem Spielfilm feinfühlig und sehr humorvoll ein hochaktuelles Thema auf und zeigt, dass Depressionen und Angstattacken in unserer Gesellschaft noch immer äusserst ungern thematisiert werden. So sagt denn auch Uli (Hans Löw), der wegen der Krankheit seiner Frau seinen seit Jahren erträumten Job bei einer NGO in Gambia absagt, seine Frau leide an Krebs. Hedis Mutter wiederum meint schlicht: «Wenn es mir schlecht geht, nehme ich eine kalte Dusche.»


Ab 4. Juni 2015 im Kino.

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