Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Eine Anomalie namens Lisa

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Deine Stimme ist wie Magie», sagt Michael zu Lisa, die er erst kurz davor im Hotel kennengelernt hat. Das klingt nach Romantik aus dem Versandkatalog, aber in diesem Fall lässt sich der Zauber nicht bestreiten. Denn alle Figuren, denen Michael in diesem Film begegnet, auch die Frauen, haben dieselbe Männerstimme – ausser eben Lisa, die von Jennifer Jason Leigh gesprochen wird.

Logisch, dass das für Michael (David Thewlis) wie Magie klingt. Auf uns wirkt es befremdlich, aber es soll uns nicht weiter verwundern, denn der Animationsfilm «Anomalisa» ist das neuste Werk von Charlie Kaufman («Being John Malkovich»), dem intellektuellsten Romantiker in Hollywood.

Michael ist ein Experte für Kundendienst, steckt aber offensichtlich in einer Midlife-Crisis. Als hochkarätiger Gastreferent wird er zu einer Tagung eingeflogen, dabei glaubt er selber nicht mehr an die Botschaften, die er predigt («Jeder Kunde ist ein Individuum»). Der ganze Film ist gefiltert durch seinen leeren Blick auf die Welt. Die leicht sedierende Eintönigkeit, die von «Anomalisa» ausgeht, ist also psychologisch begründet: Die Figuren wirken wie auf Antidepressiva, die Gesichter maskenhaft, eingefroren in einer vagen Trauer – bis Michael diese Anomalie namens Lisa trifft. Und dann: Puppensex!

Aber bei Charlie Kaufman ist die Liebe ja nie einfach eine Angelegenheit des Herzens (oder der Hormone), sondern vor allem auch: Kopfsache. Das heisst, er nimmt romantische Klischees gerne beim Wort, bis sie ins Unheimliche kippen – und dann zurück in eine Romantik zweiten Grades, wie damals im Drehbuch zu «Eternal Sunshine of the Spotless Mind». Jetzt, in «Anomalisa», bringt es eine verliebte Figur einmal schön narzisstisch auf den Punkt: «Alle anderen sind austauschbar, nur du und ich, wir sind anders.» Es ist diese beglückende Verblendung der Liebe, was Kaufman und sein Koregisseur Duke Johnson hier durchspielen – eine kleine, insgesamt etwas dünne Psychopathologie des Alltagslebens in Gestalt eines Puppentrickfilms.

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