Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Eine Novelle für die Tunnelbauer

Von Eva Pfister

199 Tote gab es beim Bau des alten Eisenbahntunnels am Gotthard, 19 beim Autotunnel und bislang 8 beim Gotthardbasistunnel. Der Zahlenfetischist und Trainspotter Fritz Bergundthal wälzt diese Zahlen im Kopf, als er sich am 15. Mai 2011 aufmacht zu jener Kurve in der Landstrasse bei Airolo, wo man die beste Sicht auf die Züge hat, wenn sie aus dem alten Tunnel herausfahren.

Auch Tonino, der auf der Baustelle bei Bodio in einem Container vor den Bildschirmen sitzt, denkt an Tote, vor allem an den einen, mit dem er persönlich zu tun hatte, damals in den siebziger Jahren beim Bau des Autotunnels. Die drückende Erinnerung verbindet den alten Mineur mit Aldo Polli, der nicht mehr arbeitet, sondern auf seinem Mofa herumfährt. Man hält ihn für etwas beschränkt. Umso besser kann er den Stoff verteilen, den er in einem verlassenen Hotel versteckt hält. Es ist ein Grandhotel aus der Jahrhundertwende, als nach der Eröffnung des ersten Tunnels 1882 vornehme Gäste aus Mailand und Zürich anreisten, bis der Erste Weltkrieg der kleinen Tourismusblüte in der Leventina ein Ende bereitete.

Zora del Buono hat Architektur studiert und in Berlin als Bauleiterin gearbeitet, bevor sie als Mitbegründerin des Reportagemagazins «mare» in die schreibende Zunft wechselte. Man merkt, dass sie Sachkenntnis besitzt und für ihren Roman «Gotthard» vor Ort recherchiert hat. Ihre Helden sind die Tunnelbauer, ihre Schauplätze die Baustelle am Südportal sowie die umliegenden Dörfer im oberen Tessin.

Die Arbeit neigt sich dem Ende zu, es wird wieder ruhiger in der Leventina, Beizen und Bordelle schliessen. Die Lkw-Fahrerin Flavia Polli transportiert schon die zerlegte Tunnelbohrmaschine ab; dem Baustellenleiter tut es in der Seele weh, «Gabi 2» als Schrotthaufen zu sehen. Es ist ein Abschied, Ingenieure, Arbeiter und Prostituierte müssen sich neue Arbeitsplätze suchen, irgendwo in der Welt.

Mit dokumentarischer Genauigkeit beschreibt del Buono die Welt der Tunnelbauer und verknüpft sie mit einer spannenden Geschichte, die mit einem surrealen Ende überrascht.

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