Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Scheinwerfer im Keller

Das alte Medium Kino feiert das alte Medium Zeitung. Tom McCarthys neuer Film «Spotlight» tut dies anhand eines Missbrauchsskandals in Boston.

Von Daniela Janser

Still aus dem Film «Spotlight»

JournalistInnen sind die Helden der Aufklärung – und der Unabhängigkeit. Wenigstens im Hollywoodkino. Und die Mutter aller Filme über heldenhafte JournalistInnen ist Alan J. Pakulas «All the President’s Men» (1976). Robert Redford und Dustin Hoffman decken da als Lokaljournalisten Bob Woodward und Carl Bernstein mit der Watergate-Affäre einen der grössten Korruptionsskandale der jüngeren US-Geschichte auf. Die zwei Journalisten von «All the President’s Men» sind mit ihrer Recherche verheiratet. Sie haben zwar kein Privatleben, aber ein erotisches Verhältnis zu ihren gelben Notizblöcken und zum kunstvoll zwischen Ohr und Schulter geklemmten Telefonhörer. Geheime Informanten treffen sie im hintersten Winkel einer dunklen Tiefgarage, und überhaupt besteht ein Grossteil ihrer Arbeit aus «legwork», wie es auf Amerikanisch so schön heisst. Auf Deutsch: Sie eilen von einem Archiv zum nächsten, und wenn es nötig ist, klopfen sie auch spätabends noch an die Türen möglicher Informantinnen, um so den vielleicht entscheidenden Hinweis zu bekommen.

Ewige Recherchen

Es muss eine Hommage an Pakulas Klassiker sein, wenn der neue Film «Spotlight» seinen Prolog just ins Jahr 1976 legt. Ein Priester wird zuerst in Polizeigewahrsam genommen, kurze Zeit später aber einfach so wieder auf freien Fuss gesetzt – ohne weitere Ermittlungen oder Auskunft an die Presse.

Diese unscheinbare Szene ist bloss ein kleiner Teil des riesigen Missbrauchsskandals, der die Stadt Boston 25 Jahre später erschüttern wird. Verantwortlich für die späte Aufklärung ist ein vierköpfiges Rechercheteam, das im Untergeschoss der Zeitung «Boston Globe» haust, sich «Spotlight» (Scheinwerfer) nennt, und schon mal ein Jahr lang an einer Geschichte arbeiten darf, bis sie in Druck geht. (Bei diesem Hinweis schiesst den JournalistInnen im Kinosaal das Wasser in die Augen. Welcher Medienkonzern leistet sich heute noch eine solche Abteilung?)

Doch der eigentliche Motor der Recherche ist Marty Baron, der neue Herausgeber des «Boston Globe». Als unverheirateter Jude blickt Baron mit dem geschärften Auge des Aussenseiters auf die verfilzten Strukturen in der erzkatholischen Stadt. Spätestens als ihm Bostons graue Eminenz, der Kardinal, beim Antrittsbesuch quasi als Stadtführer einen Katechismus in die Hand drückt, weiss Baron, wo er gelandet ist.

Tom McCarthys Film «Spotlight» verfolgt geduldig und nüchtern die oft unspektakuläre und mühsame journalistische Recherchearbeit, die auch vor der eigenen Tür nicht haltmacht. Denn auch der «Boston Globe» hat den eigentlich bekannten massiven Kindsmissbrauch von katholischen Priestern jahrelang unter den Teppich gekehrt. Nur das Finale des Films versinkt dann im Aufklärungspathos und in der passend dazu angerührten musikalischen Sauce.

Nostalgie statt Internet

Schaut man in die Filmgeschichte, wird klar, dass dieses rührige Pathos, mit dem das Kino die altmodischen Medien und JournalistInnen feiert, Methode hat. Orson Welles’ Klassiker «Citizen Kane» (1941) hat eine immerhin leise ironische filmische Pointe. Die langwierigen Ermittlungen eines Reporters ergeben, dass mit dem hingehauchten letzten Wort des verstorbenen schwerreichen Charles Foster Kane ein ganz gewöhnlicher Holzschlitten gemeint war. Im Musikfilm «Almost Famous» (2000), liefert ein ungemein vifer Jungjournalist dem Magazin «Rolling Stone» schliesslich ein geniales, weil schonungslos ehrliches Porträt seiner Lieblingsband ab. Und George Clooney baute in seinem wehmütigen Schwarzweissfilm «Good Night and Good Luck» (2005) seinem unerschrockenen TV-Journalisten im Kampf mit dem KommunistInnenjäger McCarthy ein mit viel Zigarettenrauch umflortes Denkmal.

Auffällig ist, dass sogar ein aktueller Film wie «Spotlight» seine Hommage an den Journalismus noch knapp in einer Zeit ansiedelt, bevor das Internet die journalistische Recherche, aber auch ihre Verbreitung massiv verändert hat. Das Kino beweist sich so einmal mehr als zutiefst nostalgisches Medium. Eine monatelang geheim gehaltene Grossrecherche wie in «Spotlight» traut man den Medien im Zeitalter der Digitalisierung anscheinend gar nicht mehr zu.

«Spotlight» ist für sechs Oscars nominiert und läuft ab dem 25. Februar im Kino.

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