Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Haben Sie eigentlich ein Leben neben dem Fussball?

Mämä Sykora erklärt, weshalb die EM in seinen Augen bisher nur wenig Spektakel geboten hat – und lobt jene Akteure, die sonst häufig in der Kritik stehen: die Schiedsrichter.

Von Jan Jirát und Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Mämä Sykora – hier im Trikot von Schachtar Donezk: «Mit einem mutigen Spiel wie gegen Rumänien liegt für die Schweiz ein Weiterkommen drin.»

WOZ: Mämä Sykora, die Vorrunde der Europameisterschaften ist vorbei. Was bleibt Ihnen in Erinnerung?
Mämä Sykora: Wie stark sich der neue Modus auf die Attraktivität der Spiele ausgewirkt hat. Im alten Modus kamen nur die besten zwei Mannschaften pro Gruppe weiter, nun qualifizieren sich auch die meisten Gruppendritten für den Achtelfinal. Vier Punkte reichen also in der Regel fürs Weiterkommen. Deshalb gab es oft Spiele, in denen ein Team mit einer Mauertaktik ein Unentschieden zu erreichen versuchte. Hinzu kommt, dass selbst die stärkeren Teams nicht unbedingt gewinnen mussten, um weiterzukommen. Exemplarisch dafür waren die beiden Nullnummern zwischen Deutschland und Polen sowie zwischen Frankreich und der Schweiz. Es ging nicht immer auf, oft fielen ja sehr späte Tore. Aber attraktive Spiele mit zwei Mannschaften, die auf Sieg spielen, gibt es in diesem Modus kaum mehr.

Wie beurteilen Sie die Leistung der Schweizer Mannschaft?
Besonders das Spiel gegen Rumänien war sehr gut. Der Wille der ganzen Mannschaft, das Tempo zu variieren, hat mir gefallen. Es zahlt sich aus, dass der Trainer Vladimir Petkovic im Mittelfeld Blerim Dzemaili laufen lässt. Er spielt überraschender, unkonventioneller und offensiver als Gökhan Inler, der früher gesetzt war. Schliesslich fällt an der EM auf, was für ein ausgezeichneter Spieler Granit Xhaka geworden ist mit seiner Passgenauigkeit oder seinem Zweikampfverhalten.

Was trauen Sie der Schweizer Mannschaft zu?
Es wird ein offenes Spiel gegen die Polen. Für mich sind die beiden Teams auf Augenhöhe. Mit einem mutigen Spiel wie gegen Rumänien liegt ein Weiterkommen drin, spätestens im Viertelfinal wird aber Schluss sein.

Es fällt auf, dass die Schiedsrichterleistungen bisher medial kein Thema sind. Offenbar machen sie einen guten Job …
Die Schiedsrichter sind hervorragend. Es freut mich besonders, dass sie etablierte Muster nicht mehr mittragen. Ein Beispiel: Wird ein Stürmer mit dem Rücken zum Tor angespielt, lässt er sich oft umgehend fallen, wenn er nur schon den Atem des Verteidigers im Nacken spürt. Bislang bekamen sie dafür fast immer einen Freistoss zugesprochen. An der EM pfeifen das die Schiedsrichter nicht mehr. Das gab in den ersten Spielen viele verdutzte Blicke der Stürmer. Die Schiedsrichter lassen viel laufen und pfeifen nur sehr offensichtliche Vergehen. Deshalb gab es auch nur so wenige Elfmeter. Diese Linie gefällt mir sehr.

Gibt es für Sie eigentlich auch ein Leben neben dem Fussball?
Keine Sorge, das gibt es. Als Mitgründer und Vorstandsmitglied des Vereins Zitrone beschäftige ich mich seit Jahren mit Zwischennutzungen von leer stehenden Räumen in der Stadt Zürich. Zurzeit bereiten wir eine Zwischennutzung mit Atelierplätzen im Seefeld vor, was auch viel Handwerksarbeit bedeutet.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie sich mit diesem Thema beschäftigen?
Angefangen hat alles mit der Bombay Bar, die von 2007 bis 2010 ganz in der Nähe der Langstrasse existierte. Im Erdgeschoss des Gebäudes betrieben wir eine Bar, wo wir natürlich auch Fussball zeigten, und oben waren Atelierplätze. Nach dem Abriss der Bombay Bar und weiteren kurzen Zwischennutzungen kam das erste grössere Projekt in einer ehemaligen Citroën-Garage hinzu. Deshalb der Name: Verein Zitrone.

An wen richtet sich Ihr Verein mit seinen Zwischennutzungen?
An alle, die Bedarf an Arbeits- und Atelierplätzen haben: Musikerinnen, Künstler, Grafikerinnen, Architekten oder Journalistinnen. Wir wollen aber auch Veranstaltungen ermöglichen: Kino, Konzerte, Vorträge. Es soll lebendig und offen sein. Unser Konzept als nicht profitorientierter Verein ist solidarisch; das heisst, alle Beteiligten zahlen gleich viel, egal wie viel Platz sie benötigen. Wir wollen bewusst eine gute Durchmischung und schauen darauf, dass auch Leute mitmachen können, die auf dem freien Markt chancenlos sind. Beispielsweise Bühnenbildner, die viel Platz für ihre Arbeit – im besten Fall sogar eine Werkstatt – brauchen. Die Nachfrage nach bezahlbaren Arbeitsplätzen ist riesig. Und viele sind auch sehr gerne bereit, etwas zum Projekt beizutragen.

Wie sieht es mit dem Angebot aus?
Das ist massiv kleiner als die Nachfrage. Was ein völliger Irrsinn ist, angesichts der vielen leeren Büroräume in der Stadt Zürich. Auch wenn die Akzeptanz von Zwischennutzungen mittlerweile zugenommen hat, lassen gerade grosse Unternehmen ihre Gebäude noch immer lieber ein paar Jahre leer stehen, als sie für Zwischennutzungen freizugeben. Das ist teilweise unfassbar. Hinzu kommt, dass es mit dem Projekt Interim einen profitorientierten Konkurrenten gibt, der Zwischennutzungen kommerziell betreibt. Die haben bei privaten Unternehmen einen besseren Zugang, tragen aber deutlich weniger zur Quartierbelebung bei und schliessen viele Personen aus, die viel Raum brauchen oder Lärmemissionen verursachen.

Nach dem Interview in der letzten WOZ («Die Uefa ist schlimmer als die Fifa?») hat Mämä Sykora (40) ein Mail mit mehreren kritischen Nachfragen zu seinen Aussagen erhalten. Sykoras ausführliche Antworten, die den Rahmen dieses Interviews sprengen, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten: www.woz.ch/sykora.

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