Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Die Kinder rufen es bis spät in die Nacht

Vor fünf Jahren stiess ein Rohstoffhändler den Traditionsverein in den Abgrund. Inzwischen klopft Neuchâtel Xamax wieder an die Tür zur höchsten Liga. Gelegenheit für eine Liebeserklärung.

Von Adrian Riklin (Text) und Milad Ahmadvand (Fotos)

Andächtig sitzt er auf seinem Platz und schaut, die Hände auf den Stock gestützt, zur nahen Strafraumlinie, wo sich die Spieler des FC Neuchâtel Xamax von der Kurve feiern lassen.

Der Mann, der wie in Trance unter seinem Béret hervorblinzelt, mag um die neunzig sein. Wenige Minuten zuvor, in der 92. Spielminute, hat seine Equipe mit dem 2 : 0 gegen den FC Schaffhausen alles klargemacht. 2600 ZuschauerInnen sind an diesem Spätsommerabend ins Stadion gepilgert. Kein Vergleich natürlich zu den achtziger Jahren, als selbst Real Madrid und Bayern München in der altehrwürdigen Maladière das Fürchten lernten. Oh, là, là, was war das für ein Ensemble: Uli Stielike, Heinz Hermann, Claude Andrey, Don Givens – und der zerzauste Gilbert Gress auf der Trainerbank!

Decastels Zeichensprache

Bevor der Reporter, steile Treppen absteigend, ins Geschehen tauchte, hatte er von der Terrasse des Hotel Alpes et Lac gleich beim Bahnhof auf die Stadt hinuntergeschaut. Tagträumerisch lag sie im Septemberlicht vor ihm, dahinter das Glitzern des Sees und am linken Bildrand die Flutlichtmasten des neuen Stade de la Maladière – ein wenig zu protzig für diese Stadt, deren Schönheit sich bis in die Farbkollektion der Fensterläden schleicht.

Ja, die Schönheit. Die Freundlichkeit der Leute. Gelassene Ausgelassenheit, bis spät in die Nacht. Ein kollektives Savoir-vivre, das von unten kommt. Milad, der Fotograf, der zum ersten Mal in der Stadt ist, sagt es: «Man spürt irgendwie, ob man in einer eher linken oder rechten Stadt ist – an den Leuten und wie sie sich auf der Strasse geben.»

In Neuenburg spiegelt sich der fortschrittliche Esprit auch auf dem Fussballplatz. Xamax ist eine dieser Mannschaften, die – egal wie viele Trainer und Spieler über all die Jahrzehnte ausgewechselt wurden – mehr oder weniger an einer gewissen Ästhetik festhalten. Einem einigermassen traditionsbewussten Xamax-Trainer würde es wohl kaum in den Sinn kommen, Betonfussball spielen zu lassen.

Michel Decastel zum Beispiel, der die Equipe seit Oktober 2015 trainiert, war selbst Spieler bei Xamax: als junger Spieler in den siebziger Jahren und zum Abschluss seiner Spielerkarriere Ende der achtziger Jahre. Und so wie er als Spieler mit seiner Eleganz brillierte, steht er heute – weisses Hemd, Ärmel leger zurückgestülpt, schwarze Hose – wie ein avantgardistischer Dirigent an der Seitenlinie. Weltgewandt und locker bis in die Fingerspitzen; minimalistisch, aber klar in der Zeichensprache. Ihm zuzuschauen, ist fast so vergnüglich wie das Geschehen auf dem Spielfeld.

Tschagajews Erbe

Längst sind die orangen Sitzplätze zugeklappt, und auch die traurigen Gestalten von der Schaffhauser Bierkurve, die 93 Minuten nahezu regungslos im Gästesektor vor sich hin schwiegen, sind verschwunden.

Mitten in dieser Leere jedoch strahlt noch immer dieser alte Mann. Seinen Stock hat er mittlerweile, im Zustand der Verzückung, über die Knie gelegt, wobei er ihn mit beiden Händen beiläufig leicht hebt – sodass der Stock fast zu schweben scheint.

Aber ja, es hat sich in seinem Gesicht auch eine Melancholie abgezeichnet: Spuren vielleicht aus den Jahren 2011 und 2012. Tschagajew: Das ist der Name, bei dessen Erwähnung der alte Mann womöglich zusammenzucken würde. Bulat Tschagajew, der tschetschenische Rohstoff- und Immobilienhändler, der im Mai 2011 den Verein übernahm und innert weniger Monate in den Abgrund stiess. Tschagajew, dessen Regentschaft darin gipfelte, dass er dem Klublogo den Zusatz «Vainach», die historische Bezeichnung des heutigen Tschetschenien, einprägen wollte.

Am 23. Januar 2012 wurde Tschagajew in Untersuchungshaft genommen. Wenige Tage zuvor hatte die Neuchâtel Xamax SA Konkurs angemeldet, nachdem die damalige Axpo Super League dem Verein wegen ausstehender Gehälter die Lizenz entzogen hatte. Tschagajews Erbe: über zwanzig Millionen Franken Schulden und 359 GläubigerInnen.

Wundersame Auferstehung

Die neue Vereinsführung mit dem Dentaltechnikunternehmer Christian Binggeli als Präsidenten scheint aus dem Desaster gelernt zu haben. Viereinhalb Jahre später liegt der Klub auf dem zweiten Platz der Nationalliga B und klopft damit trotz eines sehr bescheidenen Budgets wieder an die Tür zur höchsten Liga. Und doch ist es ein Wunder, dass, hundert Jahre nach der Gründung des FC Xamax (das Palindrom entstand aus dem Vornamen des Mitgründers Max Abegglen, genannt Xam), in diesem Stadion überhaupt wieder Profifussball gespielt wird.

Zu verdanken ist das auch Gilbert Facchinetti, Kind italienischer EinwanderInnen, Bauunternehmer und Patron alter Schule, der den Verein von 1979 bis 2003 führte und ihm zu zwei Meistertiteln (1987 und 1988) verhalf. Aus dem Bekanntenkreis ebendieses Facchinetti, der dafür bekannt war, Verträge nur per Handschlag abzuschliessen, wurde 2012 die Fondation Gilbert Facchinetti gegründet. Damit erst haben Facchinetti und seine Freunde den Verein gerettet: indem sie die Juniorenspitzenteams der Region finanzierten, die U21-Equipe zur ersten Mannschaft erklärten und mit dem damals in der vierthöchsten Liga spielenden Vorortklub FC Serrières fusionierten. Seither ist der Buchstabe S im Wappen des neu gegründeten Vereins eingestickt.

Es ist 21.20 Uhr, und erst jetzt nimmt der alte Mann seinen Stock, stellt ihn kerzengerade zwischen die Beine, stützt seine Hände darauf und stemmt sich bedächtig nach oben – bis er steht, einen letzten Blick auf den Kunstrasen wirft und sich, Schrittchen für Schrittchen, in Richtung Ausgang aufmacht.

«Neuchâté-el! Neuchâté-el!» Die Kinder rufen es bis spät in die Nacht. Noch Tage später wird mir ihr Ruf in den Ohren klingen.

PS: Am nächsten Mittwoch soll der Prozess gegen Bulat Tschagajew fortgesetzt werden. Für einen ersten Termin ist er bereits Ende August aus Moskau eingeflogen und vor dem Kantonsgericht erschienen. Dabei hat er alle Vorwürfe im Zusammenhang mit dem Konkurs des Klubs zurückgewiesen.

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