Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Im Magnetfeld der Grenze

Der FC Chiasso war einst zu gut für die Schweiz. Heute spielt er nur noch lokal eine Rolle. Diese dafür über den Fussball hinaus.

Von Pascal Claude (Text) und Claudio Bader (Foto)

Über dem Corso San Gottardo hängt ein Dach. Hunderte bunter Regenschirme spannen sich schützend über die Fussgängerzone von Chiasso, sie reichen vom Ristorante Indipendenza fast bis zum Zoll. Ist das Kunst? Ein Geste der Solidarität an diesem Ort der Gestrandeten?

Unter den Schirmen findet ein Flohmarkt statt, es ist Samstagnachmittag, der Himmel wolkenlos. Hinter den Tischen sitzen Frauen und Männer mittleren Alters und warten auf Kundschaft, die nicht kommt. Die Armeeabzeichen, die DVDs, die Bildbände und Abba-Singles bleiben liegen. Tafeln ersetzen auf dem blank gefegten Corso die Menschen, und auf den Tafeln steht: «Tieni pulita la tua città» (Halte sie sauber, deine Stadt).

«Sie schlagen sich tapfer»

Für den Espresso in der Bar Mascetti will der Junge zwei Franken. Wir sind im Magnetfeld der Grenze. Hier, direkt am Zoll, löst sich der Corso aus seiner keimfreien Starre. Kinder beissen in grosse Panini, ein Hund schnappt sich den Rohschinken. Die Mutter mäkelt, das Weinfest in Mendrisio koste jetzt schon acht Franken Eintritt. Zwei Eritreer trinken ein Bier. Ein Stammgast foppt den Jungen: Warum er zum Espresso kein Glas Wasser serviere?

Der FC Chiasso, 111-jährig, geriet schon früh in den Bann der Grenze. Zehn Jahre nach seiner Gründung war er schon so stark, dass es ihm an ebenbürtigen Gegnern mangelte. Er bat den italienischen Fussballverband um Aufnahme – und fand Gehör. In der italienischen Nachbargemeinde Maslianico fand der Klub ein Spielfeld mit Tribüne. Fortan hiessen die Gegner nicht mehr Mendrisio, Lugano und Locarno, sondern Bergamo, Milan und Cremonese.

An diesem Samstagabend heisst der Gegner FC Wil. Von der Bar Mascetti sind es zwanzig Minuten zu Fuss zum Stadion Riva IV, unter dem Bahndamm hindurch, vorbei an der Bar Rosso-Blu, der Jazzbar Pace, dem Denner. 400 Leute kommen zu einem Spiel, das der FC Chiasso im Grunde nur verlieren kann. «Es ist letztlich ein Wunder, dass Chiasso in der zweithöchsten Liga spielt», sagt Ruggero Glaus bei einer Zigarette vor dem Anpfiff. Der Tessiner Sportjournalist ist Chronist des Vereins, als Koautor hat er 2005 das Hundertjahrbuch mitverfasst, das als eine der besten Chroniken des Schweizer Fussballs gilt. «Mit seinen 8000 Einwohnern ist Chiasso ein Dorf. Der Klub hat kein Geld, wir spielen mit Jungen, sie schlagen sich tapfer.» Für die Geschichte um Chiassos Italienabenteuer reiste Glaus nach Rom und stieg in die Archive des italienischen Verbands. Er wollte alles wissen.

Die 400 ZuschauerInnen auf der rot-blauen Tribüne und das verwegene Ultragrüppchen gegenüber sind nahe am Spiel. Sie gehen mit, das ist ihr Stadion, ihr Verein, ihr Chiasso. Hier findet das Leben statt, das aus dem Corso San Gottardo gewichen ist. Während dort Grenzwache, Polizei und der Sicherheitsdienst Prosegur abwechslungsweise patrouillieren, um Menschliches frühzeitig zu erkennen, wird hier geflucht, gelacht, gegessen und getrunken. Die Jahre in der italienischen Liga zwischen 1913 und 1923, die Glanzzeiten in der Nationalliga A in den fünfziger Jahren, als Chiasso mit Ferdinando Riva, genannt Riva IV, um die Meisterschaft spielte – sie sind nicht nur Jahrzehnte entfernt. Heute sind sie in Chiasso stolz, wenn der Verein überlebt, und die Bandbreite der Emotionen reicht gerade bis Lugano.

«Er hätte Rot sehen müssen»

Der FC Wil, seit einem Jahr mit Geld eines türkischen Geschäftsmanns bis zur Unkenntlichkeit aufgepumpt, böte den Fans die ideale Projektionsfläche für alles, was schiefläuft im Fussball. Doch in Chiasso regt das keinen auf. Hier ärgert man sich lieber lokal. Mario Bottani heisst heute der Feind, er spielte bis im Sommer für den FC Lugano und wechselte dann eine Liga tiefer zum neureichen FC Wil. Als steuere die kollektive Gewaltfantasie auf den Rängen das Geschehen auf dem Rasen, kracht kurz nach der Pause ein Rot-Blauer direkt vor der Tribüne ohne Chance auf den Ball dem ahnungslosen Bottani in die Beine. Während der verletzt liegen bleibt und schliesslich humpelnd das Feld verlässt, entlädt sich der ganze Chauvinismus, der den Fussball oft genug so unappetitlich macht. Johlend wird der Geschundene verwünscht, «Hau ab in dein Scheisslugano», brüllt ein Rentner. Nur Chiassos Pressechef, geknickt und leise, wird später in den Katakomben des Stadions sagen, so was gehe nicht. «Nur Gelb für unseren Spieler, unbegreiflich. Er hätte Rot sehen müssen.»

0 : 4 verliert der Gastgeber. Er tut dies unter Protest. Gegen Ende des Spiels verweist der Schiedsrichter einen Spieler des FC Chiasso fälschlicherweise des Feldes. Er hat die Nummern 11 und 17 auf den Trikots verwechselt. Noch einmal wird es hektisch und laut, doch diesmal ist das Gebrüll von Gelächter unterlegt. Nun ist es eben passiert. Mit der Niederlage rutscht Chiasso ans Tabellenende, noch hinter Wohlen. Dass der neue Präsident, ein Finanzmann aus Reggio Calabria, Verstärkung holen könnte, daran mag man gar nicht denken. Nicht nur in Chiasso haben sie aufgehört, verstehen zu wollen, was genau Männer wie er in der zweiten Schweizer Liga suchen.

Zurück auf dem Corso San Gottardo, nun ist auch der Flohmarkt weg. «Ghost Town», sangen The Specials, «città fantasma». Die Regenschirme, erfährt man von einer Tafel, sind eine Aktion des Gewerbeverbands: «Un cielo di ombrelli». Sie gefallen 975 Personen, auf Facebook. Am nächsten Morgen stehe ich in der Halle des Bahnhofs vor dem riesigen Fresko von Pietro Chiesa aus dem Jahr 1933. Es zeigt einen Bauern in einem südländischen Bergdorf, der mit seinem Bündel aufbricht, Frau und Kinder bleiben bedrückt zurück. Das Bild heisst «l’emigrante». Eine Tafel dazu ist nirgends zu finden. Ich frage die Frau am SBB-Schalter. Sie wirkt genervt. «Eine Information zu einem Wandbild? Ich weiss nicht, wovon Sie reden.»

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