Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Sie lassen Ihre Kunststudenten scheitern?

Kurz vor der Eröffnung des Museums der Leere erklärt die Künstlerin Gilgi Guggenheim, weshalb das Scheitern ein wesentlicher Teil von kreativen Prozessen ist.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Gilgi Guggenheim beim Aufbau im Foyer des Museum of Emptiness: «Was wir tun, bleibt immer nur ein Fragment des Ganzen.»

WOZ: Gilgi Guggenheim, letzte Woche sprachen Sie vom Widerspruch beim Versuch, die Leere darzustellen.
Gilgi Guggenheim: Ja, die Leere an sich entzieht sich der Darstellbarkeit. Ich kann nur das Gefäss, das sie umfasst, zeigen. Ebenso verhält es sich mit dem Licht, das erst durch einen materiellen Widerstand sichtbar wird. Die Helligkeit an sich ist nicht fassbar.

Und doch stellten Sie sich dieser Aufgabe?
Ja. Und die Lösung dazu fand ich, indem ich das Unlösbare miteinbezog. In meiner Malerei verdeckte ich also bewusst die eigentliche Helligkeit, lenkte aber gleichzeitig den Blick darauf.

Das müssen Sie näher erklären.
Das Motiv, das ich dazu wählte, war der Ausschnitt einer Person, wie wir es von klassischen Porträts her kennen. Mit dem Unterschied, dass sich die Person in meinem Bild von mir abwendet und ins Licht schaut. Als Betrachterin eines solchen Rückporträts schaue ich in dieselbe Richtung zur Lichtquelle, nur ist mir dabei eben die Porträtierte im Weg. Und während ich versuche, ihr über die Schulter zu blicken, um die Lichtquelle zu erkennen, in die sie schaut, erahne ich die Helligkeit darin – und kann mir Helleres als das bereits aufgetragene hellste Weiss vorstellen. Das heisst, die Imagination ist stärker als das Kunstwerk.

Jeder Versuch, Licht oder Leere zu malen, ist also zum Scheitern verurteilt?
Wobei gerade darin auch das Befreiende liegt. In der Geschichte wurden ja viele Erfindungen erst durch das Scheitern gemacht – oder zeigten sich zunächst als vermeintlicher Makel eines Versuchs. Scheitern ist ein wesentlicher Teil von kreativen Prozessen. Diesen Ansatz vermittle ich auch meinen Studentinnen und Schülern.

Sie lassen Ihre Kunststudenten und -studentinnen scheitern?
Ich lasse sie das Scheitern sogar üben.

Wie?
Da gibt es natürlich unendlich viele Formen des Scheiterns, die jede und jeder Einzelne durch Selbstreflexion entdecken kann. Auch im Scheitern kann Potenzial erkannt werden. So kann ich zum Beispiel als Rechtshänderin mit meiner linken Hand zeichnen und dabei die Schönheit der makelhaften Linien erkennen. Ich könnte nun meine linke Hand dazu trainieren, so wie die Rechte zu zeichnen. Oder aber ich tue es genau umgekehrt, indem ich mit der rechten Hand versuche, «Schwäche» zu erreichen. Aus dieser Einstellung heraus lasse ich die Studentinnen und Studenten erst mal eine persönliche Inspirationspalette zusammenstellen.

Inspirationspalette?
Auch diese ist für jede und jeden wieder eine andere. Jemand, der Inspiration im kommunikativen Austausch sucht, kann es vielleicht kaum fassen, dass jemand anderes diese in der einsamen Ruhe findet – und umgekehrt. Die vielfältigen Zugänge zur Inspiration machen diese aber gerade aus.

Und welches ist Ihre Palette?
Das erwähnte Scheitern gehört dazu. Und auch das Arbeiten mit den Sinnen vermittle ich in meiner Inspirationsmethode. Sobald ich nämlich den Sehsinn – der unsere Wahrnehmung dominiert – nicht nur abgekoppelt verwende, sondern beispielsweise auch den Tast-, Hör- oder Geruchssinn einsetze, komme ich in die unmittelbare Wahrnehmung. Es ist dann unmöglich, sich vom gegenwärtigen Moment zu lösen. Dieses unmittelbare Jetzt kann nur authentisch sein. Für mich ist Authentizität in der Kunst zentral.

Was bedeutet das für das Museum of Emptiness?
Dass wir es auch hier mit Sinneswahrnehmung, mit vielfältigen Möglichkeiten und mit dem Scheitern zu tun haben. So wie Leere an sich nicht darstellbar ist, so gibt es in der Leere keine endgültige Wahrheit, die ihr zugeordnet werden könnte. Hierfür ist die Leere viel zu beweglich. Zudem wird Bewegung selbst auch erst durch Leere ermöglicht. Vielleicht ist sie einfach eine andere Form von Fülle.

Von Fülle?
In der Fülle fehlt es an nichts. Und die Leere braucht nichts, um leer zu sein. Beide haben also alles, was sie brauchen. Oder wie es der Philosoph Christof Rapp formuliert: «Das Leere verhält sich zur vollen Substanz völlig symmetrisch und ebenbürtig.» Das zeigt sich auch in der Farbe Weiss. Für das Auge sieht sie farblos aus, und doch reflektiert sie alle Spektralfarben.

Sie suchen also doch das Vollkommene?
Sie meinen, um daran zu scheitern? Was wir tun, bleibt immer nur ein Fragment des Ganzen. Ein Museum der Leere mag vielleicht Projektionen in die Richtung des Absoluten wecken. Doch auch hier sind es gerade die Makel, die das Gesamtbild erst ausmachen.

Gilgi Guggenheim (43) lebt und arbeitet in St. Gallen. Als Dozentin an der Höheren Fachschule Bildende Kunst und in offenen Atelierkursen vermittelt sie das Fach Inspiration, in dem sie nie mit einem Blatt Papier, einem Pinsel oder einem Zeichnungswerkzeug anzutreffen ist.

Am Samstag, dem 10. September 2016, ab 18 Uhr eröffnet die Künstlerin das Museum of Emptiness (Haldenstrasse 5, St. Gallen) mit ihrer Ausstellung «Brighter than White». Konzeptkünstler Paul Divjak aus Wien wird das MoE mit seiner molekularen Installation «Memories of Water» einweihen.

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