Nr. 35/2016 vom 01.09.2016

Wie wollen Sie aus Leere ein Museum bauen?

Seit fünf Jahren beschäftigt sich Gilgi Guggenheim mit der Darstellung von Leere und will aus dieser eigentlichen Unmöglichkeit ein Museum der Leere entstehen lassen. Nun ist die Künstlerin mitten in der Realisierung.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Gilgi Guggenheim vor dem Museumseingang: «Eher erweitere ich das Kulturangebot um ein Angebot weniger.»

WOZ: Gilgi Guggenheim, in einigen Tagen eröffnen Sie in St. Gallen das MoE, das Museum of Emptiness. Was hat Sie dazu bewogen?
Gilgi Guggenheim: Es gab da für mich vor einigen Jahren berufliche und persönliche Erfahrungen, die sich nach und nach zur Idee eines Museums der Leere verdichteten. Beispielsweise nahm ich aufgrund der immer grösser werdenden Informations- und Bilderflut eine gewisse Bildermüdigkeit innerhalb unserer Gesellschaft wahr.

Interessiert Sie darin also vor allem der gesellschaftliche Aspekt?
Zunächst stellte sich mir die Frage, wie ich selbst als bildende Künstlerin damit umgehe. Schliesslich trage ich, unabhängig vom künstlerischen Motiv, zur Bildproduktion bei. Jedoch äussert sich das bei mir in verlangsamter Form – ich male bis zu einem Jahr an einem Bild. Zudem versuche ich in meiner Malerei, das immaterielle Licht einzufangen, was schon ein Widerspruch in sich ist. Allein schon die Leinwand ist Materie. So wie auch die Leere erst durch ihre Hülle definiert wird.

Und jetzt nehmen Sie also diese Leere – und bauen daraus ein ganzes Museum.
Für mich können erst darin diese Widersprüche und Gegensätze nebeneinander bestehen. Losgelöst von richtig und falsch.

Was können Sie damit anbieten?
Raum. So einfach es klingt. Unser städtisches Leben ist geprägt von der Fülle eines reichen Angebots, und das ist wunderbar. In dieser ganzen Fülle sind wir aber vor allem darin geübt, Leere zu vermeiden. Ihre Erscheinung weckt das natürliche Bedürfnis, zu füllen. Verglichen mit der Lunge, die sich füllt und leert, ist das, als atmeten wir ständig ein, ohne auszuatmen. Die Fülle, die uns angeboten wird, überlässt uns zwar die freie Wahl. In der Leere hingegen wählen wir nicht. Hier entscheiden wir selbst und sind.

Heisst das, Sie wollen das kulturelle Angebot reduzieren?
Eher erweitere ich es um ein Angebot weniger. Ein wesentlicher Teil besteht aber in der Betrachtung, in der Wahrnehmung. Deshalb auch die Bezeichnung «Museum». Anders als wir es uns von einem Museum gewohnt sind, kann hier das Werk mitgenommen werden – Leere verschenkt sich. Besucher, die sich auf die Leere einlassen, können sich diese zu eigen machen und in ihren Alltag mitnehmen.

Auf dass sich die Leere in der alltäglichen Fülle sogleich wieder auflöst?
Ebenso gut kann sich die Leere in einzelne Teile aufsplittern, sobald die Besucher den Ausstellungsraum verlassen. Dabei muss sie nicht an Volumen verlieren. Sie kann sich über ihre räumliche Grenze wieder neu vernetzen und ausdehnen.

Wie aber lässt sich Leere konkret erfahren?
Das MoE besteht aus zwei Räumen. Zuerst ist da das Foyer, das als Plattform zum Austausch und zur Auseinandersetzung mit der Thematik einlädt. Hier wird eine Sammlung der Leere entstehen, die theoretische bis künstlerische Aufzeichnungen und Definitionen beinhaltet. Wem das Erleben der Leere in ihrer Einfachheit zu schwierig scheint, der findet im Foyer den Kontext zur Leere. In einer Hörstation sind zudem Gedanken und Ideen zur Leere von Kindern und Erwachsenen zu hören.

Und dort, im Ausstellungsraum, wird nichts als Leere ausgestellt?
Wobei diese Leere – das eigentliche Werk des Museums – erst durch das Eintreten erlebbar wird. In diesem Sinn handelt es sich auch um eine begehbare architektonische Skulptur.

Ist das nicht eine Raumverschwendung?
Im Gegenteil. Die Leere kann sehr erfüllend sein. Ausserdem können Interessierte den Raum als Arbeits- und Inspirationsraum reservieren. Auch werde ich das MoE Kulturschaffenden aus unterschiedlichsten Sparten episodisch zur Verfügung stellen.

Der Raum ist also gar nicht die ganze Zeit leer!
Während hier gearbeitet wird, verhält es sich ähnlich wie bei jedem Ausstellungsaufbau. Da kann es gut sein, dass Werkzeuge und Materialien gebraucht werden, um die Leere zu erarbeiten. Anschliessend werden diese Arbeitsmittel natürlich weggeräumt.

Die Leere erarbeiten?
Ob nun eine Künstlerin oder etwa eine Tanztruppe die Leere allein durch ihre Präsenz und Sichtweise bespielen und definieren oder eine Intervention im Raum vornehmen, lasse ich ihnen offen. An den Vernissagen werden also sichtbare oder unsichtbare Spuren einer immer wieder neu erschaffenen Leere wahrnehmbar sein. Nach und nach kann sich so eine Art angesammelte Gruppenausstellung der Leere aufbauen. Vorgaben wird es im Museum of Emptiness grundsätzlich keine geben, unabhängig davon, ob darin gearbeitet wird oder nicht. Dies wäre meiner Ansicht nach auch nicht mit der Leere vereinbar.

Sie lassen die Besucher also immer wieder mit der grossen Leere zurück?
Mit einer kostbaren Leere, ja. Ich sehe Leere als grösstmögliche Fülle an Möglichkeiten.

Die Künstlerin Gilgi Guggenheim (43) wurde für ihr Schaffen mehrfach ausgezeichnet.

Eröffnung des Museum of Emptiness MoE an der Haldenstrasse 5, St. Gallen: Samstag, 10. September, ab 18 Uhr. www.museumoe.com

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