Nr. 38/2016 vom 22.09.2016

Einen Raum leer zu halten, ist schwieriger, als ihn zu füllen?

Was Gilgi Guggenheim einst dazu bewogen hatte, das Meer nach St. Gallen zu bringen. Und warum ihr das Bewahren mindestens so wertvoll erscheint wie das Sammeln.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Gilgi Guggenheim, zwischen Ausstellungsraum und Foyer des Museum of Emptiness: «Überall, wo Sie nichts bemerken, können Sie davon ausgehen, dass Arbeit dahintersteckt.»

WOZ: Gilgi Guggenheim, Sie bieten Freundinnen und Freunden des Museum of Emptiness einen MoE-Fassadenschriftzug im Kleinformat an. Wofür?
Gilgi Guggenheim: Damit sie mit diesem Multiple eine Wand, einen Balkon, eine Schublade oder auch eine Jackentasche zu ihrem eigenen Museum der Leere erklären können.

Das erinnert mich an einen Film von Woody Allen, in dem er in den Strassen New Yorks frische Meeresluft verkauft – in leeren Schuhschachteln.
Und mich erinnern diese Schuhschachteln an die Kiste mit den Luftlöchern, die Antoine de Saint-Exupéry zeichnete, damit sich der kleine Prinz darin ein Schaf vorstellen konnte.

Könnte denn zum Beispiel auch meine Agenda mit dem MoE-Schriftzug versehen werden?
Klar.

Für die kleinen Erholungspausen, die von überallher empfohlen werden?
Nicht nur. Sie können zum Beispiel auch in der Fülle Ihrer Termine schwimmen – als wärs ein Meer der Leere.

Apropos Meer: Was eigentlich hat Sie vor bald zwanzig Jahren dazu bewogen, es hierher nach St. Gallen zu bringen?
Die Stadt liess sich nicht ans Meer bewegen. Also wollte ich das Meer zu ihr bringen – damit sich die beiden nach Jahrmillionen endlich wiedersehen. Dazu liess ich unter dem Titel «St. Gallen liegt am Meer» die Haupteinkaufsstrasse mit Meeresrauschen beschallen – einem Rauschen, das den Häuserzeilen entlang stetig lauter wurde, als könnte sich als Nächstes gleich die Brandung zeigen.

Auch hier im Museum of Emptiness ist ein Rauschen zu vernehmen – von vorbeifahrenden Autos.
Und im Fünfminutentakt bäumt sich mit dem Bus eine grössere Welle auf … Anfangs schienen mir die Wände des Ausstellungsraums – inmitten dieses Geschehens – zu dünnhäutig, um die Leere im Raum halten zu können. Doch nach all der Arbeit ist nun ein Schutzmantel da. Das Urbane von draussen korrespondiert sogar mit der Leere. Sie kommt in dieser vollen Umgebung noch klarer zur Geltung.

Gab es denn so viel zu tun, um einen Raum einfach nur leer sein zu lassen?
Es gab viel mehr Arbeit, als einen Raum zu füllen. Wenn alles erst mal leer ist, wird die Hülle ja umso sichtbarer. Dann beginnt das Handwerk, beispielsweise das Stahlbürsten der Fassadensteine. Körperliche Arbeit eben. Und danach folgt alles Nichthandwerkliche. Überall, wo Sie nichts bemerken, können Sie davon ausgehen, dass Arbeit dahintersteckt.

Einen Raum leer zu halten, ist also schwieriger, als ihn zu füllen?
Sie kennen es bestimmt aus eigener Erfahrung, beispielsweise in der eigenen Wohnung, wie das Ansammeln von Dingen fast von selbst geschieht. Auch die frühe Menschheit wird ja oft als «Jäger und Sammler» bezeichnet. Bewahren aber ist etwas ganz anderes, etwas sehr Wertvolles. Und doch sagen wir nicht: «der Mensch, eine Bewahrerin».

Und Sie haben sich der Aufgabe verschrieben, die Leere aufzubewahren?
Im wahrsten Sinn des Wortes.

Dann sind Sie also auch Konservatorin?
Eine Konservatorin der Leere.

Und zugleich sind Sie Abwartin, Wächterin und Kuratorin.
Vergessen Sie nicht die Sekretärin und die Putzfrau. Ich habe mir gleich mehrere Stellen angeboten und war selbst verblüfft, wie vielseitig die Arbeitsplätze der Leere sind. Kürzlich habe ich mich gleich noch als Buchhalterin angestellt, um mir ein leeres Konto als Polster zuzulegen.

Sie zahlen sich leer aus?
Mit Leergut, ja. Eine Besucherin hat mir vor wenigen Tagen eine schöne Geschichte erzählt: Ihre Grossmutter wollte ihr altes Haus verkaufen, weil es ihr zu eng wurde mit all dem, was sich über die Jahrzehnte darin angesammelt hatte. Als nach Wochen alles endlich ausgeräumt war, sass sie draussen auf der Treppe und sagte: «So gefällt es mir. Jetzt könnte ich wieder hier wohnen.»

Sie haben diesen Ort der Leere also auch für sich selbst erarbeitet?
Ja. Und auch jeder einzelne Besucher erschafft darin seine eigene Leere. Für den Lichttechniker ist es ein Lichtraum, für die Sängerin ein Resonanzkörper. Eine Architektin wiederum interessierte sich für die Proportionen der ursprünglichen Jugendstilwerkstatt. Ein Textildesigner assoziierte darin St. Galler Spitzen, die rund um Leere gestickt werden. Mein Nachbar aus Indien beschrieb die Atmosphäre des Raums mit «shanti», innerem Frieden. Zwei Schauspieler verstanden den Raum mit seiner weiten Fensterfront als grosse Guckkastenbühne. Und der Stadtpräsident höchstpersönlich stellte eine leere Rede in Aussicht.

Gilgi Guggenheim (43) ist am Meer auf- gewachsen. Statt die Siesta einzuhalten, fuhr sie lieber mit dem Fahrrad durch die leeren Quartierstrassen. Heute lebt und arbeitet sie als Künstlerin und Mentorin für Inspiration in St. Gallen. Das MoE Museum of Emptiness ist ihr neustes Werk. www.museumoe.com

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