Nr. 39/2016 vom 29.09.2016

Wie kommt man eigentlich wieder aus der Leere heraus?

Wofür die Künstlerin Gilgi Guggenheim auf dieser Seite schweigt. Und was sie über Caprese, Marzipan und die Haltbarkeit von Leere denkt.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Gilgi Guggenheim am Fenster des MoE: «Selbst wenn gerade niemand kommt, macht das ebenso den Sinn der Leere aus.»

WOZ: Gilgi Guggenheim, wir haben durch diesen Monat über Ihr Museum of Emptiness (MoE) gesprochen. Da stellt sich die Frage: Wie steht es um die Haltbarkeit von Leere?
Gilgi Guggenheim: Es gibt kein Ablaufdatum.

Dafür hat das Monatsinterview ein Ablaufdatum. Es ist unser letztes Gespräch. Ist da noch etwas, das Ihnen besonders wichtig wäre?
Etwas sehr Wichtiges sogar. Wir haben noch nicht über die Leere geschwiegen.

Hierfür sollte es eigentlich Platz haben.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Mehr Leerzeilen kann ich Ihnen leider nicht zur Verfügung stellen.
Immerhin einige Quadratzentimeter Bauland. Und mitten in die WOZ haben wir ein Museum der Leere gebaut!

Mit Bewilligung, wohlverstanden.
Sehen Sie im Regal hier diese aufgeschlagenen leeren Buchseiten? Das ist eines meiner Lieblingsbücher: «Extrem laut und unglaublich nah» von Jonathan Safran Foer. Und hier, auf einer anderen Seite, überlagern sich die Zeilen bis zur Unkenntlichkeit. Das Starke daran ist, dass diese Form mehr als nur eine Spielerei ist. Sie ist völlig authentisch im Inhalt der Geschichte verankert. Ich frage mich, wie man auf die Idee kommen konnte, ein derart in sich geschlossenes Kunstwerk zu verfilmen. Das ist, als wolle man Caprese aus Marzipan herstellen.

Mögen Sie Bücher lieber als Filme?
Nein, ich mag Marzipan sogar sehr – nur nicht in Form von Salat. Ich ziehe keine Kunstform einer anderen vor. Das Medium muss einfach mit dem Inhalt übereinstimmen – das erst macht die Essenz aus.

Haben Sie mit diesem Raum hier ein übereinstimmendes Medium gefunden?
Für meine künstlerische Intention, ja. Es könnte aber auch ein anderer Ort sein, der wieder neu erarbeitet werden müsste. In der Kunst gibt es unterschiedlichste Ausdrucksformen zur Leere und ihren verwandten Themen, wie beispielsweise zum Nichts – wobei gerade das Nichts etwas völlig anderes ist. So etwa hat der Künstler Andreas Heusser mit seinem mobilen No Show Museum ein sehr konsequentes Format erschaffen, das in einer virtuellen Sammlung eine Vielzahl von künstlerischen Strategien zum Nichts präsentiert.

Und das Singuläre des MoE besteht darin, wie die Kunsthistorikerin Kristin Schmidt in der Eröffnungsrede erwähnte, dass es sich – statt sich mit der Negation zu befassen – der Leere als etwas Konkretem widmet?
Kristin Schmidt nahm darin etwas auf, was mir sehr wichtig ist. Sie formulierte es so, dass sich die Leere nicht als Abwesenheit von etwas zeige, sondern in diesem Ausstellungsraum selbst etwas sei. Das MoE definierte sie dabei als Behältnis, das einerseits ein bestehender Ort des Erlebens ist – und andererseits interpretatorischen Spielraum öffnet, der dazu einlädt, die Leere zu unterwandern.

Ist es nicht so, dass Leere oft negativ verstanden wird?
Ich glaube, das geschieht erst, wenn die Leere verdrängt wird. Je weniger Platz wir ihr zugestehen, umso bemerkbarer erobert sie sich ihren Raum zurück, was sehr unangenehm werden kann. Wobei wahrscheinlich nicht die Leere selbst aktiv wird, sondern eigene Anteile, die sich nach ihr sehnen.

Die Leere braucht also Zuwendung?
So könnte man es nennen. Und umgekehrt.

Wie gehen Sie eigentlich mit einem wenig besuchten Tag wie heute um? Für subventionierte Museen ist das wohl weniger ein Problem.
Ich rufe mir die dicht besuchte Eröffnungsnacht in Erinnerung – und all diejenigen Besucher, die noch kommen möchten oder sich aus dem Ausland für Besuche ausserhalb der Öffnungszeiten angemeldet haben. Oder auch jene, die mir mitgeteilt haben, wie sehr allein schon die Idee in ihnen etwas in Bewegung setzt, ohne dass sie überhaupt da gewesen sind. Kommt nur eine Person an einem Tag vorbei, kann ich ihr umso mehr Leere anbieten. Und selbst wenn gerade niemand kommt, macht das ebenso den Sinn der Leere aus.

Zum Schluss sollte ich jetzt nur noch etwas wissen: Wie kommt man eigentlich wieder aus der Leere heraus?
Erfüllt.

Gilgi Guggenheim (43) wurde für ihr künstlerisches Schaffen in den Bereichen Installation und Malerei mehrfach ausgezeichnet. In ihrem neu eröffneten Museum of Emptiness initiiert sie Projekte und lädt zu Interventionen aus einem breiten Spektrum ein.

www.museumoe.com

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch