Nr. 37/2016 vom 15.09.2016

Haben Kinder einen direkteren Zugang zur Leere?

Kurz nach der Eröffnung des MoE, des Museum of Emptiness: Die Künstlerin Gilgi Guggenheim über das Stocken und Räuspern zwischen dem Sprechen und Schweigen über die Leere, den Leerraum zwischen den Zeilen – und ein erstes, überaus vielstimmiges Echo.

Von Adrian Riklin (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Gilgi Guggenheim auf der Museumsbank im Ausstellungsraum der Leere: «Man könnte meinen, es sei noch heller geworden.»

WOZ: Gilgi Guggenheim, hat sich seit der Eröffnung etwas in der Grundstimmung des Museums verändert?
Gilgi Guggenheim: Noch sind, kaum wahrnehmbar, Essenzen der Molekülinstallation «Memories of Water» des Konzeptkünstlers Paul Divjak in der Luft, mit der er das Museum eingeweiht hat. Als Duftpoet hat er bereits mehrere internationale Museen olfaktorisch verwandelt. Im MoE schwebte eine leichte Duftwolke während der Eröffnung durch den Ausstellungsraum – man könnte meinen, es sei noch heller geworden.

Sie installierten auch eine Hörstation. Würden Sie der Frauenstimme zustimmen, die sagt, dass die Leere «der Inbegriff von Unbegreifbarkeit» sei?
Ja. Auch. Ebenso liesse sich aber auch einer konträren Aussage zustimmen. Was all die vielen Stimmen der Hörstation auszeichnet, ist ihr Versuch, sich der Leere aus unterschiedlichsten Richtungen zu nähern und hierfür eine Sprache zu finden.

Und lässt sich diese Sprache finden?
Ich denke, dass wir dabei sehr leicht stolpern können, denn es lässt sich mit Sprache wohl kaum bis zum Kern der Leere vordringen. Möglicherweise ist gar kein Fixpunkt da, denn dieser würde ja sogleich die Leere aufheben.

Weshalb dann eine Hörstation?
Vielleicht, um über die Leere zu stolpern. Das könnte glatt der Beweis ihrer Existenz sein … Den Stimmen zuzuhören, ist deshalb so inspirierend, da die Unfähigkeit, etwas in Worte zu fassen, kreativste Gedankengänge hervorbringt. Es gibt in der Suche nach Worten auch wunderbare Momente des Stockens, des Räusperns. Diese liess ich während der Arbeit am Tonschnitt bewusst drin. Es gibt Redepausen – und seien es noch so kurze –, die genauso viel über die Leere erzählen, wenn nicht sogar mehr. Als wären sie Variationen im Leerraum zwischen den Zeilen.

Das erinnert mich an John Cage.
Ein gutes Beispiel. Die Pause zwischen den Tönen als Musik zu verstehen – ja, darum geht es auch. Innerhalb solcher Themen wie Leere kann Sprache nur annähernd das wiedergeben, was eigentlich gesagt werden will. Schliesslich lässt sich die Leere nicht benennen, ohne mit Sätzen, Metaphern oder Formeln besetzt zu werden. Und eine besetzte Leere ist nicht mehr leer.

Und doch lassen Sie Personen über die Leere sprechen.
Ja, denn die Leere kann dadurch aus verschiedenen Perspektiven umkreist werden. Wäre da eine kunsttheoretische Abhandlung eines einzelnen Kurators, so wäre das eine zu einseitige Vermittlung. Der Fächer ganz unterschiedlicher Stimmen macht es gerade aus, weil dabei die Leere umkreist – und eben nicht besetzt wird. Es knüpft sich wie von selbst eine Art Netz um die Leere. Zwischen den Aussagen einzelner Personen bilden sich zudem Parallelen. Da erklärt beispielsweise ein Zwölfjähriger nichts anderes über die Leere als die Ausführungen einer Doktorandin – bloss in anderen Worten.

Überhaupt fällt in den Aufnahmen auf, wie philosophisch viele Kinder über die Leere nachdenken …
Ja. Kinder scheinen einen sehr direkten Zugang dazu zu haben. Beinahe performativ ist zum Beispiel die Überlegung eines Mädchens, das sich vornimmt, nicht in die Leere zu treten, sondern sich im Ausstellungsraum auf den Boden zu legen, um «Teil des Raumes zu werden», damit sie «von hier aus die Leere bewundern» könne. Oder der eigentlich konzeptionelle Gedanke eines anderen Mädchens, das sich vorstellt, was passieren könnte, wenn sie mitten in der Landschaft ein Schild mit «Museum der Leere» beschriftete, ohne dass weit und breit ein Gebäude wäre.

Welche Reaktionen haben Sie seit der Eröffnung des MoE?
Die ganze Bandbreite. Also genau das, was die Leere eben hervorruft. Während der Eröffnung erhielt ich ein sehr inspiriertes Echo. Erstaunlich waren vor allem die vielen Reaktionen darüber, dass die Leere wahrnehmbar sei, selbst während der Ausstellungsraum voller Gäste ist. Auch solche erfüllten Wahrnehmungen erfüllen nun das MoE.

Natürlich gab es auch kritische Fragen. Beispielsweise wollte ein Besucher wissen, wofür es denn ein Museum der Leere brauche, wenn er doch auch in der Natur Leere erleben könne.

Und?
Mein Ansatz ist nicht der, ob es etwas braucht oder nicht. Das wäre eine wirtschaftliche Haltung, die sich an füllbaren Marktlücken orientiert. Eher ist das MoE ja selbst die Lücke. Aber zurück zum Fragenden: Ja, er kann genauso gut Leere in der Natur finden, im Zug, an der Bar oder im Yoga – eigentlich überall, in einer anderen Form. Und das MoE eröffnet einen weiteren Zugang.

Gilgi Guggenheim (43) ist Künstlerin, Kunstdozentin und Mutter von zwei Kindern. Zu jeder Stadtreise, die sie selbst als Kind mit ihrer Familie unternahm, gehörte ein Museumsbesuch. Sie konnte sich damals für die weitläufigen Böden der Ausstellungsräume und ihre hellen Decken begeistern – und war besonders von den grossen Wandflächen  angetan, zwischen denen das Flüstern der MuseumsbesucherInnen hallte.

www.museumoe.com

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