Nr. 20/2017 vom 18.05.2017

Degradierte Tiere, einsame Menschen

Von Bettina Dyttrich

Der eine hält nur noch Schweine, der andere nur noch Legehennen, der Dritte nur noch Milchkühe. Er, der Jüngste der Porträtierten, produziert heute mehr Milch in einer Woche als sein Vater früher in einem Jahr. Das «Überleben des Stärkeren» hat er vollkommen verinnerlicht: Wer nicht gut genug sei, werde eben «vom Markt aussortiert».

Die meisten Landwirtschaftsbetriebe, die im österreichischen Dokumentarfilm «Bauer unser» vorkommen, entsprechen ganz und gar nicht dem Idealbild des vielfältigen Bauernhofs. Sie sehen eher wie Industriezonen aus. Und das sind sie auch: Teil eines Systems, das die Welt umspannt. Mit importiertem Soja werden Schweine gemästet und Milchkühe gefüttert, die Überschüsse werden in die halbe Welt exportiert. Und jene, die das alles produzieren, können immer weniger davon leben.

Die Lobbyistin der Nahrungsmittelindustrie dagegen geniesst ihren Job offensichtlich: «It’s fun!» Dass die EU-Agrarpolitik vor allem der Industrie dient, ist keine neue Erkenntnis. Aber selten wurden die Zusammenhänge so anschaulich erklärt wie in «Bauer unser». Regisseur Robert Schabus zeigt, wie die industrielle Landwirtschaft Tiere zur Ware degradiert, aber er tut es, ohne die TierhalterInnen zu Sündenböcken zu machen. Sie sind genauso unter Druck wie die Tiere, einsam und verschuldet, und wer sich öffentlich kritisch äussert, findet keinen Abnehmer mehr für seine Erzeugnisse. Leider kommen im Film kaum Frauen vor – gibt es in diesen Betrieben gar keine mehr?

Zwei vielfältige, direkt vermarktende Biohöfe, einer im Rheintal und einer bei Wien, dienen als Beispiel, dass es anders geht. Schabus benutzt die «Guten» nicht, um die anderen schlecht zu machen, sondern stellt klar, dass Alternativen so wichtig wie marginal sind – nur zwei Prozent der Lebensmittel in der EU werden direkt vom Hof verkauft. Gerade aus Schweizer Perspektive lohnt es sich, diesen Film zu schauen: Wir sind noch nicht ganz so tief im Schlamassel, aber gehen in die gleiche Richtung.

Bereits im Kino.

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