Nr. 24/2017 vom 15.06.2017

Was ist das Problem mit dem «Fidget Spinner»?

Seit es keine Kleinklassen mehr gibt, drohen noch mehr Kinder in einen Teufelskreis der Frustration zu geraten, meint Lehrerin Katharina Wenziker-Welti. Sie kennt aber auch Strategien, wie sich das verhindern lässt.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Manchmal muss ich da einfach schauen, dass wir alle im Klassenzimmer einigermassen sinnvoll ‹überleben›», sagt Lehrerin Katharina Wenziker-Welti.

WOZ: Frau Wenziker-Welti, Sie unterrichten in einem städtischen Schulhaus, in dem Kinder unterschiedlichster Herkunft aufeinandertreffen. Führt das manchmal auch zu Konflikten?
Katharina Wenziker-Welti: Eigentlich nicht, nein. Die Kinder lernen rasch, sehr grosszügig miteinander umzugehen. Natürlich gibt es manchmal Streit, wie auf jedem anderen Pausenplatz auch. Zum Beispiel, wenn der Falsche im Goal steht. Die meisten Diskussionen bei uns drehen sich eh ums Fussballspielen auf dem Pausenplatz. Mit der Herkunft hat das aber nie etwas zu tun. «Es ist normal, verschieden zu sein» – das ist nicht einfach eine Worthülse, das wird bei uns wirklich gelebt.

Und wie gehen Sie als Lehrerin mit diesem Verschiedensein in der Enge des Klassenzimmers um?
Das Verschiedensein ist mir grundsätzlich sehr sympathisch. Mir fällt auf, dass sich viele Kinder selber wenig spüren, ihr Gegenüber nicht richtig spüren, nicht merken, wenn sie eine Grenze überschreiten und beleidigend oder sogar körperlich aggressiv werden. Da würde ich gerne mehr mit ihnen arbeiten. Aber der Lehrplan lässt nur wenig Zeit und Raum dafür, die Kinder soziale Auseinandersetzungen ausleben und diskutieren zu lassen. Manchmal nehme ich mir diesen Freiraum dann einfach.

Worauf führen Sie es zurück, dass die Kinder so häufig Grenzen überschreiten? Hat das auch mit dem integrativen Schulmodell, also der Aufhebung der Kleinklassen zu tun, wie vielerorts behauptet wird?
Nein, das finde ich nicht. Grundsätzlich bin ich sowieso der Ansicht, dass die Aufhebung der Kleinklassen ein politischer Schildbürgerstreich war. Es wird schlicht nicht das benötigte Ausmass an Ressourcen in die integrative Förderung gesteckt – dabei bräuchte es viel, viel mehr davon! Faktisch beschränkt sich die Förderung auf Kinder, die Mühe bekunden, die Lernziele in Mathematik oder Deutsch zu erreichen. Für all die anderen Kinder, die früher in Kleinklassen waren, weil sie verhaltensoriginell sind – für die haben wir fast keine Ressourcen. Manchmal muss ich da einfach schauen, dass wir alle im Klassenzimmer einigermassen sinnvoll «überleben», dass klar ist: Es spricht nur einer, man richtet seine Aufmerksamkeit auf die Person, die spricht …

Würden Sie die Forderung nach einer Wiedereinführung von Kleinklassen denn unterstützen?
Nein, auf keinen Fall. Grundsätzlich müssen unterschiedliche Verhaltensformen Platz haben im Schulzimmer – davon bin ich überzeugt. Aber die Ressourcen, um das auch zu ermöglichen, ohne dass einzelne Kinder darunter leiden oder zu kurz kommen, müssen dringend aufgestockt werden. In unserer Schule zum Beispiel gibt es Kinder mit einem starken ADHS – sie schaffen es praktisch nicht, überhaupt ruhig zu sitzen. Sie brauchen sehr viel Betreuung – aber eigentlich bräuchten sie noch viel mehr. So bleibt ihr Lernerfolg immer wieder auf der Strecke. Dabei sind sie normal intelligente Kinder, aber sie haben keine Chance, zu zeigen, was sie eigentlich können. So entsteht nachhaltiger Schulfrust. Diesen Teufelskreis gilt es frühzeitig zu durchbrechen.

Was tun Sie gegen drohenden Schulfrust?
Um das zu verhindern, müssen wir das ganze System mobilisieren – also nicht nur die Eltern, sondern auch das erweiterte soziale Umfeld: Kinderärzte, Schulpsychologinnen, Therapeuten. Das ist mir wirklich ein grosses Anliegen. Vielleicht auch, weil ich selber Mutter bin.

Wie meinen Sie das?
Es geht darum, rasch und unkompliziert kommunizieren zu können. Für mich als Lehrerin ist es wichtig zu wissen, was bei einem Kind zu Hause läuft, sodass wir miteinander am selben Strick ziehen können. Es gibt da zum Beispiel diese Mutter, mit der ich einen regen Kontakt per Whatsapp pflege: einfach, um sie von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass ihr Kind Hausaufgaben hat, dass sie darauf schaut, dass ihr Kind diese auch macht – und um mich auch für ihren Einsatz zu bedanken und sie immer wieder einzuladen, doch in der Schule vorbeizuschauen, um ihr Kind zu unterstützen.

Da engagieren Sie sich aber weit über Ihren Kernbereich als Lehrerin hinaus.
Ja, manchmal tue ich das – denn ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn wir das System rundherum ins Boot holen, dann fährt das Boot einen geraderen und ruhigeren Kurs. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch auf, wie stark die Anforderungen an die Kinder gewachsen sind. Nicht nur, was die schulischen Leistungen betrifft, sondern auch bezüglich der Versuchungen, denen sie ausgesetzt sind.

Was für Versuchungen?
Nehmen Sie zum Beispiel dieses neue Gadget, den «Fidget Spinner», eine Art Fingerkreisel. Plötzlich müssen alle so einen haben – aber die sind teuer: um die fünfzehn Franken. Das können sich unsere Flüchtlingskinder nicht leisten! Aber es wär doch gerade für sie cool, auch so einen zu haben, denn diesen Hype finde ich sogar sinnvoll. Und das beschäftigt mich dann: Wie bringen wir es fertig, dass auch sie mit einem «Fidget Spinner» spielen können?

Katharina Wenziker-Welti (47) hat sich bereits 1995 zur Heilpädagogin weitergebildet und unterstützt im Aemtler A in Zürich Kinder auch als Schulische Heilpädagogin.

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