Nr. 25/2017 vom 22.06.2017

Wer entscheidet, wann Schluss ist?

Von Raphael AlbisserMail an Autor:in

Nach dem intensiv geführten Abstimmungskampf werde man den GegnerInnen die Hand zur Versöhnung reichen, haben die ExponentInnen des separatistischen Lagers vor der Abstimmung in Moutier betont. Als das Resultat am Sonntag dann feststand, wurde Moutier aber zuerst einmal zur Bühne für ein jurassisches Volksfest: Zahllose rot-weisse Fahnen wehten in den überfüllten Strassen. Und gesungen wurde nicht nur die jurassische Hymne «Rauracienne», sondern auch «On est chez nous» – ein Slogan, den Marine Le Pen zuvor schon zur Parole des völkischen Front National gemacht hatte. Ohne den Singenden entsprechendes Gedankengut unterstellen zu wollen: Es liegt nun an den AbstimmungsgewinnerInnen, ihr Versprechen wahr zu machen – und sich nicht freudetrunken in Überlegenheitsgefühlen zu verlieren. Ohnehin gibt ihnen die knappe Mehrheit von bloss 137 Stimmen kaum Anlass dazu.

Auch der Kanton Jura hat Versprechungen gemacht, denen er nun Rechnung zu tragen hat, etwa zum Erhalt des Spitals von Moutier oder auch zur Ansiedlung zahlreicher Verwaltungsstellen. Der Kanton Bern hingegen verspricht sich von der Abstimmung vom Sonntag vor allem eines: dass im Berner Jura endlich Ruhe herrscht. «Die Jurafrage ist abgeschlossen», verkündete der Regierungsrat noch am Sonntag in einer Medienmitteilung. Dieser Wunsch ist durchaus verständlich. Und doch hört es sich für viele wie eine strenge Weisung an, wenn die Abstimmung in Moutier zum indiskutablen Schlusspunkt einer weiterhin komplexen Frage erklärt wird.

Denn so anachronistisch der vehemente Bezug auf die jurassische Identität für Aussenstehende wirken mag: Er existiert, und er hat eine Geschichte. Wenn der Berner Regierungsrat in seiner Medienmitteilung nun die «lebendige Demokratie» lobt, die zum Entscheid vom Sonntag geführt habe, dann tut er gut daran, diese auch künftig zu respektieren. Ob und wann die Jurafrage abgeschlossen ist, entscheiden die BernjurassierInnen nämlich selbst. Die noch anstehenden Abstimmungen in Belprahon und Sorvilier im September werden dazu einen ersten interessanten Anhaltspunkt bieten.

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