Nr. 36/2017 vom 07.09.2017

Prädikat «knapp genügend»

Der «K-Tipp» mischt sich in die AHV-Debatte ein – nicht immer ganz präzise.

Von Kaspar Surber

Produktetests sind die Paradedisziplin des Konsumentenmagazins «K-Tipp». In der Ausgabe vom 23. August werden verschiedene Ketchupmarken miteinander verglichen, auf dem ersten Rang liegt das Ketchup von Coop Naturaplan («sehr gut», höchster Tomatengehalt), auf dem letzten Rang liegt ebenfalls Coop mit seinem Prix-Garantie-Ketchup («ungenügend», tiefster Tomatengehalt). Anhand der Auswertung könnte man zu einer Sozialstudie über den Zusammenhang zwischen hohen Einkommen und gesunder Ernährung schreiten. Zur Sozialpolitik setzt der «K-Tipp» allerdings ein paar Seiten weiter vorne an. Dort listet die Zeitschrift Gründe auf, die aus ihrer Sicht gegen die Rentenreform 2020 sprechen. Das Fazit: «Rentenreform: Viele Verlierer».

In einem Blogbeitrag kritisierte darauf Doris Bianchi vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) den «K-Tipp» für die «Falschinformationen», die er verbreite: Die Pensionskassenrenten würden mit der Reform nicht um zwölf Prozent sinken, wie vom «K-Tipp» behauptet, sondern kompensiert. Ehepaare würden 2712 Franken mehr AHV erhalten und nicht bloss 1356 Franken. Der AHV-Zuschlag von 70 Franken würde zudem der Teuerung angepasst und damit nicht auf Dauer an Wert verlieren. Um in der Sprache des Produktetests zu bleiben: Nach Bianchis Zahlen verdient der «K-Tipp» das Prädikat «ungenügend».

René Schuhmacher, der Verleger des «K-Tipps», lässt die Kritik auf Anfrage nicht gelten. Die Senkung der BVG-Renten um zwölf Prozent sei richtig. Wer von Kompensation spreche, müsse auch klarstellen, dass dafür höhere Lohnabzüge erfolgen. Der Text vergleiche ledige und verheiratete Personen, nicht ledige Paare und Ehepaare. Die Renten würden schliesslich einzeln berechnet. Bloss dass die Teuerung nicht angepasst werde, sei ein Fehler, den man in der neusten Ausgabe korrigiert habe. Einmal die höchste beziehungsweise die tiefste Zahl genommen, dazu ein richtiggestellter Fehler – ergibt das Prädikat «knapp genügend».

Das versteckte Imperium

Dass die sachlichen Informationen mit einem politischen Drift daherkommen, ist angesichts der Reichweite des «K-Tipps» umso bedenklicher. Er ist der grösste Titel eines versteckten Medienimperiums, dem Verlag Konsumenteninfo AG. Dieser gibt auch «Saldo», «Gesundheitstipp», «K-Geld», «Kulturtipp», «Haus & Garten» sowie «Plädoyer» heraus. Mit «Bon à savoir», dem Pendant zum «K-Tipp», ist man auch in der Westschweiz präsent. Insgesamt erreicht der Verlag mindestens zwei Millionen LeserInnen, mehr als das Gratisblatt «20 Minuten» – und erst noch bezahlt via Abonnements. Die AHV-Nummer diente zur Abo- und Politwerbung gleichermassen: Sie erschien in einer dreifach höheren Auflage als üblich.

René Schuhmacher, der das Imperium aufgebaut hat, wird in Porträts als clever, hartnäckig und unabhängig beschrieben. Als einer, der sich von keinem Politiker beeinflussen lasse, was ihn selbst zunehmend in die Politik getrieben hat. 2008 sammelte er mit dem «K-Tipp» eine Mehrzahl der Unterschriften gegen die Rentensenkung bei den Pensionskassen. Die Vorlage wurde von der Stimmbevölkerung überraschend abgelehnt. Der Erfolg wurde vor allem den Gewerkschaften zugeschrieben. Später lancierte Schuhmacher seine Service-public-Initiative, fand dafür bei den Linken aber keine Unterstützung. Die Initiative, die in Umfragen hoch im Kurs lag, fiel in der Abstimmung deutlich durch.

Ärger über Versicherungen

Schuhmacher weist im Gespräch den Vorwurf von sich, er engagiere sich gegen die Rentenreform, weil er damals keine Unterstützung erhalten habe. Die Haltung des «K-Tipps» sei gleich wie bei der letzten Rentenabstimmung. Sich selbst sieht er noch immer nicht als Politiker, sondern als Publizist und Anwalt der Versicherten: «Mich stört an der Reform vor allem die Verbindung der ersten mit der zweiten Säule». Wobei er nicht wie FDP und SVP die Stärkung der AHV kritisiert, sondern dass die zweite Säule aus dem Blick gerät: Aufgrund der hohen Gewinne fliesse viel Geld an AktionärInnen. «Von 2010 bis 2015 machten die Versicherungen mit der zweiten Säule einen Gewinn von 3,8 Milliarden Franken.» Dass einer trotz des möglichen Erfolgs der Linken beim Ausbau der AHV weiterhin die Gewinne der Versicherungen kritisiert, verdient dann doch das Prädikat «wertvoll».

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