Nr. 43/2017 vom 26.10.2017

«Keine Befreiung, aber eine Besetzung»

Der IS ist aus der Grossstadt Rakka vertrieben worden. Ein Aktivist, der sich gegen die Terrororganisation engagiert, kann sich trotzdem nicht freuen.

Interview: Meret Michel

Aghiad al-Kheder. Foto: Sarmad Al Jilane

WOZ: Herr al-Kheder, vor gut einer Woche haben die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), ein kurdisch geführtes Militärbündnis, die Eroberung Rakkas verkündet. Was empfanden Sie, als Sie diese Nachricht hörten?
Aghiad al-Kheder: Ich war natürlich froh, dass der IS nicht mehr in Rakka ist und dass die Bombardierung der Stadt aufhört. Aber das ist ein kleines Glück. Gleichzeitig mache ich mir Sorgen über die neue Besetzung der Stadt.

Wie meinen Sie das?
Die SDF sagen, sie hätten Rakka befreit. Aber was heisst das, wenn 2000 Menschen gestorben sind, 7000 verletzt wurden und achtzig Prozent der Häuser zerstört sind? Das ist keine Befreiung, das ist Vernichtung. Und wenn es wirklich eine Befreiung der Stadt gewesen wäre, müssten die SDF die vom IS vertriebenen Bewohner in die Stadt zurückkehren lassen. Aber sie sind alle in Camps im Umland und im Süden von al-Hasaka. 300 000 Flüchtlinge aus Rakka sind heute so untergebracht.

Sie koordinieren von Deutschland aus die Reporter von «Sound and Picture». Wie hat sich ihre Arbeit in den letzten paar Wochen in Rakka verändert?
Wir hatten gegen Ende der Kämpfe noch zwölf Reporter vor Ort. Sie hatten die Menschenrechtsverletzungen durch den IS dokumentiert. Doch als die Kämpfe um die Stadt begannen, mussten sie Verbrechen auf allen Seiten festhalten: der syrischen Regierung, der russischen und der amerikanischen Luftwaffe, der SDF. Und das gleichzeitig an verschiedenen Orten der Stadt. Schon das Haus zu verlassen und sich in der Stadt zu bewegen, war schwierig; die Stadt wurde täglich etwa 150-mal beschossen.

Wo sind die Reporter jetzt?
In den Camps. Der letzte hat die Stadt vor gut zehn Tagen verlassen. Er ist jetzt in der Nähe von Tabka, etwa vierzig Kilometer von Rakka entfernt.

Können Sie mit ihnen sprechen?
Selten, der Empfang in den Camps ist sehr schlecht. Wenn, dann schaffen wir es bloss, wenige Minuten zu sprechen.

Als sie noch unter IS-Kontrolle in Rakka waren, konnten Aktivisten übers Internet nach aussen kommunizieren. Auch die WOZ hat auf diesem Weg vor zwei Jahren ein Interview geführt (siehe WOZ Nr. 48/2015).
Internetverbindungen hatten wir heimlich in einigen Häusern installiert. Auch während der Eroberung, als unser letzter Reporter noch in der Stadt war, haben wir uns alle zwei Tage gesprochen. Für die Aktivisten ist die Situation jetzt besonders hart: Sie haben ihr Leben riskiert, um die Menschenrechtsverletzungen durch den IS und die anderen Kriegsparteien zu dokumentieren. Jetzt stecken sie in den Camps fest. Die Vertreibung des IS müsste für sie ein Erfolg sein. Doch dieselben Leute, die die Stadt befreit haben, sperren die Aktivisten jetzt in den Camps ein.

Wie ist die Situation in den Camps?
Die Camps sind in der Wüste. Es gibt kaum Zelte, keine Medikamente und nur wenig zu essen und zu trinken. Viele müssen im Freien auf dem Boden schlafen. Die SDF beschlagnahmen die Identitätskarten der Leute, und es ist verboten, die Camps zu verlassen, ausser man hat eine Genehmigung der SDF. Diese kostet 400 US-Dollar. Und wer das Camp verlässt, darf nicht nach Rakka zurück.

Versuchen Ihre Reporter, aus den Camps zu kommen?
Manche konnten sie verlassen, sie sind nach al-Bab bei Aleppo gegangen. Andere aber können nicht weg – sie sind mit ihren Frauen und Kindern dort und haben keine 2000 Dollar, um alle rauszubringen.

Rakka ist also eine Geisterstadt?
Einige Leute können kurz in die Stadt, um zu schauen, ob ihr Haus noch steht. Nach einer Stunde müssen sie wieder gehen. Hinein kommen sie nur mit Bewilligung, und die erhält nur, wer einen Beamten schmiert oder jemanden bei den SDF kennt. Ansonsten befinden sich in Rakka fast nur die Kämpfer der SDF.

Werden die Leute nicht bald wieder zurückkehren können?
Die SDF sagen, dass sie in der Stadt nach zurückgebliebenen IS-Kämpfern suchen müssten. Aber das glaube ich nicht – die IS-Kämpfer sind alle nach Deir Essor geflüchtet, in Rakka ist keiner mehr. Warum also lassen sie die Zivilisten nicht in die Stadt? Ich glaube, sie wollen sie kontrollieren. Das ist in den Camps einfacher als in der Stadt. Und die Situation in den Camps ist so schlecht, dass viele Leute einfach so rasch wie möglich rauskommen wollen, auch wenn sie dann nach Aleppo oder Idlib müssen. Das bedeutet, dass immer weniger Menschen nach Rakka zurückkehren werden.

Die SDF sagen, sie würden die Kontrolle der Stadt später einem Zivilrat, der die Stadt verwalten soll, übergeben.
Richtig. Das Problem dabei ist aber, dass dieser Zivilrat genauso von den SDF kontrolliert wird – sie haben ihn ja geschaffen und die Leute dafür aufgestellt. Was in Rakka passiert, ist eine neue Besetzung, nichts anderes.

Trotzdem: Das ist doch immer noch viel besser, als wenn der IS weiter die Stadt kontrolliert.
Der IS hat den Leuten verboten, die Stadt zu verlassen. Die SDF verbieten ihnen, die Camps zu verlassen. Der IS hatte Bilder seines Führers Baghdadi aufgehängt. Die SDF hängen Bilder von Öcalan auf und benennen noch die Strassen nach ihm. Die Menschen starben sowohl durch den IS wie auch durch die Luftangriffe der Koalition. Ich sehe keinen Unterschied.

Die SDF schlagen den Leuten nicht die Köpfe ab.
Von aussen sieht es vielleicht anders aus – aber für die Zivilisten sind die SDF genauso schlimm wie der IS. Sie haben sogar einen Ausdruck dafür: Der IS und die SDF sind «nifs al-khara» – dieselbe Scheisse.

Das klingt bedrohlich nach einem neuen ethnischen Konflikt zwischen Arabern und Kurden …
Ich glaube nicht. Es gab Kurden, die beim IS waren, und es gibt Araber, die mit den SDF kämpfen. Das hier ist ein Konflikt zwischen Zivilisten und denen, die ihnen ihre Freiheit nehmen. Erst wenn die Kurden versuchen, einer arabischen Stadt ihre Kultur aufzuzwingen, wird es ethnische Konflikte geben.

Wie geht die Arbeit von «Sound and Picture» weiter?
Wir müssen unsere Arbeit fortsetzen und den Leuten eine Stimme geben, auch bei dieser neuen Besetzung der Stadt.

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