Nr. 47/2017 vom 23.11.2017

Neues Spiel, neues Glück, alles für den guten Zweck?

Wo staatliche Lotterien ihre Geschäfte ausbauen wollen, ist der umstrittene Glücksspielkonzern IGT nicht weit. Er sponsert den Weltverband der Lotteriegesellschaften nicht nur mit hohen Summen, sondern entscheidet sogar auch direkt im obersten Leitungsgremium mit. Für den Schweizer Weltverbandspräsidenten Jean-Luc Moner-Banet ist das kein Problem.

Von Daniel Stern und Jeff Kelly Lowenstein*

Illustration: WOZ

Die World Lottery Association (WLA) ist keine Fifa, sie besitzt keinen prunkvollen Bau am Zürichberg. Die Büros des Weltverbands der Lotteriegesellschaften befinden sich an der Langen Gasse 20 in Basel, versteckt im Geschäftshaus der Schweizer Lotteriegesellschaft Swisslos. Dennoch: Wer mit Insidern über den Verband spricht, bekommt immer wieder den Vergleich mit der Fifa zu hören. Vielleicht weil auch hier der Präsident ein Schweizer ist – und vor einem Jahr gerade für eine dritte Amtszeit gewählt wurde? Der Präsident der WLA heisst Jean-Luc Moner-Banet und fungiert gleichzeitig auch als Geschäftsleiter der Westschweizer Loterie Romande.

So unscheinbar die WLA untergebracht ist, so wirtschaftlich potent sind die Lotteriegesellschaften aus rund achtzig Ländern und allen Kontinenten, die sie repräsentiert. Allein 2015 erwirtschafteten sie insgesamt einen Umsatz von rund 260 Milliarden US-Dollar. Davon sind laut Angaben des Weltlottoverbands knapp dreissig Prozent für «gute Zwecke» wie die Förderung von Sport, Kultur und Bildung verwendet worden. Der Verband ist denn auch voll des Lobes für sich selbst: Man halte «die höchsten ethischen Prinzipien hoch» und sei den «höchsten Standards von verantwortungsvoller Unternehmensführung verpflichtet». Auch alle Mitglieder müssten die «höchsten Standards in sozialer Verantwortung, verantwortungsvollem Spielen, Sicherheit und Risikomanagement einhalten».

Wachstum um jeden Preis

Allerdings zeigen Recherchen eines internationalen Netzes aus Journalistinnen und Studenten in Afrika, den USA und Europa ein gänzlich anderes Bild: Viele der im Weltverband organisierten Lottogesellschaften weiten ihr Geschäft immer mehr aus. Und das fördert die Spielsucht. Immer neue Spiele werden erfunden, ausgeklügeltere Marketingmethoden angewandt; spielen soll man in allen Lebenslagen: am Kiosk, im Einkaufszentrum, an der Tankstelle und natürlich auch gerne übers Internet. Denn da lassen sich Daten über die SpielerInnen generieren, dank deren man sie noch direkter ansprechen kann. Wie das geht, erfahren die Organisationen in Workshops der WLA.

Die SpielerInnen stammen, das belegen Umfragen und wissenschaftliche Studien, überproportional oft aus unteren Schichten. In Deutschland spielen schlecht ausgebildete junge Männer mit Migrationshintergrund besonders viel. In Südafrika verdienen mehr als zwei Drittel aller SpielerInnen unter 350 Franken pro Monat. Das Glücksspiel ist faktisch eine Umverteilung von unten nach oben.

Beispiele aus den USA zeigen, dass einzelne Bundesstaaten die Lotterieeinnahmen dazu benutzen, die Steuern zu senken. In Südafrika wurden mit den Gewinnen aus dem Lotteriegeschäft Businessclassflüge von Sportfunktionären und PolitikerInnen an die Olympischen Spiele bezahlt, während viele SportlerInnen keine Unterstützung erhielten. In Mali werden mit Lotteriegeldern Feiern der Regierungspartei RPM finanziert.

In den USA hat eine umfangreiche Datenrecherche ergeben, dass Einzelpersonen in den letzten Jahren Dutzende oder gar Tausende Male hohe Beiträge gewonnen haben. Das wirft nicht nur die Frage auf, ob die betroffenen Gesellschaften wirklich gegen extensives Spielen vorgehen, wie sie das gemäss WLA-Kodex sollten, sondern ist auch ein starkes Indiz für Manipulationen.

Privatkonzern in Steueroasen

Ein besonders fragwürdiger Aspekt in der Arbeit des Weltverbands – dies ergeben neue Recherchen – ist seine Beziehung zum privaten Glücksspielunternehmen IGT. IGT ist einer der grössten Glücksspielkonzerne der Welt – und Mitglied der WLA. Kontrolliert wird IGT von der Beteiligungsgesellschaft De Agostini. 2014 hatte die De-Agostini-Gruppe IGT gekauft und mit dem eigenen Glücksspielunternehmen Gtech fusioniert. Aus steuerlichen Gründen verlegten die Manager den Hauptsitz nach London, obwohl sie weiterhin vor allem in den USA und Italien geschäften.

Ende 2016 hatte IGT laut Angaben gegenüber der US-Börsenaufsicht SEC rund zwei Milliarden US-Dollar in Offshoregesellschaften parkiert, wo überhaupt keine Steuern anfallen. Damit verletzt IGT offensichtlich den Verhaltenskodex des Weltlottoverbands: Dessen Mitglieder dürfen die Steuergesetze der jeweiligen Länder, in denen sie operieren, nicht umgehen, indem sie beispielsweise Gewinne in Offshorebriefkastenfirmen auslagern.

IGT halte sich in allen Ländern, in denen die Firma aktiv sei, an die Steuergesetze, sagt die Unternehmenssprecherin Angela Wiczek auf Anfrage. Eine kühne Behauptung, wenn man nach Italien schaut: Im Juni 2016 musste IGT dem italienischen Staat wegen Steuervergehen eine Busse in der Höhe von 13,5 Millionen Euro bezahlen. Im Jahr zuvor, am 28. April 2015, liess die Staatsanwaltschaft die römischen IGT-Büros durchsuchen und Unterlagen beschlagnahmen, nachdem sie gegen die obersten Manager von IGT, Lorenzo Pellicioli, Marco Sala und Renato Ascoli, ein Verfahren wegen Steuerdelikten eröffnet hatte. Und schon 2014 musste das Unternehmen (damals noch unter den Namen Gtech) dem italienischen Staat wegen Steuervergehen eine Busse von über 30 Millionen Euro zahlen.

Die Verbindungen zwischen IGT und dem Weltlottoverband sind vielfältig. IGT verkauft dessen Mitgliedern, den Lotteriegesellschaften, umfassende Softwarelösungen, vertreibt Lotto- und Glücksspielautomaten, betreibt Casinos und organisiert in einzelnen Bundesstaaten der USA, aber auch in ganz Italien das Lottogeschäft von A bis Z. Die Deutschschweizer Lotteriegesellschaft Swisslos hat einen Teil ihrer Lottoautomaten von IGT gekauft. 2010 hatte die Loterie Romande von IGT (respektive von dessen Vorgängergesellschaft Gtech) ein neues Softwaresystem im Umfang von 35 Millionen Franken bezogen. Anfang 2017 unterschrieb die Loterie Romande darüber hinaus einen Zehnjahresvertrag für die Lieferung und Wartung einer weiteren Softwarelösung mit dem Namen «Aurora». Diese soll, so wirbt IGT, «mehr Kunden und mehr Profit für gute Zwecke» bringen.

Ein Geben und Nehmen

IGT sponsert den Weltlottoverband jährlich mit einem sechsstelligen Betrag, dafür wird IGT auf dessen Website als «Platin-Spender» bezeichnet und kann auf allen Kongressen der WLA Veranstaltungen durchführen.

Doch IGT hat noch viel grösseren Einfluss: Über Fabio Cairoli, seinen italienischen Geschäftsführer, sitzt der Konzern direkt im obersten zwölfköpfigen Exekutivkomitee des Weltlottoverbands. Zudem arbeitete dessen Präsident Moner-Banet früher als Business-Development-Direktor ebenfalls für IGT beziehungsweise für Gtech. Eine besondere Beziehung zu IGT wird auch der WLA-Senior-Vizepräsidentin Rebecca Paul Hargrove nachgesagt. Mehrere frühere Lottodirektoren beklagten sich gegenüber der «New York Times» über Hargroves Nähe zum Unternehmen. Sie soll laut der Zeitung zum explosiven Wachstum der Glücksspielindustrie beigetragen haben. Und die derzeitige Lotteriedirektorin von Tennessee habe ihre KollegInnen angewiesen, IGT Aufträge zu vergeben. Wie in Tennessee haben sich zuvor schon die Lotteriegesellschaften in Florida und Georgia in «ausgeklügelte kommerzielle Unternehmen» verwandelt – alle drei Gesellschaften sind langjährige Kundinnen von IGT.

Was sagt WLA-Präsident Jean-Luc Moner-Banet zu den Vorwürfen, IGT nehme Einfluss auf die Weltlottogesellschaft? Das stimme nicht, sagt er auf Anfrage: «Fabio Cairoli sitzt als Vertreter der italienischen Lotterie im Exekutivkomitee.» Eine absurde Aussage, denn IGT betreibt ja das Lotteriegeschäft in Italien. Moner-Banet sieht auch kein Problem darin, dass die Loterie Romande Grosskundin bei IGT ist. Die entsprechenden Entscheide seien nicht von ihm, sondern vom Verwaltungsrat der Loterie Romande gefällt worden. «IGT hat einfach das beste Angebot gemacht. Es geht um Software. Wir haben 3000 Terminals, die in Echtzeit miteinander vernetzt sein müssen.»

* Jeff Kelly Lowenstein koordiniert «Gaming the Lottery», eine Recherche von Medien, StudentInnen und freischaffenden JournalistInnen aus Afrika, Europa und den USA. Der Fund for Investigative Journalism und die Stiftung Trust Africa unterstützen das Projekt.

Geldspielgesetz

Zum Schutz des Grossmütterchens

Die Schweizer Lotteriegesellschaften Swisslos und Loterie Romande können zufrieden sein. Mit dem neuen Geldspielgesetz, das das Parlament Ende September verabschiedet hat, haben sie fast alles erreicht: Neu müssen SpielerInnen ihre Gewinne unter einer Million Franken nicht mehr versteuern, was die Attraktivität der Lotterien zusätzlich steigert. Aber noch viel bedeutender ist ein zweiter Punkt: Künftig müssen alle Internetprovider die Internetseiten von ausländischen Glücksspielanbietern und Sportwetten blockieren.

Allerdings werden inzwischen von mehreren Komitees Unterschriften für ein Referendum gegen das Gesetz gesammelt. Sowohl die Jungparteien von FDP, Grünliberalen und SVP als auch die Jungen Grünen stören sich an der Internetzensur. Aber auch ein Verbund aus dem Chaos Computer Club, der Piratenpartei, der Internet Society und der Digitalen Gesellschaft Schweiz sammelt Unterschriften gegen «Netzsperren». Die GegnerInnen argumentieren, dass die Sperren nicht nur leicht umgangen werden könnten, sondern befürchten auch, dass damit ein Präzedenzfall geschaffen wird, um die Zensur bald auszuweiten. Auch die Stiftung «Sucht Schweiz» ist mit dem neuen Gesetz nicht glücklich: Die Bevölkerung werde damit nicht vor den Gefahren des exzessiven Geldspiels und der Spielsucht geschützt. Sucht Schweiz unterstützt das Referendum bislang allerdings nicht. Sie will zuerst die konkreten Umsetzungsbestimmungen abwarten.

Bei Swisslos kann man die ablehnende Haltung nicht verstehen: Man habe zunehmend mit illegalen Anbietern zu tun. «Vor allem im Bereich der Sportwetten verzeichnen wir deswegen einen Umsatzrückgang», sagt Swisslos-Sprecher Willy Mesmer. Die ausländischen Anbieter hätten Ausschüttungsquoten von bis zu neunzig Prozent. «Da können wir nicht mithalten. Wir wollen ja gemeinnützig sein. Und bei solchen Quoten ist auch die Gefahr der Spielsucht gross», sagt Mesmer.

Die beiden Schweizer Lotteriegesellschaften betreiben, so sagen sie, eine «Politik des verantwortungsvollen Spiels». Das stimmt allerdings nur zum Teil. Wer online spielt, wird durch Einsatzlimiten gebremst. Solche bestehen jedoch nicht für Lottoeinsätze und Loskäufe über Kioske und andere Annahmestellen. Ausserdem betreibt die Loterie Romande 700 elektronische Lottoautomaten in 350 Westschweizer Restaurants und Bars. Laut einer Statistik des Bundesamts für Justiz erwirtschaftete sie damit 2016 einen Umsatz von weit über 800 Millionen Franken – und schüttete fast neunzig Prozent davon als Gewinn wieder an die SpielerInnen aus.

Um Spielsucht zu verhindern, werde das Personal in den Gaststätten und an den anderen Annahmestellen geschult, sagt Willy Mesmer dazu: «Wenn sie sehen, dass ein Grossmütterchen täglich fünfzig Franken verspielt, sollen sie sie ansprechen.»

Daniel Stern

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