Nr. 28/2018 vom 12.07.2018

Sie wollen mit Zärtlichkeit Politik machen?

Die «Ehe für alle» löst beim LGBTIQ-Aktivisten und Aargauer SP-Politiker Florian Vock ambivalente Gefühle aus. Sosehr er die Ehe als bürgerliche Institution hinterfragt, so sehr lehnt er eine ideologische Antihaltung ab.

Von Jan Jirát (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Florian Vock: «In meiner schwulen Welt lieben sich die Männer. Sie müssen nicht in irren Machtkämpfen gleich ganze Handelskriege anzetteln.»

WOZ: Florian Vock, letzten Freitag sprach sich die Rechtskommission des Nationalrats für die schrittweise Umsetzung der parlamentarischen Initiative «Ehe für alle» aus. In einem ersten Schritt soll die Ehe für homosexuelle Paare geöffnet werden, inklusive Zugang zur Adoption. Ich nehme an, Sie haben am Wochenende gefeiert.
Florian Vock: Nein. Vor allem, weil die schrittweise Umsetzung bedeutet, dass wichtige Punkte, die insbesondere die Rechte von Frauen betreffen, erneut aufgeschoben werden. Der Zugang zur Fortpflanzungsmedizin beispielsweise, der gerade für lesbische Paare mit Kinderwunsch zentral ist, bleibt weiterhin verwehrt. Aber natürlich bin ich doch auch froh, dass der parlamentarische Prozess einen Schritt vorwärtskommt.

Sie selbst dürften als Schwuler wohl schon bald Kinder adoptieren, das ist doch positiv.
Und wie! Man darf die bürgerlichen Mehrheiten ja auch nicht vergessen. Aber ich – und eine Mehrheit unserer Community – will, dass alle Beziehungen zu gleichen Bedingungen und mit den gleichen Rechten gelebt werden können. Dafür gibt es weiterhin viel zu tun.

Ist die «Ehe für alle» nicht eigentlich eine reaktionäre Forderung, indem sie das bürgerliche Ideal der Ehe zementiert?
Natürlich. Vor zehn Jahren hätte ich so eine Initiative wohl auch noch aus Prinzip abgelehnt. Die Ehe hat tatsächlich eine normierende Wirkung, die die Freiheiten, die ich hier vor einer Woche gefeiert habe, infrage stellt. Aber ich weiss inzwischen auch, wie vielen Menschen die Ehe ein wichtiges Anliegen ist. Wer bin ich, ihnen diesen persönlichen Wunsch abzusprechen? Wir müssen Widersprüche aushalten und Kompromisse eingehen. Ich reagiere heute allergisch auf Leute, gerade innerhalb der Linken, die stur und ideologisch an selbstdefinierten roten Linien festhalten.

Wie meinen Sie das?
Ich meine damit Leute, die eine klare Haltung mit Sturheit verwechseln. Leute, die es ablehnen, in Organisationen und Vereinen mitzuwirken, die über ein hippes linkes Milieu hinaus tätig sind – wie etwa Pink Cross, der Dachverband der schwulen und bi Männer, wo ich im Vorstand sitze. Die Gesprächsverweigerung mit politisch Andersdenkenden ist keine politische Haltung, sondern vor allem arrogant. Im Moment werden Freunde von mir beschimpft und zusammengeschlagen, weil sie anderssexuell sind. Homophobe Übergriffe sind in der Schweiz eine Realität. Die «Ehe für alle» ist dafür kein Allheilmittel, aber sie kann einen Impuls geben, der das gesellschaftliche Klima positiv verändert. Dieser positive Impuls ist mir heute wichtiger als die normierende Wirkung einer Ehe. Was nicht heisst, dass ich diese Wirkung ignorieren würde.

Sie sind in der Juso politisch gross geworden – dem Prototyp einer Partei, die stur und ideologisch an selbst definierten roten Linien festhält …
Ironischerweise hat ausgerechnet die Frauenquote, für die ich mich immer eingesetzt habe, meine Karriere in der Juso-Geschäftsleitung beendet (lacht). Eine klare Haltung zu haben, ist nicht das Gleiche, wie stur und arrogant zu sein. Die Juso entwickelt klare Haltungen mit politischer Bildung, aber genauso wichtig ist es, dass die Juso ganz viele junge Menschen ermutigt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: eine Veranstaltung in der Schule zu organisieren oder eine Demo anzumelden. Es ist für die politische Arbeit sehr viel wert zu wissen, wie man etwas organisiert.

Mittlerweile sind Sie Aargauer SP-Kantonsrat, SP-Präsident im Bezirk Baden und Präsident des Aargauer Gewerkschaftsbunds. Sie sind Teil von politischen Apparaten …
Schön wärs! Weder die SP noch der Gewerkschaftsbund sind im Aargau Apparate. Beide Organisationen sind relativ klein, sie werden von viel freiwilligem Engagement getragen. Das prägt auch unseren Stil: Wir Linken – die Grünen genauso wie die Arbeiterbewegung oder die Jusos – brauchen einander, personalisierte Flügelkämpfe können wir uns da nicht leisten. Ich finde ohnehin, dass gerade in der Politik mehr Zärtlichkeit gar nicht schlecht wäre.

Zärtlichkeit? Mehr Kuschelpolitik also?
Nicht, wenn es um politische Haltungen oder inhaltliche Debatten geht. Da vertrete ich vehement meinen Standpunkt, der eigentlich immer die Freiheit als Kern in sich trägt. Die Freiheit, die sich in einer solidarischen Selbstbestimmung ausdrückt. Ich akzeptiere auf keinen Fall Mechanismen, die zu Ungerechtigkeit, Abwertung oder Diskriminierung führen. Die Zärtlichkeit beziehe ich vor allem auf den Umgang miteinander. Wissen Sie, in meiner schwulen Welt, da lieben sich die Männer, und sie müssen nicht in irren Machtkämpfen gleich ganze Handelskriege anzetteln. Das wäre doch inspirierend für die Politik, das hat emanzipatorische Kraft. Darauf bezieht sich die Zärtlichkeit.

Florian Vock (28) ist SP-Grossrat und präsidiert den Gewerkschaftsbund im Aargau.

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