Nr. 05/2019 vom 31.01.2019

Streiten? Klingt toll

Abseits kleinerer Scharmützel sucht das Kino an den Solothurner Filmtagen nach neuen Bildern für unsere Arbeitswelt – im Büro, auf dem Bau und in der Liebe.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Ein tückischer Film, weil er keine einfachen Antworten gibt: Frank (Olivier Gourmet) mit seiner Frau Nadine (Delphine Bibet) in «Ceux qui travaillent» von Antoine Russbach.

Altes Lied in Solothurn: Früher, da habe man hier noch über die Filme debattiert und gestritten. Neues Lied in Solothurn: Debattiert und gestritten wird jetzt dafür über Filme, die gar nicht gezeigt werden. So geschehen mit dem neuen Werk von Christian Labhart, das von der Auswahlkommission nicht berücksichtigt worden war. Kollege Samir lancierte darauf eine Unterschriftensammlung, worauf die Direktorin der Filmtage, Seraina Rohrer, gar eine öffentliche Aussprache anberaumte – rund um die Frage, ob der Charakter der Werkschau gefährdet sei, weil die Tatsache, dass immer mehr Filme eingereicht werden, eine strengere Auswahl verlangt.

«Sie hat ein Problem mit alten Männern», zitierte dann eine People-Journalistin des «Blicks» eine Mutmassung des Filmregisseurs Labhart, gemünzt auf Direktorin Rohrer. Und statt zu fragen, ob das, wenn schon, allenfalls auf Gegenseitigkeit beruht, zementierte der «Blick» diese Meinung zum gültigen Befund mit der Schlagzeile: «Die Direktorin hat ein Problem mit alten Männern».

Scharmützel! Was in solchem Rauch rund um die chronische Fixierung auf Premieren vergessen geht: Zum Verdienst einer Werkschau gehört auch, dass sie einem Film, der im Kino unterging, ein zweites Leben schenkt. «Ceux qui travaillent» etwa, dem klugen Erstling des Genfers Antoine Russbach. Nach der Premiere in Locarno lief er ein paar Wochen im Kino und hatte keine 1500 Eintritte in der Deutschschweiz. Jetzt sitzt man in der Solothurner Reithalle, werktags, noch vor Mittag – und die über 900 Plätze sind ausverkauft. Was zeigt: Solothurn muss nicht nur Startrampe für neue Schweizer Filme sein, es funktioniert auch als Wiederbelebungsstation für solche, die eine zweite Chance verdient haben.

Eine zweite Chance

Ob das auch für den Protagonisten in «Ceux qui travaillent» gilt? Frank, mit stoischer Wucht gespielt von Olivier Gourmet, hat einst als Lagerist angefangen, jetzt ist er an den Schaltstellen des globalen Warenverkehrs angekommen. Von seinem Büro aus koordiniert er, gegen ständigen Kostendruck, die Containerschiffe einer Genfer Transportfirma. Franks Arbeit ist das ökonomische Pendant zum Drohnenkrieg: Er steuert Frachter, die er selber nie zu Gesicht bekommt, genauso wenig wie die Menschen, die involviert sind. Dann entdeckt einer seiner Kapitäne einen blinden Passagier – und während Frank gerade die Tochter von der Schule abholt, gibt er den Befehl, das «Problem» mit dem Flüchtling unbürokratisch von Bord zu schaffen.

«Gebt wenigstens zu, dass ich euch einen Gefallen getan habe», sagt Frank zu seinen Chefs, als sie ihn deswegen fristlos vor die Tür stellen – und so gleich auch einen teuren Mitarbeiter loswerden. Das sind genau die ethischen Grauzonen, auf die es Russbach mit seinem Film abgesehen hat. Klar tut Frank daheim bei der Familie, als wäre alles wie immer, weil er gar nicht weiss, was das ist: ein Leben ohne Arbeit. Aber Russbach geht es nicht so sehr um Gesichtsverlust und eskalierende Statusangst, wie man das von thematisch verwandten Filmen kennt. Er hat die grösseren Fragen im Blick: Wer sorgt dafür, dass wir unseren Standard aufrechterhalten können – und zu welchem Preis? Ein tückischer Film ist das, weil er sich jedes moralische Urteil versagt und uns nicht mit einfachen Antworten entlässt. In Franks Familie erkennt das Publikum letztlich sich selbst: Wir wissen, dass hinter den Kulissen des Welthandels vieles falsch läuft, und machen doch wie selbstverständlich jeden Tag so weiter wie bisher.

Tiefe Klassenscham

Etwas schlichter angelegt war dann der unbesungene Held der Arbeit, den Hans Kaufmann in seinem Low-Budget-Film «Der Büezer» durch Zürichs Strassen schickt. Joel Basman spielt den Arbeiter Sigi, der zwischen Baustelle, Freikirche und Rotlichtmilieu ein bisschen Halt sucht, ehe er ihn vollends verliert. Er sehnt sich nach Liebe, aber von einem Tinder-Date nimmt er nichts mit ausser eine tief sitzende Klassenscham. Dann trifft er eine junge Frau, die Liebe verschenkt, aber nur die von Jesus. Die kalten, blaustichigen Bilder von Pascal Walder entwickeln einen gewissen Sog, die Eskalation ist dann mit Klischees tapeziert. Und nach «Goliath» und «Der Läufer» ist jetzt auch langsam gut mit Filmen über junge Männer, die ausrasten, weil sie nicht mit sich klarkommen.

Da halten wir uns lieber an den alten Mann, der seinen Beruf früh für die Care-Arbeit aufgegeben hat. Das ist der Vater von Fanny Bräuning («No More Smoke Signals»), die für ihren neuen Dokumentarfilm «Immer und ewig» mit ihren Eltern auf die Reise ging. Ihr Roadmovie zeichnet das Profil einer grossen Liebe, die immer auch Pflegearbeit war, seit die Mutter schon in jungen Jahren an Multipler Sklerose erkrankte. Die ergreifendsten Momente entstehen dabei ganz beiläufig. Etwa dann, als die Regisseurin im Film daran erinnert, wie heftig ihre Eltern sich gestritten hätten, als sie noch klein war. Die mittlerweile schwer kranke Mutter, die das vergessen oder verdrängt hat, sagt daraufhin, zur Verwunderung der Tochter: «Das tönt toll.» Und sie strahlt. Kraft zum Streiten hat sie keine mehr.

«Immer und ewig» läuft ab 31. Januar im Kino.

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