Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Wie gefährlich war es in Nicaragua?

Ende der achtziger Jahre ging Judith Eisenring als Gesundheitsbrigadistin nach Nicaragua. Die dortige Revolution überzeugte sie – auch wenn sie sich mittendrin manchmal sehr einsam fühlte.

Von Matthias Fässler (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Judith Eisenring in der Frauenbadi in St. Gallen. «Als ich mit 24 Jahren die Schweiz verliess, ging ich davon aus umzukommen.»

WOZ: Judith Eisenring, nach Ihrer Landflucht aus Jonschwil SG gingen Sie 1987 mit 24 nach Nicaragua. Wie kam es dazu?
Judith Eisenring: Ich arbeitete als Volontärin in einem Drittweltladen in Flawil, wir verkauften Bananen und Kaffee aus Nicaragua. Die Idee einer neuen revolutionären Staatsform faszinierte mich total. Da wollte ich dabei sein.

Was genau faszinierte Sie?
Dass die Grossgrundbesitzer vertrieben wurden. Dass sich die einfachen Leute organisierten und Bildung und Gesundheitsversorgung einforderten. Die Idee war ja auch, eine Form des Sozialismus zu verwirklichen, unabhängig von Kuba und der Sowjetunion. Zudem kämpfte eine von US-amerikanischen Geldgebern unterstützte Contra-Bewegung gegen den Aufstand. So war es doppelt motivierend.

Als ausgebildete Krankenschwester leisteten Sie einen Einsatz als sogenannte Gesundheitsbrigadistin. Was waren Ihre Aufgaben?
Wir hatten uns in der Schweiz ein Jahr lang auf den Einsatz vorbereitet und das Gesundheitswesen des Landes studiert. In Nicaragua schlossen wir einen Vertrag mit der Gewerkschaft der Gesundheitsarbeitenden: Wir arbeiteten für sie, nicht für das Gesundheitsministerium. Ich war zuständig für die Gesundheitsversorgung auf einer Kaffeeplantage: Impfen, Mutter-Kind-Programme, Tuberkulose- und Unterernährungsprävention – und natürlich für sämtliche Notfälle.

Wie standen die Schweizer Behörden zu Ihrem Engagement im revolutionären Nicaragua?
Als ich ankam, war eben ein Schweizer Brigadist umgekommen. Das Aussendepartement zog in der Folge eine Linie durch das Land mit der Botschaft: Für alle, die sich jenseits dieser Linie befinden, übernehmen wir keine Verantwortung und bieten keine diplomatische Hilfe an. Mein Einsatzort war in der von den Schweizer Behörden erklärten Kriegszone. Die linke Organisation Centrale Sanitaire Suisse versicherte uns über eine englische Privatversicherung gegen Unfall und Invalidität.

Und wie gefährlich war es tatsächlich?
Als ich mit 24 die Schweiz verliess, ging ich davon aus umzukommen. Ich weiss noch, wie ich zu meinen Eltern sagte: «Wenn ich sterbe, müsst ihr meinen Leichnam nicht in die Schweiz zurückbringen. Das Geld könnt ihr spenden.» In Nicaragua gehörte die Gefahr zum Alltag. Vor meinem Gesundheitsposten, der auch mein Schlafzimmer war, sassen nachts immer mindestens zwei Leute mit Kalaschnikows auf der Bank und hielten Wache.

War für Sie Gewalt legitim?
Für mich war immer klar, dass ich keine Waffe anfassen würde, um anzugreifen. Aber es war genauso klar, dass ich mich verteidigen würde. Die revolutionäre Regierung gab für jedes Jahr einen Leitspruch heraus. Der Spruch für das Jahr 1987 lautete: «AquÍ no se rinde nadie», hier gibt niemand auf. Ich habe den Spruch über dem Eingang des Gesundheitspostens aufgehängt.

War die Revolution so, wie Sie sie sich vorgestellt hatten?
Es war grundsätzlich eine sehr praktische Revolution. Die Frauen orientierten sich beispielsweise nicht an Theorien anderer Feministinnen. Sie wussten einfach für sich, was sie wollten und was nicht. Anderes hatte aber nichts mit dem propagierten «hombre nuevo», dem neuen Menschen, zu tun.

Was zum Beispiel?
Immer wenn Zahltag war, begannen die Männer zu saufen. Sie prügelten sich und tranken, bis sie im Strassengraben lagen. Ich hatte mir auch vorgestellt, dass viel mehr auf «grüne» Medizin gesetzt würde. Die Leute hatten aber am liebsten die rosaroten Tabletten, die bei der Nachbarin so gut geholfen hatten.

Nach einem Jahr gingen Sie zurück in die Schweiz. Wieso?
Obwohl ich mich mit der Zeit immer wohler fühlte und auch das Vertrauen der Leute im Dorf gewonnen hatte, fiel mir das Leben dort nicht leicht. Ich fühlte mich oft einsam. Mir fehlten Leute, mit denen ich mich auch über politische Fragen austauschen konnte. Ich dachte zu Beginn, dass ich in Nicaragua den ganzen Tag über revolutionäre Fragen diskutieren würde. Ich habe schlussendlich mehr darüber geredet, wie man Tortillas macht.

Im Jahr 1990 wurde die Regierung abgewählt.
Das trug sicher auch dazu bei, dass ich nicht, wie geplant, nochmals nach Nicaragua ging. Damit brach für uns eine Welt zusammen. Es war eine totale Desillusionierung. Eine Niederlage auf verschiedenen Ebenen.

Wie gross war die Umstellung in der Schweiz für Sie?
Der Kulturschock war riesig. Weil ich kein Geld mehr hatte, begann ich gleich nach der Rückkehr, in einer Privatklinik zu arbeiten. Es war aber schnell klar, dass ich da wieder rausmusste. Ich hatte noch immer die Bilder von Kindern im Kopf, die an Durchfall starben. Und dann kommst du in eine solche Klinik, und irgendeiner bestellt einen Espresso bei dir.

Judith Eisenring (56) ist heute noch bei Medico International Schweiz aktiv, der Nachfolgeorganisation der Centrale Sanitaire Suisse (CSS). Dazu gekommen ist sie durch den Schweizer Internationalisten Jürg Weis, der 1988 in El Salvador starb. Er hatte sie und eine Freundin gebeten, für die CSS die Projektverantwortung für El Salvador zu übernehmen.

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