Nr. 39/2019 vom 26.09.2019

Wie können Sie Maduro noch verteidigen?

Franco Cavalli war 1985 zum ersten Mal in Kuba. Bis heute leitet der Arzt medizinische Hilfsprojekte auf der Insel. Auch ins sozialistische Venezuela pflegt er enge Kontakte. Die Menschenrechtsverletzungen im Land bestreitet er nicht. Doch seine Wut richtet sich weiterhin vor allem gegen die USA.

Von Sarah Schmalz (Interview) und Claudio Bader (Foto)

Franco Cavalli: «Maduro hat weder das Charisma noch das politische Geschick von Chávez.»

WOZ: Herr Cavalli, was halten Sie eigentlich von Ihrem Tessiner Berufskollegen Ignazio Cassis?
Franco Cavalli: Wir haben im Tessin zwanzig Jahre auf einen Bundesrat gewartet. Aber Ignazio Cassis ist nicht sehr beliebt bei der Tessiner Bevölkerung. Das liegt wohl vor allem an seiner Aussenpolitik. Die Befindlichkeiten sind hier etwas anders als in der restlichen Schweiz. Wir waren 300 Jahre lang praktisch eine Kolonie der deutschen Schweiz …

Ist das nicht übertrieben?
Vielleicht. Aber es gibt Parallelen: Wie in den Kolonien hat unser Bürgertum von den kleinen Zuwendungen der Mutternation gelebt und selbst nichts zustande gebracht. Es gab im Tessin nie eine richtige Industrie. Viele Tessiner haben deshalb grosse Sympathien für die Kleinen, die sich gegen eine Übermacht auflehnen. Cassis aber hat sofort einen sehr USA- und israelfreundlichen Kurs eingeschlagen. Das stört viele Tessiner, weil ihre Sympathien bei den Palästinensern und den Kubanern liegen.

Reden wir über Ihre eigenen Sympathien. Wann haben Sie sich zum letzten Mal mit der kubanischen Regierung getroffen?
Ich reise fast jedes Jahr nach Kuba, zuletzt diesen Mai. Unsere Hilfsorganisation Medicuba ist zwar unabhängig, aber wir koordinieren die Projekte natürlich mit der Regierung. Deshalb habe ich auch diesmal den Gesundheitsminister getroffen. Wir haben mit den Projekten 1991 angefangen, als Kuba wegen des Verschwindens der sozialistischen Länder in der grossen Krise steckte. Das Bruttosozialprodukt brach damals innert eines Jahres um fünfzig Prozent ein. Das muss man sich mal vorstellen! Bei der griechischen Krise waren es achtzehn Prozent.

Sie sind ein klassischer Achtundsechziger, heute verteidigen Sie die sozialistischen Regimes in Kuba oder Venezuela. Können Sie nicht loslassen?
Ja, ich wurde während des Vietnamkriegs politisiert. 1985 dann sahen meine heutige Frau und ich einen Film über die sandinistische Revolution in Nicaragua. Sie sagte: «Da will ich hin.» Also gingen wir nach Nicaragua und leisteten dort im Krieg Hilfe. Dabei kamen wir auch mit kubanischen Ärzten in Kontakt. 1985 war ich dann ein erstes Mal auf Kuba. Natürlich gibt es auf der Insel Freiheitsbeschränkungen. Aber das Land steckt auch seit Jahrzehnten in einer Ausnahmesituation. Kuba muss seit sechzig Jahren unter einer Blockade funktionieren.

Es herrscht keine Meinungs- oder Pressefreiheit, Oppositionelle werden nach wie vor verfolgt. Das Regime steckte Homosexuelle bis in die späten siebziger Jahre in Umerziehungslager …
Die Situation auf Kuba ist vergleichbar mit jener in der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Damals galt auch hier der Ausnahmezustand, die Meinungsfreiheit war eingeschränkt. Man darf Kuba nicht mit dem heutigen Europa vergleichen, sondern muss auf die umliegenden Länder schauen. In Mexiko riskieren oppositionelle Journalisten, umgebracht zu werden, in Kuba nicht. Und gegenüber den Homosexuellen hat sich Fidel Castro öffentlich entschuldigt. Inzwischen haben die Homosexuellen auf Kuba mehr Rechte als in jedem anderen lateinamerikanischen Land, und politische Gefangene gibt es auch keine mehr.

In Venezuela klammert sich Präsident Nicolas Maduro auf Kosten seiner hungernden Bevölkerung an die Macht und geht gewalttätig gegen Demonstranten vor. Leute verschwinden. Wie können Sie ihn noch verteidigen?
Ich rechtfertige das nicht, aber man muss das grosse Ganze sehen. Was im Land abgeht, ist teilweise ein gewalttätiger Klassenkampf, Reiche gegen Arme. Die Opposition war immer sehr gewalttätig, das sind Pinochet-Sympathisanten. Würden sie an die Macht kommen, hätten wir Zustände wie in Chile 1971. Als ich noch unter Chávez regelmässig in Venezuela war, lebten seine Minister gefährlich, Oppositionelle verprügelten sie, steckten ihre Autos in Brand. Chávez’ Projekt war es, die Millionen von Landsleuten, die noch nie einen Arzt oder einen Lehrer gesehen hatten, aus der absoluten Armut zu befreien. Das gelang ihm. Leider ist er zu früh gestorben, um auch sein wirtschaftliches Reformationsprojekt zu verwirklichen. Maduro hat weder das Charisma noch das politische Geschick von Chávez. Und er hat nun zu hart auf die gewalttätigen Proteste reagiert. Dennoch unterstützt ihn immer noch ein Grossteil der armen Bevölkerung.

Er hat seine Legitimation verloren, es bräuchte Neuwahlen.
Einverstanden. Aber Maduro hat das ja angeboten. Die USA, die den Putsch von Juan Guaidó unterstützten, wollen das nicht.

Die USA bleiben Ihr grosser Feind?
Ja sicher. Ich meine, ich habe viele amerikanische Freunde. Aber die Quelle des Bösen liegt in Washington. Die USA sind nach wie vor die imperiale Macht. Daran änderte auch Barack Obama nichts. Er hat vieles besser gemacht – im Nahen Osten etwa hat er aber Hunderte Menschen aussergerichtlich töten lassen. Dass er hier anders vorgehen würde, war eines der vielen Versprechen, die er nicht gehalten hat.

Franco Cavalli wird in Kürze 77 Jahre alt. Sollte aus dem Nationalratsmandat nichts werden, wird er seine politische Karriere definitiv beenden.

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