Islamischer Staat : Zum Tod des «Kalifen»

Nr.  44 –

Nach seinem Territorium verliert der sogenannte Islamische Staat nun auch seinen Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi. Die kurze Ära des Kalifats ist damit zu Ende.

Der Staat des Ibrahim Awad Ibrahim al-Badri, Nom de Guerre Abu Bakr al-Baghdadi, alias Kalif Ibrahim, existiert nicht mehr. Im Juni 2014 hatte die Gruppierung Islamischer Staat im Irak und in der Levante (Isil) das neue Kalifat ausgerufen und Baghdadi zum Kalifen, also zum Herrscher der Gläubigen, ernannt. Seither nannte sich der Isil nur noch Islamischer Staat (IS) und machte sich auf irakischem und syrischem Gebiet daran, diesen Staat zu schaffen, ungeachtet der bestehenden Grenzen.

Bürokratie des wahren Glaubens

Die Leichtigkeit, mit der der IS im Verbund mit arabischen Stämmen sein Territorium ausweitete und gar die syrische Provinzhauptstadt Rakka sowie die irakische Grossstadt Mossul eroberte, zeigt, wie willkürlich die Staatsgrenzen im Nahen Osten in den 1920er Jahren gezogen worden waren. Der späte Kolonialismus hatte in den Trümmern des Osmanischen Reichs künstliche Nationalstaaten und Königreiche geschaffen. Daneben entstanden vormoderne Königreiche und Emirate, deren Existenz die Herrscherfamilien nur dank des Ölreichtums sichern konnten.

In den eroberten Gebieten schuf der IS tatsächlich einen kleinen Staat und entsprechende Strukturen, ohne sich jedoch im Geringsten um die Anerkennung durch die restliche Staatenwelt zu scheren. Der IS verkörperte dadurch die radikalstmögliche Ablehnung der bestehenden Weltordnung und etablierte sich als Internationale sunnitischer ExtremistInnen. Doch dem Ruf Baghdadis folgten weniger die Verdammten dieser Erde als vielmehr die Verirrten aller Länder. Die Macht und die Gewalt, durch die der IS sowohl das traditionelle islamische Gefüge als auch den Westen herausforderte, erwies sich allerorten für marginalisierte oder sich marginalisiert wähnende MuslimInnen und KonvertitInnen als attraktiv. Um für sein anachronistisches Weltbild zu werben, bot der IS modern aufgemachte Islamcrashkurse für AnfängerInnen in Ost und West. Und in seinem Herrschaftsgebiet zeigte er einen geradezu obsessiven Eifer, sich religiös zu legitimieren. Um seinen absoluten Herrschaftsanspruch und seine demonstrative Grausamkeit zu rechtfertigen, schuf der IS in seiner Hauptstadt Rakka eine richtiggehende Bürokratie des wahren Glaubens.

Machtlos, gejagt, isoliert

Nun ist Abu Bakr al-Baghdadi tot. Er wurde, wie vor ihm der irakische Diktator Saddam Hussein in seinem Erdloch und der Al-Kaida-Anführer Usama Bin Laden in seinem pakistanischen Bungalow, zu einem Symbol verlorener Kämpfe: machtlos, gejagt, isoliert. Sie alle schrumpften zu Männern, deren einzige verbliebene Stärke darin lag, sich eine Zeit lang erfolgreich vor den Häschern zu verstecken. Ausgegrenzte Jugendliche in arabischen und europäischen Vorstädten dürften sich deshalb bald attraktiveren Rebellen als dem verstorbenen Kalifen zuwenden. Im Irak und in Syrien indes wird sich der Frust der SunnitInnen über ihre soziale und politische Stellung neue Ausdrucksformen suchen, sicher auch gewalttätige. Aber diese regionalen Konflikte werden sich kaum mehr zu globalen Projektionsflächen entwickeln.

Der IS ist heute wieder wie ehedem eine bewaffnete Splittergruppe ohne Territorium, mit Ausnahme einiger Gebiete in Nigeria und dem Jemen – aber diese Struktur gleicht eher einem Franchisingmodell der Marke IS als einem staatlichen Gebilde. Zwar wird er weiterhin Schiiten, Kurdinnen, Christen und Jesidinnen bedrohen – doch selbst wenn im Chaos des türkischen Angriffs gegen die kurdischen Gebiete Nordsyriens IS-Kämpfer aus kurdischer Gefangenschaft fliehen konnten, wird sich der IS kaum mehr als sichtbare militärische Organisation formieren können, sondern sich auf Bombenanschläge und Selbstmordattentate beschränken müssen. Ob der IS überhaupt noch in der Lage ist, anstelle des toten einen neuen Kalifen zu ernennen? Und ob das dann noch jemanden interessiert?