Nr. 48/2019 vom 28.11.2019

Hütet euch vor Führerfiguren

Von Bettina Dyttrich

Der Brite Roger Hallam, Mitgründer der Klimabewegung Extinction Rebellion (kurz XR), hat den Holocaust als «just another fuckery in human history» bezeichnet. Ein Genozid sei «fast ein normales Ereignis», sagte er weiter im Gespräch mit der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit». Viele, auch viele XR-AktivistInnen, reagieren empört, der Ullstein-Verlag hat das geplante Buch des Briten zurückgezogen. Hallams Aussagen sind dumm und egoistisch: Er zwingt alle XR-AktivistInnen, sich dazu zu verhalten, und gibt jenen, die die Klimabewegung ohnehin für hysterisch halten, einen Grund zur Häme.

Roger Hallam ist eben nicht einfach ein XR-Aktivist unter Tausenden anderen. Das Problem liegt in der Struktur der Bewegung: Eine kleine Gruppe aus Grossbritannien hat XR letztes Jahr gegründet. Hallam und MitstreiterInnen waren von Anfang an namentlich bekannt und suchten den Kontakt mit den Medien. Weil viele Menschen das Bedürfnis haben, klimapolitisch aktiv zu werden, ist XR sehr schnell gewachsen und hat eine breite Öffentlichkeit erreicht. Die Gruppen in den verschiedenen Ländern übernehmen Logo, Prinzipien, teils auch Communiqués, Reden und Videos der Gründungsgruppe, ohne deren Mitglieder persönlich zu kennen. Das ist praktisch, denn es geht schnell. Aber es ist letztlich ein Top-down-Ansatz. Und vor allem: Wer sich XR nennt, macht sich so automatisch mitverantwortlich für das, was die Gründungsgruppe sagt und tut.

Viele linke Basisbewegungen lehnen Führerfiguren ab. Für die Medien ist das manchmal unpraktisch. Aber das Misstrauen ist berechtigt – das zeigt das Beispiel Roger Hallam.

Die deutschen Linken debattieren bereits seit Monaten heftig über XR. Die Bewegung wirke in ihrem Auftreten wie eine Endzeitsekte, so eine häufig geäusserte Kritik. Und sie idealisiere das Verhaftetwerden als politisches Mittel – ohne daran zu denken, dass Verhaftungen vor allem für Menschen, die nicht dem weissen Mittelstand angehörten, gefährlich und traumatisch sein könnten. Zu hoffen bleibt, dass die Klimabewegung gestärkt aus diesen Kontroversen hervorgeht. Sie ist zu wichtig, um sich zu zerstreiten.

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