Nr. 51/2019 vom 19.12.2019

Offensiv, aber nicht aggressiv

In Deutschland haben die Ende-Gelände-AktivistInnen zum zweiten Mal dieses Jahr erfolgreich Kohletagebaue blockiert. In der Region Leipzig ist Widerstand gegen die Kohle nichts Neues.

Von Bettina Dyttrich, Leipzig

Dann rennen die 1200 plötzlich los. Nicht nach vorn, wo die Polizei steht, sondern nach links, über Parkplätze, an Wohnblöcken vorbei. Der «goldene Finger» von Ende Gelände ist unterwegs, um den Braunkohletagebau Vereinigtes Schleenhain zu blockieren.

Es ist Samstagmorgen, 30. November, in Neukieritzsch, zwanzig Kilometer südlich von Leipzig. In der Nacht ist ein Hauch Schnee gefallen. Über ihrer Winterkleidung tragen die AktivistInnen die weissen Maleranzüge, die zum Markenzeichen von Ende Gelände geworden sind. Manche haben auch goldene Halstücher und Wimpel dabei: Die Strategie, sich in farblich gekennzeichnete «Finger» von einigen Hundert Personen aufzuteilen, statt dass alle zusammen losziehen, hat sich bewährt (siehe WOZ Nr. 44/2018).

Im Laufschritt geht es durch ein malerisches, sumpfiges Wäldchen. Nur einige wenige im «Finger» kennen den genauen Plan. Die anderen vertrauen ihnen, denn das Ziel ist klar: Kohleinfrastruktur blockieren. Es gelingt: Die wenigen PolizistInnen können die Menge nicht stoppen. Kurz vor 10 Uhr stehen die AktivistInnen direkt vor den grossen Kohlebaggern. Sie teilen ihren Proviant, manche halten sich singend und tanzend warm. Am Horizont steht das Kohlekraftwerk Lippendorf, in dem die Braunkohle aus Schleenhain verbrannt wird. Eine riesige Dampfwolke zieht sich quer über den Himmel.

Das erste Adventswochenende ist ein Erfolg für Ende Gelände: Rund 4000 Menschen blockieren im Osten Deutschlands gleichzeitig drei Braunkohletagebaue und mehrere Gleise, auf denen die Kohle zu den Kraftwerken gelangt.

Schon zu DDR-Zeiten

Die Klimabewegung ist empört über das völlig ungenügende «Klimaschutzpaket», das der Bundestag Mitte November beschlossen hat. Es sieht einen Preis für CO2 vor – der allerdings zu tief ist, um etwas zu bewirken, und mit höheren Steuerabzügen für PendlerInnen gleich wieder torpediert wird. «Die Regierung hat die Eineinhalb-Grad-Grenze aufgegeben. Aber wir nicht», sagt Sina Reisch, eine der SprecherInnen von Ende Gelände, an der Pressekonferenz zwei Tage vor den Aktionen.

An diesem Tag diskutieren in einem Hörsaal der Universität Leipzig zwei Umweltaktivisten, die schon zu DDR-Zeiten aktiv waren, mit zwei Frauen, die heute für ihr Dorf kämpfen. Mühlrose in der Lausitz soll im Braunkohletagebau Nochten verschwinden. Seit Jahren werde dem Dorf wegen der nahen Kohlegrube das Grundwasser entzogen, erzählt die Bäuerin Ramona Höhn. Die Obstgärten müssten sie jetzt bewässern: «Wir müssen das Wasser in Tausendliterfässern mit dem Traktor herbringen. Pro Woche brauchen wir 38 000 Liter allein für das Obst.» Das Energieunternehmen Leag habe nie eine Entschädigung für die Ertragsausfälle bezahlt. Es wolle die BewohnerInnen von Mühlrose möglichst schnell umsiedeln, obwohl es noch gar keine Genehmigung für das Abbaggern des Gebiets habe.

«Ähnliches haben wir zigfach im Süden von Leipzig erlebt», sagt Thomas Thiel. Zu DDR-Zeiten reichte der Tagebau Cospuden bis an den Stadtrand. «Die Luftqualität war katastrophal, die Quecksilberwerte viel zu hoch, viele Kinder wurden krank.» Sein eigener Sohn habe unter der Atemwegserkrankung Pseudokrupp gelitten. Thiel zeigt eindrückliche Schwarzweissfotos der damaligen Kraftwerke und der zerstörten Dörfer. Engagierte ChristInnen des Kirchlichen Forschungsheims Wittenberg unterstützten die Leipziger Umweltgruppen. «Wir liessen aus Protest Mozarts Requiem laufen, das die Baggergeräusche übertönte.» Flugblätter verteilen wäre hingegen zu weit gegangen. «Die Briefe nach Wittenberg fand ich alle in meinen Stasi-Akten wieder.»

Thiel sympathisiert mit Ende Gelände: «Die Kohleindustrie hat Zehntausende von Häusern vernichtet – und dann verklagt sie Leute wegen Hausfriedensbruch, wenn sie in die Tagebaue gehen. Das ist doch zynisch.»

«Das ist toter Boden»

Nicht nur im Osten, auch im Rheinischen Revier westlich von Köln sind immer noch Dörfer von der Kohleindustrie bedroht. Seit einem Jahr organisieren sie sich gemeinsam: «Alle Dörfer bleiben» heisst das neue Bündnis. Der ehemalige Landwirt Jens Hausner ist einer der SprecherInnen. Er lebt in Pödelwitz, am Rand des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain, und hat einen grossen Teil seines Bodens bereits verloren. «Rekultiviertes» Land auf ehemaligem Tagebaugebiet will er nicht: «Das ist toter Boden ohne Wasserschichten, ohne Mikroorganismen.» Der untersetzte Landwirt mit Bürstenschnitt wirkt nicht wie ein Alternativer. Aber an der Pressekonferenz spricht er seine «uneingeschränkte Solidarität» mit Ende Gelände aus. «Ziviler Ungehorsam ist ein wichtiger Bestandteil einer gesunden Demokratie.»

Der deutsche Verfassungsschutz beobachtet die «linksextremistisch beeinflusste Kampagne» Ende Gelände. Doch die Spaltung der Klimabewegung in sympathische Jugendliche und böse Radikalos funktioniert überhaupt nicht – auch weil Ende Gelände alte Linksradikalenklischees geschickt unterläuft. Die Bewegung schafft es immer wieder, offensiv, aber nicht aggressiv zu wirken. «Wir werden uns ruhig und besonnen verhalten», heisst es im Aktionskonsens, und so geschieht es auch im Tagebau Vereinigtes Schleenhain: Als die Polizei Einzelne mit roher Gewalt aus der Menge reisst und verhaftet, reagieren die AktivistInnen nicht mit Beleidigungen, sondern mit den Rufen «Wir wollen keine Gewalt» und «Samstags frei für die Polizei». Zuvor haben sie den Polizeipferden sogar Äpfel gefüttert. Und als die Blockade zu Ende geht, wird der Abfall fein säuberlich eingesammelt. Das kommt in Deutschland immer gut an.

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