Nr. 07/2020 vom 13.02.2020

Die Vergessenen im Olivenhain

Die Situation auf den griechischen Inseln, wo inzwischen 40 000 Menschen festsitzen, spitzt sich immer weiter zu. Geflüchtete wie EinwohnerInnen fühlen sich von der EU im Stich gelassen. Ein Augenschein.

Von Theodora Mavropoulos, Lesbos

Framaz Kakar ist vor zwei Monaten auf Lesbos angekommen. Der Fünfzigjährige flüchtete mit seiner Frau und den sechs Kindern aus Afghanistan, wo er ein internationales Transportunternehmen für Teppiche leitete, bis er von den Taliban bedroht wurde. Müde schiebt er die Plastikplane ein Stück zur Seite, die als Tür seines Zeltes dient. Auf dem Boden liegen zwei Matratzen, darauf einige ordentlich zusammengefaltete Decken. Seine beiden Söhne, sieben und fünf, streifen ihre offenen Schuhe am Zelteingang ab und ziehen schnell eine der Decken über ihre nackten Füsse.

«Hier sollte kein Mensch leben müssen», sagt Kakar und schüttelt immer wieder den Kopf. Von Europa hat er sich ein menschenwürdiges Leben erhofft, oder wenigstens Sicherheit. Doch täglich komme es zu Gewalt, die Situation sei angespannt, berichtet er. «Niemand beschützt uns. Wenn es dunkel wird, gehen wir nicht mehr aus unserem Zelt – Europa überlässt uns unserem Schicksal.»

Kälte, Rauch und Müllberge

Zu Beginn der Massenflucht Tausender Schutzsuchender nach Europa konnten die Geflüchteten, die auf den griechischen Inseln ankamen, ihren Weg in andere EU-Länder ungehindert fortsetzen. Doch seit im März 2016 das Abkommen mit der Türkei geschlossen wurde, müssen sie auf den Inseln ausharren, bis über ihren Status entschieden wird. Und das dauert, denn die Behörden brauchen viel zu lange, um die vielen Anträge zu bearbeiten. Mittlerweile sitzen über 40 000 Menschen auf den Inseln fest.

Die Kapazitäten des «Hotspots» Moria – dem vom griechischen Staat betriebenen Anmeldezentrum für Asylsuchende – reichen für knapp 3000 Menschen. Auf den Olivenhainen rundherum hat sich ein wildes Camp aus Zelten und selbstgebauten Hütten gebildet: der sogenannte Olive Grove. Mittlerweile leben in Moria über 20 000 Schutzsuchende. Etwa vierzig Prozent von ihnen sind Kinder.

Beissender Rauch liegt in der Luft. Ein stetiges Hämmern mischt sich unter das Stimmengewirr der innerhalb von Wochen entstandenen Flüchtlingsstätte rund um den Hotspot. Zwischen abgeholzten Olivenhainen spielen Kinder im Dreck, einige suchen nach Holzscheiten. Feuerstellen glimmen, Müllberge türmen sich. Es ist kalt. Die NGOs vor Ort wirken überfordert: Es sind einfach zu viele Menschen, die Hilfe brauchen.

Vier junge Männer haben in einer Erdmulde ein Feuer entfacht, auf dem ein Kessel mit Tee steht. Immer wieder wärmen sie sich die Hände über den Flammen, dann zimmern sie weiter an ihrer Hütte aus Holzpaletten und Plastikplanen. Ihr Zelt sei durch den starken Wind in den letzten Nächten zerstört worden, sagen sie. Ein junger Familienvater zeigt auf sein Zelt, das neben einem kleinen Abhang steht. In der letzten Nacht habe Regenwasser es überschwemmt – alles sei nass, seine Kinder würden frieren.

Sein Nachbar trägt einen schwach aussehenden Jungen auf dem Arm. Vorsichtig schiebt er das eine Hosenbein des Kindes nach oben. Das Bein ist mit Pusteln übersät – von der Kälte, wie der Vater erklärt. Sein Sohn sei nach zwei Tagen nötigster Versorgung im Spital weggeschickt worden, da die Kapazitäten nicht ausreichten, um ihn länger zu pflegen.

Einheimische Bürgerwehren

Unweit des Flüchtlingslagers liegt das Dorf Moria mit etwa tausend EinwohnerInnen. In den Cafés der Dorfhauptstrasse sitzen einige von ihnen, nippen an ihrem Kaffee, spielen Karten.

Maria kennt in Moria jeden Stein, sie ist auf der Insel aufgewachsen. «Früher war hier alles friedlich, leider hat sich das in den letzten Jahren geändert», sagt sie. Seit das Lager in Moria immer weiter ausser Kontrolle gerät, fühlen sich die DorfbewohnerInnen nicht mehr sicher. «Bei einer Freundin wurde bereits zweimal eingebrochen», berichtet die stämmige Rentnerin und schaut ernst über den Rand ihrer schwarz gerahmten Brille. Nein, es sei nichts Wertvolles geklaut worden, bloss Kleider und Nahrung, aber wo solle das alles hinführen? «Es kommen immer mehr Menschen hierher, und wir werden mit ihnen alleingelassen», sagt sie.

Deshalb haben die Menschen im Dorf Anfang Februar eine Bürgerwehr gegründet, die keinen der Geflüchteten ins Dorf lässt. Dass sie mit Schlagstöcken bewaffnet auch Jagd auf die Geflüchteten macht, sagt Maria nicht. In der vorherigen Woche wurden mehrere junge Männer aus dem Dorf festgenommen. «Ich verstehe die schreckliche Lage der Geflüchteten, aber wir hatten hier ein gutes, normales Leben», seufzt Maria. Wie Framaz Kakar sagt sie: «Europa überlässt uns unserem Schicksal.»

Um die Lage unter Kontrolle zu bringen, hat die liberal-konservative Regierung unter Premierminister Kyriakos Mitsotakis am 1. Januar strengere Asylgesetze erlassen: Alle AntragstellerInnen bekommen genau 25 Tage Zeit für ihr Verfahren. Können sie die Behörden in dieser Zeit nicht von ihrer Schutzbedürftigkeit überzeugen, werden sie ausgeschafft. Um ein Zeichen zu setzen, schickt die griechische Regierung neuerdings wieder abgelehnte AsylbewerberInnen zurück in die Türkei.

KritikerInnen sehen den harten Kurs der Regierung mit Sorge. Sie befürchten, dass den Geflüchteten kein gerechtes Verfahren garantiert ist und dadurch Menschenrechte grob verletzt werden.

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