Nr. 52/2020 vom 24.12.2020

Der Eindruck des Fiktionalen verpuffte jäh

Der Prozess gegen die Helfer der «Charlie Hebdo»-Attentäter brachte die Erinnerung an vergessene Opfer zurück. Dennoch ist das Resultat zwiespältig, viele Fragen bleiben offen.

Von Marc Zitzmann, Paris

Trauer und Frustration. Der Prozess zu den Attentaten vom Januar 2015, der am 16. Dezember in Paris zu Ende gegangen ist, hinterlässt unter dem Strich ungute Gefühle. Neben der strafrechtlichen Ahndung begangener Verbrechen hatte das Verfahren auch eine symbolische Funktion. Zum einen holte es den Kampf gegen den Dschihadismus aus den Gefilden des gewaltsamen Schlagabtauschs in jene des geordneten Wortgefechts zurück. Seit 2015 habe die angegriffene Republik eine Art innere Verrohung hingenommen und zum Teil mit denselben Waffen gefochten wie der Gegner, schrieb der hohe Justizbeamte Denis Salas in «Le Monde»: Aufrüstung des rechtlichen Instrumentariums, Verhängung des Ausnahmezustands über zwei Jahre hinweg, Eingreifen im syrisch-irakischen Kampfgebiet, Rekurs auf gezielte Tötungen. Nun aber ging es nicht mehr darum, Todfeinde zu eliminieren, sondern Rechtspersonen einen fairen Prozess zu machen.

Zum andern erinnerte das Verfahren daran, dass während der dreitägigen Anschlagsserie nicht nur acht Redaktionsmitglieder von «Charlie Hebdo» erschossen worden waren, sondern auch neun weitere Menschen: am 7. Januar 2015 im Gefolge der Attacke auf das Satireblatt Frédéric Boisseau, Vertreter eines Wartungsunternehmens, in der Hauswächterloge überrascht; Franck Brinsolaro, Leibwächter, gegen die Kalaschnikows der Terroristen chancenlos; Michel Renaud, Journalist auf Stippvisite aus Clermont-Ferrand; Ahmed Merabet, Polizist, der die fliehenden Mörder zu Velo zu stoppen versuchte; am 8. Januar die Stadtpolizistin Clarissa Jean-Philippe, aus heiterem Himmel in einer Vorstadt erschossen; am 9. Januar schliesslich vier Kunden eines jüdischen Supermarkts: Philippe Braham, Yohan Cohen, Yoav Hattab und François-Michel Saada.

Ihre Namen werden oft vergessen, weswegen sie hier genannt sind. Aus demselben Grund sollte man von den «Attentaten vom Januar 2015» sprechen, nicht vom «Anschlag auf ‹Charlie Hebdo›».

Handlungen haben Konsequenzen

Die drei Todesschützen, Amedy Coulibaly sowie die Brüder Chérif und Saïd Kouachi, starben am 9. Januar 2015 im Kugelhagel der Ordnungskräfte. In den Boxen des neuen Pariser Gerichtsgebäudes am nordwestlichen Stadtrand sassen deshalb bloss Helfer und Helfershelfer. In der ersten Prozesswoche wurde versucht, die Profile der elf anwesenden Angeklagten zu skizzieren (drei weitere waren kurz vor den Anschlägen nach Syrien geflohen, einer von ihnen gilt als tot). Eine Porträtgalerie von Nachtschattengewächsen: Gauner, Hehler, Spieler, Dealer, Räuber, Waffenschieber. Ihre Aussagen versetzten das Publikum in ein Milieu, das teils an Romane von Gogol, Dostojewski oder James Ellroy erinnerte, teils an Films noirs nach Dialogen von Michel Audiard oder an die Fernsehserie «The Sopranos». Eine Parallelwelt aus Lug und Trug, wo der Mensch dem Menschen eine Hyäne ist.

Der Eindruck des Fiktionalen verpuffte freilich jäh, als zu Beginn der zweiten Prozesswoche Farbfotos zum Anschlag auf «Charlie Hebdo» an die Wand projiziert wurden. «Sie sehen kleine Tafeln am Boden», erklärte ein Ermittler in sachlichem Tonfall die kurz nach dem Anschlag gemachten Polizeiaufnahmen. «Jene mit Nummern entsprechen Patronenhülsen, jene mit Buchstaben Körpern.» Eine Blutlache am Eingang: Hier wurde der Webmaster Simon Fieschi schwer verletzt. «Wenn man auf ein Täfelchen klickt, erscheint ein Bild», fuhr die ruhige Stimme fort. Im Korridor eine Markierung mit dem Buchstaben «A». Klick: der Korrektor Mustapha Ourrad, mit leerem Blick am Boden. «Wir bewegen uns jetzt zum Redaktionsraum hin», ging es nüchtern weiter. Klick: Rot über die ganze Leinwand.

Handlungen haben Konsequenzen. Wenn man Dschihadisten zu Fahrzeugen und Waffen verhilft, ist damit zu rechnen, dass sie diese für ihre Zwecke gebrauchen werden. Das ist es, wofür die elf Männer in den Boxen geradestehen mussten. Während die Brüder Kouachi ihre Spuren sorgfältig verwischt hatten, ist Coulibalys Vorbereitung der Attentate in groben Zügen bekannt. Mit falschen Papieren nahm er Ende 2014 Kredite auf, kaufte in Frankreich Autos und verhökerte sie im Ausland gegen Bargeld. So finanzierte er den Erwerb von Messern, Pistolen, Sprengsätzen, Sturmgewehren, kugelsicheren Westen und vielem mehr. Die Angeklagten halfen ihm dabei – manche weniger, manche mehr.

Wer wusste was?

Der Prozess hatte indes einen Haken. Neben der kriminellen Vereinigung waren alle Beschuldigten (bis auf einen) auch des erschwerenden Umstands des Terrorismus angeklagt. Dieser erhöht das Strafmass stark, weswegen ein jeder sich bemühte, den ganz gewöhnlichen Ganoven zu geben. Von Coulibalys Radikalisierung will keiner etwas gewusst haben – obwohl er für den Versuch von 2010, einem inhaftierten Dschihadisten zur Flucht zu verhelfen, zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Doch wie beweist man Mitwisserschaft? Zwar konnten die Staatsanwälte bei einigen Angeklagten Kontakte zu Coulibaly belegen, zum Teil sehr enge. Aber die Ahnung, wenn nicht gar Gewissheit, an einem terroristischen Projekt beteiligt zu sein, schien bei etlichen Beschuldigten vage bis inexistent.

So liessen die Richter am Ende bei sechs von ihnen den erschwerenden Umstand fallen und verurteilten neun der elf Anwesenden zu Gefängnisstrafen unter dem geforderten – oft unüblich hohen – Mass. Trotz dieser relativen Milde bleibt der nagende Zweifel, ob einige Angeklagte nicht nach dem Motto «Mitgefangen, mitgehangen» verurteilt wurden. Ein spielsüchtiger Senior etwa, der Coulibaly weder von nah noch von fern kannte und sich lediglich für den Transport einer Sporttasche zu verantworten hatte, deren Inhalt ihm ebenso gleichgültig war wie alles, was nicht das Casino tangiert, wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Der Mangel an handfesten Beweisen ist emblematisch für einen Prozess, der vieles im Dunkeln gelassen hat. Warum wurde die Pariser Bürgermeisterin vorgeladen, um Gemeinplätze vorzutragen, nicht jedoch der 2015 amtierende Innenminister? Coulibaly hatte sich seine Waffen via Mittelsmänner von einem Schieber in Lille beschafft, der Polizeiinformant war. Als Zeuge vorgeladen, brüstete sich dieser, er wisse Dinge, über die er zum Schutz der Landesinteressen nicht sprechen könne. Doch ein allfälliges Versagen der Sicherheitsdienste wurde ebenso wenig ausgeleuchtet wie die Eventualität eines Befehlsgebers im Ausland oder der Verdacht, dass weitere Terroristen Coulibaly hätten sekundieren sollen. War es schliesslich Coulibaly, der am 7. Januar 2015 in einer Pariser Vorstadt fünf Schüsse auf einen Jogger abfeuerte – möglicherweise um eine Pistole zu testen, die zwei Tage später im jüdischen Supermarkt gefunden wurde? Wir wissen es nicht. So bleibt unter dem Strich vor allem Trauer über die zahlreichen zerstörten Leben, auch jene der Angeklagten. Und Frustration über allzu viele offene Fragen.

Vielleicht bringt ja der nächste Prozess mehr Klarheit. Der Hauptangeklagte will Berufung gegen seine Verurteilung zu dreissig Jahren Gefängnis wegen Mittäterschaft bei Morden einlegen. Frankreich ist mit der Aufarbeitung der Anschläge vom Januar 2015 noch lange nicht fertig.

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