Nr. 03/2021 vom 21.01.2021

Flucht vor Gewalt, Hitze und Stürmen

Tausende Menschen haben sich von Honduras aus auf den Weg in Richtung USA gemacht. Ihre Fluchtgründe sind komplex. Eine immer grössere Rolle spielt dabei die Klimaerhitzung.

Von Toni Keppeler

Ein Jahr lang war Pause, jetzt wandern sie wieder. Letzte Woche ist in San Pedro Sula, einer Industriestadt an der honduranischen Atlantikküste, eine Karawane von MigrantInnen in Richtung USA aufgebrochen. Laut ReporterInnen vor Ort sollen sich zwischen 7000 und 9000 Menschen zusammengeschlossen haben. Sie überrannten inzwischen die Grenze zu Guatemala, wurden dann aber nahe der Stadt Chiquimula von Sicherheitskräften mit Schlagstöcken und Tränengasgranaten aufgehalten. Mehreren Hundert soll es gelungen sein, die Blockade zu umgehen.

«Wir reden hier von einem Problem der nationalen Sicherheit», rechtfertigte Guillermo Díaz, der Chef der guatemaltekischen Migrationsbehörde, auf Twitter den martialischen Einsatz. Das Land verlangt bei der Einreise das Zertifikat eines negativen Covid-19-Tests; keineR der MigrantInnen hatte beim Überrennen der Grenzanlagen ein solches vorgelegt.

Nicht die Krankheit selbst, sondern deren soziale Folgen sind für viele ein Grund für die Flucht: Tagelöhnern und Strassenhändlerinnen brach während der pandemiebedingten Einschränkungen das ohnehin extrem niedrige Einkommen weg, die Armut wurde noch schlimmer. Auch die schon vorher notorische Kriminalität hat mit der Seuche zugenommen. Die Armenviertel von Honduras werden von kriminellen Banden kontrolliert, die auch von nicht wohlhabenden Leuten flächendeckend Schutzgeld erpressen (vgl. «Zurück in ein rechtes Regime?»). Das können nun viele nicht mehr bezahlen, was häufig Mord zur Folge hat.

Immer mehr Tropenstürme

Armut und Kriminalität waren auch bei früheren Karawanen die von den MigrantInnen am häufigsten genannten Gründe für die Flucht. In diesem Jahr taucht zum ersten Mal noch ein dritter auf: die Klimaerhitzung. Nie zuvor hat es so viele Tropenstürme gegeben wie in der von Mai bis November dauernden Hurrikansaison von 2020: Dreissig solcher Unwetter rasten über das karibische Becken. Zwei der stärksten trafen im November auf die honduranische Küste. Unzählige Hütten armer Leute sind zusammengebrochen. Vom korrupten Staat kam keine Hilfe für den Wiederaufbau. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sprach in einer Erklärung von «neuen humanitären Herausforderungen»: Die «Kombination von Covid-19, sozialer Exklusion, Gewalt und klimatischen Katastrophen» habe es so in Zentralamerika noch nicht gegeben.

KlimaforscherInnen sind sich darüber einig, dass mit der zunehmenden Erwärmung der Atmosphäre die Zahl starker Hurrikans in der Karibik zunehmen wird – und damit auch die Not der Armen. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration ist in diesem Fall offensichtlich. In der Regel sind die Gründe, die zum Entschluss führen, anderswo ein besseres Leben zu suchen, freilich sehr viel komplexer. Die Klimaerhitzung hat aber immer öfter damit zu tun.

Eine bald unbewohnbare Gegend

So verläuft vom Süden Mexikos über Guatemala, El Salvador, Honduras und Nicaragua bis in den Norden von Costa Rica ein über 1000 Kilometer langer und zum Teil über 200 Kilometer breiter Landstrich, der «corredor seco», «trockener Korridor», genannt wird. Er wird von Bergen vom Regen abgeschirmt und gilt traditionell als Hungerzone. Mit dem Klimawandel wurden die ohnehin spärlichen Niederschläge in dieser Gegend noch weniger und unregelmässiger; gleichzeitig steigt die Durchschnittstemperatur. Gemäss Bericht des Weltklimarats von 2014 werden weite Teile des Korridors in wenigen Jahrzehnten unbewohnbar sein.

Schon jetzt wandern nach Missernten viele KleinbäuerInnen aus dieser Gegend aus. In der Regel gehen sie auf der Suche nach Arbeit zunächst in die grösseren Städte. Dort füllen sie die Armenviertel, die immer chaotischer und unkontrollierbarer werden – ein ideales Umfeld für kriminelle Banden. Erst dort und oft unter Todesgefahr fällt dann die Entscheidung, in den Norden zu gehen.

Die USA als Ziel liegen auf der Hand: Zum einen sind die dazwischenliegenden Länder genauso unsicher wie die Heimat, zum anderen sind in den Bürgerkriegen in den siebziger, achtziger und neunziger Jahren Millionen ZentralamerikanerInnen dorthin geflohen. Viele MigrantInnen haben Verwandte in den USA, die ihnen das Ankommen erleichtern können.

Dass die riesige Karawane gerade jetzt aufgebrochen ist, hat jedoch einen anderen Grund. Die MigrantInnen hoffen, die US-Grenze zu erreichen, wenn dort nicht mehr Donald Trump, sondern Joe Biden Präsident ist. Dieser hat versprochen, gleich an seinem ersten Tag im Amt den Kongress damit zu beauftragen, das von Trump harsch verschärfte Einwanderungsgesetz durch eine «humanere Politik» zu ersetzen. Das allerdings wird dauern. Man werde dafür «die nächsten sechs Monate» brauchen, hat Biden verkündet. Für die Menschen, die jetzt unterwegs sind, ist das zu lange.

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