Nr. 06/2021 vom 11.02.2021

Der Manager mit Stasi-Erfahrung

Der Ostdeutsche Matthias Warnig leitet von Zug aus den Bau des Prestigeprojekts Nordstream 2. Er hat viel dazu beigetragen, Wladimir Putins Einfluss auf die Schlüsselbereiche der russischen Wirtschaft auszuweiten.

Von Daniel SternMail an AutorIn

Als Wladimir Putin im Mai 2018 mit viel Pomp zum vierten Mal als Staatspräsident vereidigt wird, steht Matthias Warnig in der zweiten Reihe, gleich hinter dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, dem damaligen Premierminister Dmitri Medwedew und dem deutschen Altbundeskanzler Gerhard Schröder. Warnig gehört zu Putins Hofstaat. Der 65-Jährige aus der ostdeutschen Niederlausitz, der inzwischen in der Nähe von Freiburg im Breisgau lebt, leitet derzeit vom steuergünstigen Zug aus das acht Milliarden Euro teure Bauprojekt Nordstream 2.

Warnig kann auf eine erstaunliche Karriere zurückblicken: Sechzehn Jahre arbeitete der ausgebildete Ökonom für den Staatssicherheitsdienst der DDR. Seine Aufgabe: Wirtschaftsspionage im Westen. Laut Recherchen des «Wall Street Journal» soll er damals rund zwanzig Westagenten rekrutiert haben. Auch mit Putin habe er zusammengearbeitet, der als KGB-Offizier in Dresden stationiert war. Warnig bestreitet dies allerdings. Sicher ist: Vom berüchtigten DDR-Geheimdienstchef Erich Mielke bekam er die «Medaille für treue Dienste in der Nationalen Volksarmee» in Gold angesteckt. Das war im Jahr, als die Mauer fiel und die DDR sich aufzulösen begann.

Ein enger Freund der Familie

Für Warnig ist die Wiedervereinigung kein Karriereknick. Schon im Mai 1990 heuert er bei der westdeutschen Dresdner Bank an, die ExpertInnen für ihre Expansionspläne im Osten braucht. Seine Stasi-Vergangenheit verschweigt er. 1991 schickt ihn die Bank nach Russland, wo in St. Petersburg eine erste Filiale eröffnet werden soll. Warnig trifft erneut (oder erstmals) auf Putin, der damals in der Stadtverwaltung arbeitet und für Aussenkontakte zuständig ist. Sie werden Freunde. Laut dem russischen Oppositionellen Alexei Nawalny soll Warnig Putin in dieser Zeit auch Geld geliehen haben. 1997 verbringen die beiden Familien gemeinsame Ferien in Davos.

Als Putin im Jahr 2000 Präsident wird, ist Warnig Chef der Dresdner Bank in Russland. 2003 wird er in den Verwaltungsrat der Bank Rossija gewählt – der Bank von Putins St. Petersburger Freunden, die um diese Zeit so richtig abhebt. Ausgangspunkt für den Aufstieg ist laut dem russischen Whistleblower Sergei Kolesnikow die Medizintechnikfirma Petromed, die damals ebenfalls von Putins Freunden kontrolliert wird: Auf Druck des mächtigen Putin-Apparats mussten die in der Amtszeit von dessen Vorgänger Boris Jelzin reich gewordenen Oligarchen der Firma Hunderte Millionen US-Dollar zur Ausrüstung von Spitälern spenden.

In Tat und Wahrheit seien die Gelder sowohl in den Bau von Putins inzwischen berühmtem Palast am Schwarzen Meer geflossen, aber auch in die Bank Rossija. Diese soll mit den Geldern wiederum staatliche Schlüsselunternehmen aufgekauft haben, die das Regime zur Privatisierung freigegeben hatte. Dabei habe sie auch von vorteilhaften Tauschgeschäften profitiert. So sicherte sich die Bank ein Medienimperium aus TV- und Radiostationen sowie Zeitungen – für Putins Propagandamaschine von unschätzbarem Wert.

150 Kilometer fehlen

2006 macht Warnig einen weiteren Karriereschritt: Er wird CEO von Nordstream in Zug, das zur Mehrheit vom russischen Konzern Gazprom kontrolliert wird. Das Unternehmen baut in den folgenden Jahren eine Pipeline von Russland nach Deutschland – ein geostrategisches Projekt Putins. Die Pipeline verläuft auf dem Boden der Ostsee, womit die Abhängigkeit von bestehenden Pipelines durch die Ukraine, Belarus und Polen vermindert wird. Die Vereinbarung dazu hat Putin mit dem damaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder zu Ende verhandelt. Als die Regierung Schröder 2005 abgewählt wird, verschafft er ihm den gut bezahlten Posten als Verwaltungsratspräsident von Nordstream.

Der erfolgreich verlaufene Bau von Nordstream 1 beschleunigt Warnigs Aufstieg weiter: Er wird unter anderem Verwaltungsrat von Rosneft, dem grössten Erdölunternehmen Russlands, sowie zwischenzeitlich Verwaltungsratspräsident des russischen Aluminiumgiganten Rusal. Inzwischen managt Warnig als CEO den Bau von zwei weiteren Erdgasröhren durch die Ostsee: das Nordstream-2-Projekt. Die Vollendung des Baus stockt allerdings. Ende 2019 hat der US-Kongress ein Gesetz verabschiedet, das Strafen für alle Firmen vorsieht, die sich am Bau beteiligen. Viele sind deshalb aus dem Projekt ausgestiegen. Und noch sind die Röhren auf einer Länge von 150 Kilometern nicht verlegt. Ob das Vorhaben vollendet wird, bleibt offen: Nach der Verhaftung von Alexei Nawalny hatte das EU-Parlament einen Baustopp verlangt. Das fordert inzwischen auch die französische Regierung.

Warnig kann das nichts anhaben. Er hat vorgesorgt. So gehört ihm in Zürich eine Firma namens Interatis, die Beteiligungen an anderen Unternehmen hält. 2017 recherchierte die russische Sektion der NGO Transparency International, dass Warnig somit zwölf Prozent der Beratungsfirma Lambert Energy besitze – und damit ausgerechnet jenes Unternehmens, das den Ölkonzern BP bei einem Milliardendeal mit Rosneft beraten hatte, in dessen Verwaltungsrat wiederum bekanntlich Warnig sitzt. Auf beiden Seiten mitmischen: Warnig kann das offenbar auch heute noch.

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